Landesmuseum setzt modisches Statement

Stuttgart (fh) – Was macht Mode zu Mode, dieser Frage geht das Landesmuseum Württemberg derzeit mit einer großen „Fashion?!“-Ausstellung auf den Grund – und rückt dabei die Menschen in den Fokus.

Den Laufsteg gibt es beim virtuellen Rundgang nicht. Die Tänzer des House of St. Laurent zeigen aber auch im Internet, wie man sich in Pose wirft. Foto: Fiona Herdrich

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Den Laufsteg gibt es beim virtuellen Rundgang nicht. Die Tänzer des House of St. Laurent zeigen aber auch im Internet, wie man sich in Pose wirft. Foto: Fiona Herdrich

Die hohen, dunklen Räume sind nur von wenigen Spots sowie dem Schein von Bildschirmen und Leinwand-Projektionen beleuchtet, im Hintergrund ertönt bereits die Musik der Show. Gleich kommt Karl Lagerfeld um die Ecke, könnte man meinen. Oder Kate Moss. Oder Madonna. Das Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss in Stuttgart stellt bei seiner großen Landesausstellung „Fashion?! Was Mode zu Mode macht“ nicht die Kleidung ins Rampenlicht, sondern die Menschen, die diese tragen.

Das heißt natürlich nicht, dass keine außergewöhnlichen Kreationen von großen Designern oder berühmte Outfits von Stars zu sehen sind – im Gegenteil. Sie werden gleichberechtigt neben dem Umgang von Ottonormalverbrauchern mit ihrer Garderobe präsentiert, und auch der Ausstellungsbesucher ist eingeladen, seinen eigenen Mode-Typ zu analysieren und sich ins Verhältnis zu den Objekten zu setzen.

„Kleidung wird erst zur Mode durch die Menschen, die sie tragen“, sagt Agnes Obenhuber, Referatsleiterin Kulturvermittlung. Denn Kleidung bedeutet immer Kommunikation. Sie definiert sozialen Status, Körper und Geschlecht, ist Kommunikationsmittel und entscheidet über Zugehörigkeit und Ausschluss, heißt es im Pressetext des Landesmuseums.

Selbstanalyse per bunten Stickern

Und kommunizieren sollten eigentlich auch die Museumsgäste – zur Ausstellungseröffnung noch corona-konform mit bunten Stickern auf Jacke, T-Shirt oder Tasche. Ähnlich einem Selbsttest in einer Frauenzeitschrift wurden Stationen mit persönlichen Fragestellungen, etwa „Mode ist für mich...“, und je vier Antwortmöglichkeiten in Form von farbigen Aufklebern mit Symbolen eingerichtet. Mit dem Teil-Lockdown wurde aber auch das Landesmuseum wenig später geschlossen. Die Schau ist aber im Internet – ohne die interaktiven Elemente – zu sehen.

Ein Selbsttest soll den eigenen Modetyp verraten und zeigen, wie andere zu dem Thema stehen. Im digitalen Ausstellungsraum ist die Schau jedoch nur ohne die interaktiven Elemente zu sehen. Foto: Fiona Herdrich

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Ein Selbsttest soll den eigenen Modetyp verraten und zeigen, wie andere zu dem Thema stehen. Im digitalen Ausstellungsraum ist die Schau jedoch nur ohne die interaktiven Elemente zu sehen. Foto: Fiona Herdrich

Wie unterschiedlich Menschen Mode leben, wird gleich zu Beginn mit Video-Statements unterschiedlichster Personen deutlich. Während es den 80-jährigen Kunstfotografen teilweise davor graust, wie Passanten in der Stadt angezogen sind, sieht die 30-jährige DJane Mode als etwas sehr persönliches, für das niemand verurteilt werden sollte. „Wir wollten einen Querschnitt zeigen, von der Fashionista bis zum Modemuffel“, erklärt Obenhuber.

T-Shirts mit politischen Statements: Plakativer kann Kleidung kaum kommunizieren. Foto: Fiona Herdrich

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T-Shirts mit politischen Statements: Plakativer kann Kleidung kaum kommunizieren. Foto: Fiona Herdrich

Eingerahmt werden die Videos von Shirts mit politischen Statements, von Anti-Atomkraft über den Brexit bis zur Liebeserklärung an Baden-Württemberg. Plakativer kann man mit Kleidung kaum kommunizieren. In die überwiegend dunkle Szenerie der Ausstellung kommt Farbe hauptsächlich durch die Objekte ins Spiel. Und die sind ebenso vielfältig wie die Auswahl der Fashion-Testimonials.

Glamouröse Roben bringen Farbe ins Spiel. Foto: Fiona Herdrich

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Glamouröse Roben bringen Farbe ins Spiel. Foto: Fiona Herdrich

Im Ausstellungsbereich „Mode machen“ sind sie endlich zu sehen – die legendären Kreationen großer Namen von Westwood bis Dior. Empörung löste etwa seiner Zeit der Herrenrock von Jean Paul Gaultier aus. Wirklich durchgesetzt hat er sich nie, im Gegensatz zum Minirock für die Damen, erfunden von Mary Quant, die in der Ausstellung mit einem kurzen Regenmantel vertreten ist. Vergangenheitsfuturismus verströmt der Telefonanzug, der neben einem – aus heutiger Sicht – zukunftsweisendem Kleid aus dem 3D-Drucker und einem LED-Rock präsentiert wird. Deutlich ist auch der Kontrast zwischen opulent-glamourösen Roben von Dior oder Marie-Luise Carven und den elegant-schlichten Entwürfen von Hugo Boss oder Jil Sander.

Dennoch sei der Prozess, wie ein Kleidungsstück entsteht, immer derselbe, sagt Obenhuber. Zwei Absolventen der Hochschule Pforzheim geben darum beispielhaft einen Einblick in ihre Arbeit vom Entwurf bis zur Kollektion, wobei es sich in einem Fall um aufwendige Kostüme für Dragqueens handelt.

Queere-Kultur ist zum Teil auch das Thema der nächsten Installation. Wer auf Netflix die Serie „Pose“ gesehen hat, der bringt das Tanzvideo am Ende eines von Spiegeln gesäumten Laufstegs schnell mit der sogenannten Ballroomkultur in Verbindung. Tatsächlich war „Pose“ die Inspiration für diesen Bereich, wie Museumsmitarbeiterin Agnes Obenhuber erklärt.

„Voguen“ wie Madonna

Auch wer sich noch an Modannas Musikvideo „Vogue“ von 1990 erinnert, dem wird der Stil der Tänzer des Berliner House of St. Laurent bekannt vorkommen. „Voguing“ nennen sich die linearen Arm- und Beinbewegungen, die von den Posen der Models in Modemagazinen wie der namensgebenden „Vogue“ inspiriert sind. Sollte die Ausstellung wieder geöffnet sein, darf hier jeder Besucher seinen besten Walk zeigen – mit lebendiger Handtasche, wie bei Laufstegtrainer Bruce Darnell, oder auch einfach wie er mag.

Der Catwalk stellt den Übergang dar zum Bereich „Mode zeigen“ mit der Entwicklung der Modefotografie und der Modenschauen, wie historische und aktuelle Aufnahmen zeigen. Gab es in den 50ern noch einen Moderator, der den Damen von Welt die Trends präsentierte, rückten später die Topmodels in den Vordergrund, und heute soll möglichst viel Diversität gezeigt werden.

Influencer vergangener Jahrzehnte: Stilikonen und ihre Signature Looks beeinflussen die Mode. Foto: Fiona Herdrich

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Influencer vergangener Jahrzehnte: Stilikonen und ihre Signature Looks beeinflussen die Mode. Foto: Fiona Herdrich

Viel Raum nehmen die Fashion Icons und ihre Signature Looks ein. Große schwarz-weiße Aufnahmen zeigen die Stil-Ikonen ihrer Zeit und lassen sie wirken, als wären sie gerade gemeinsam auf dem roten Teppich. Für jeden ist ein Idol dabei: Kaiserin Sissi steht neben Kate Middleton, Conchita Wurst, Nina Hagen und David Bowie. Das schwarze Kleid der Kaiserin von Österreich ist das älteste Exponat der Schau. Am anderen Ende des Zeitstrahls befinden sich die Buffalo-Schuhe der Stuttgarter Influencerinnen Lisa und Lena. Und gewissermaßen war auch Sissi eine Influencerin ihrer Zeit, hat sie doch das Idealbild der Frau (untergewichtig und mit Wespentaille) geprägt.

Ökoschlappen werden Designerstück

Adel beeinflusst auch heute noch. Die Duchess of Cambridge trägt nicht nur Haute Couture, sondern auch von der Stange. Nachdem Kate Middleton 2018 bei einem Poloturnier in einem Kleid der Modekette Zara gesehen worden war, war das blau-weiß gestreifte Teil in kürzester Zeit vergriffen. Wer eine Stil-Ikone oder sein persönliches Modevorbild vermisst, kann, wenn die Schau wieder öffnet, den Namen auf einer Magnettafel verewigen – jedenfalls so lange, bis ein anderer Besucher zum Beispiel ein C oder ein O braucht.

Die Titelseiten verschiedener Modezeitschriften zeigen, wie sich das Schönheitsideal über Jahrzehnte hinweg verändert. Foto: Fiona Herdrich

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Die Titelseiten verschiedener Modezeitschriften zeigen, wie sich das Schönheitsideal über Jahrzehnte hinweg verändert. Foto: Fiona Herdrich

Ebenfalls eine Ikone und mit einer ganzen Vitrine gewürdigt ist das Modemagazin „Vogue“. Das Hochglanzblatt feierte erst vergangenes Jahr sein 40-jähriges Bestehen in Deutschland. Ebenfalls nur vor Ort möglich: Eine Sitzgruppe mit Sofa und Couchtisch lädt zum Blättern ein, bietet aber auch den perfekten Blick auf die Wand mit Titeln verschiedener Modemagazine, die Schönheitsideale im Wandel der Zeit zeigen. Ihnen gegenübergestellt ist ein Bildschirm mit ständig wechselnden Social-Media-Posts. 2020 finden die Trends eben auf Instagram und Pinterest statt.

Birkenstock haben einen Bedeutungswandel erfahren und sind in den vergangenen Jahren immer modischer geworden. Foto: Fiona Herdrich

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Birkenstock haben einen Bedeutungswandel erfahren und sind in den vergangenen Jahren immer modischer geworden. Foto: Fiona Herdrich

Egal ob Modenschauen, Zeitschriften oder Soziale Medien, sie sind sicher nicht ganz unschuldig daran, dass manche Kleidungsstücke im Lauf der Zeit einen Bedeutungswandel erfahren. Waren Birkenstock früher Ökoschlappen, schickte der Valentino-Designer Pierpaolo Piccioli die Latschen für seine Kollektion 2019/20 über den Catwalk und machte sie zum Must Have.

Dann ist wieder der Museumsbesucher gefragt. In seiner Rolle als Modekonsument soll er einen Blick auf das Etikett seines T-Shirts oder Hemds werfen und das Herstellungsland auf einer Weltkarte markieren. Wobei Obenhuber zu bedenken gibt, das „Made in...“ immer nur das Land angebe, in dem der letzte Arbeitsschritt ausgeführt wird. Der Modehimmel – von der Decke hängen weiße Shirts mit aufgedruckten Zahlen – informiert über den Nachhaltigkeitsaspekt von Kleidung, der – wenig überraschend – mehr als verbesserungswürdig ist.

Ein Shirt mit der Aufschrift „Equality“ und ein gelber Rock stammen von Konzeptkünstler Jojo Gronostay, der für sein Label „Dead white Men’s Clothes“ Second-Hand-Kleidung in Szene setzt, um Fast Fashion zu kritisieren. Ein Video stellt außerdem verschiedene Ansätze für Slow Fashion vor.

In der physischen Ausstellung wird es am Ende Zeit, den Selbsttest aufzulösen. Welcher Mode-Typ sie sind, können die Besucher anhand ihrer Sticker ablesen. Vier Menschen aus dem Raum Stuttgart haben für das Landesmuseum ihre Kleiderschränke geöffnet und werden als typische Beispiele präsentiert. Die Sticker können auf einem Spiegel am Ausgang hinterlassen werden – für die Statistik.

Virtueller Rundgang möglich

Mit der Großen Landesausstellung „Fashion?! Was Mode zu Mode macht“ ist seit kurzem auch das Württembergische Landesmuseum auf Google Arts & Culture präsent. Die Plattform bietet virtuelle Rundgänge an. Mit einer multimedialen Erzähleinheit macht das Landesmuseum die derzeit geschlossene Präsentation zum Thema Fashion digital erlebbar. Die Kuratorinnen der Großen Landesausstellung haben ein Erzählkonzept entwickelt, das die Highlight-Objekte und Themen der Ausstellung in Bild, Text, Audio und Video vermittelt. Das Angebot ist kostenlos über Google Arts & Culture sowie über die gleichnamige App verfügbar und kann unter diesem Link aufgerufen werden.

Wer sich für Museen und Ausstellungen in Stuttgart interessiert, kann dort auch einen Blick ins Museum der Illusionen werfen. Nachhaltigkeit ist außerdem das Thema der Schau „Echt Glanz Stücke“ im Schloss Neuenbürg. Beide hat ebenfalls Fiona Herdrich dieses Jahr vorgestellt.


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