Landesmusikrat fordert Leitlinien für Konzertleben

Karlsruhe/Baden-Baden (sr) – Der Präsident des Landesmusikrats, Hermann Wilske, setzt sich im BT-Interview für eine kontinuierliche Weiterführung der Schul-Ergänzungsfächer Musik und Orchester ein.

Das wird es für längere Zeit nicht mehr geben: Chor und Orchester dicht gedrängt auf einer Bühne – in einem voll besetzten Konzertsaal. Foto: Korsch/dpa/Archiv

© picture-alliance / dpa

Das wird es für längere Zeit nicht mehr geben: Chor und Orchester dicht gedrängt auf einer Bühne – in einem voll besetzten Konzertsaal. Foto: Korsch/dpa/Archiv

Weder im Festspielhaus noch in einer Schulaula gibt es zurzeit Orchesterkonzerte. Chorgesang darf nicht mal mehr in der Kirche erklingen, Laienensembles sind seit Monaten ohne ihre Probenabende, Instrumentalunterricht findet höchstens unter erschwerten Bedingungen statt. Der Corona-Lockdown hat die Musikszene schwer getroffen. Wird er sie auch verändern? Dazu befragte BT-Redakteurin Sabine Rahner den Präsidenten des Landesmusikrats Baden-Württemberg, Hermann J. Wilske. Der Musikpädagoge und Hochschuldozent fordert einen „Pandemierat“, um das reiche Musikleben des Landes möglichst unbeschadet aus der Krise zu führen.

BT: Herr Professor Wilske, wo brennt es denn zurzeit am meisten?

Hermann J. Wilske: Die Situation ist schwierig, vor allem auch im Amateurbereich. Aber die ganz großen Probleme, fürchte ich, kommen erst noch. Das sind die Kulturetats der kommenden Jahre, das ist das Wiederhochfahren des Musikbetriebes, eine vollständige Lockerung, die immer noch nicht absehbar ist. Wir werden noch erhebliche Anstrengungen vornehmen müssen, um diese Pandemie zu bekämpfen. Was mich besonders bewegt: Beinahe täglich rufen etwa Chorleiter bei mir an, ich möge mich doch mit Entschiedenheit in der Politik dafür einsetzen, dass Chorsingen in alter Form wieder möglich ist. Man hat die Befürchtung, dass die Chöre nach dem Lockdown nicht mehr dieselben sind, allein schon wegen der hohen Altersstruktur in vielen Chören. Da schlagen nun zwei Herzen in meiner Brust: Es darf nie passieren, dass die Pandemie aufgrund des Musizierens und Singens wieder aufflammt, – denn dann hätten wir ja Kollateralschäden, von denen wir uns lange nicht mehr erholen würden. Auf der anderen Seite kann ich es doch sehr gut verstehen, dass die Chöre um ihre Existenz bangen.

BT: Wie hilft der Landesmusikrat ganz konkret?

Wilske: Das erste war, dass ich früh einen Gipfel angestrebt habe – vor etwa drei Wochen traf sich so das Wissenschaftsministerium mit der ganzen Amateurmusik im Land in einer Videokonferenz. Auch das Freiburger Institut für Musikermedizin war dabei. Das ist ab jetzt unser Ansprechpartner in allen kritischen Fragen, vor allem was Blasinstrumente und Singen angeht. Ich habe gehört, dass das Institut mehr Mittel bekommen soll, um die Forschungsbasis zu erweitern, damit wie noch mehr Sicherheiten haben. Das halte ich für ganz wichtig.

BT: Es fließen viele finanzielle Mittel jetzt. Wie beurteilen Sie die bisherigen Hilfen durch das Land?

Wilske: Ich kritisiere ja leidenschaftlich gern aus beruflichen Gründen die zuständigen Ministerien, aber was man mit den Soloselbstständigen gemacht hat, mit den 1 180 Euro per Monat, das war richtungsweisend! Das war das erste Mal, dass ein Land dieses nicht pfändbare Entgelt für Soloselbstständige eingeführt hat, das hätte eigentlich ein Signal sein können für die ganze Bundesrepublik. Aber nur in Bayern hat man einen ähnlich hohen Beitrag festgelegt, in anderen Bundesländern sieht es zum Teil prekär aus.

BT: Diese monatliche Unterstützung war ja auch eine Forderung des Deutschen Musikrats?

Wilske: So war es. Aber um der ganzen Wahrheit die Ehre zu geben: Das Wirtschaftsministerium mit Ministerin Hoffmeister-Kraut sowie das Wissenschaftsministerium kamen da schon früh mit den fertigen Konzepten. Wer auch sehr viel geleistet hat, ist der Landesmusikverband, ein Zusammenschluss der Amateurverbände, der in vorbildlicher Weise Hygienekonzepte erarbeitet und gute Lobbyarbeit gemacht hat.

BT: Sie haben es schon angesprochen: Die größten Auswirkungen der Pandemie kommen erst noch. Werden wir mit weniger Chören und Orchestern aus der Krise rausgehen?

Wilske: Ja, ich fürchte schon, dass wir möglicherweise Verluste haben werden. Es wird wie im gesamtgesellschaftlichen Bereich auch im Bereich des Amateurmusizierens vieles anders sein, eben aufgrund der Generationensituation. Im professionellen Bereich, etwa bei den Musikhochschulen oder beispielsweise dem SWR-Orchester, rechne ich jedoch damit, dass vieles stabil bleiben wird.

Wenn ich aber ein Beispiel aus der Region bringen darf: Das Gitarren- und Mandolinenorchester Ötigheim unter Alexander Beckers Leitung ist ein großartiges Ensemble, eines der besten in Deutschland, hat in Metzingen den Landeswettbewerb gewonnen und ist nominiert für den Bundeswettbewerb. Aber wann gibt es den nächsten Bundeswettbewerb? In welchem Jahr? Und ist das dann noch dasselbe Orchester? Manche gehen studieren, andere scheiden altershalber aus. Und dann die Probendefizite... Es wird manches wieder relativ bei null beginnen müssen.

BT: Stichwort SWR-Orchester: Das ist durch die Fusion ein riesig besetztes Orchester, das jetzt aber auch nur im kleinsten Rahmen auftreten kann. Muss man da einen Abbau befürchten?

Wilske: Nein. Es gibt gerade beim SWR-Orchester nach der Fusion doch langfristige Verträge, und da ist der SWR immer eine zuverlässige Instanz.

BT: Was ist mit dem Publikum? Hält es zu den Institutionen?

Wilske: Es geht jetzt vieles verloren, was etwa in der Konzertdidaktik aufgebaut wurde, aber ich bin optimistisch, der Hunger nach Kultur ist doch sehr groß. In Stuttgart soll es Menschen gegeben haben, die beim ersten Live-Konzert nach langer Zeit geweint haben. So ein Jazzkonzert im Internet ist auch schön, aber das Live-Erlebnis kann nun einmal durch nichts ersetzt werden.

BT: Man kann auch einige positive Effekte entdecken, die diese Krise ausgelöst hat: Ungewöhnliche neue Konzertformate und -formationen, oder die Oper im Hausmusikformat.

Wilske: Ich bin nicht sicher, wie lange das noch anhält. Die „Zauberflöte“ en miniature mit zehn oder 20 Musikern ist ein Notbehelf, machen wir uns nichts vor. Und was die Internetauftritte anbetrifft – da hat sich übrigens der SWR sehr solidarisch gezeigt, hat Konzerte der Soloselbstständigen übertragen und auch Gage dafür bezahlt. Also Solidarität und Aneinanderdenken, das Humankapital im Land hat doch deutlich zugenommen.

BT: Von den neuen Formaten bleibt also nicht viel?

Wilske: Vom Homeoffice wird wohl mehr bleiben als von diesen alternativen Konzertformen. Es gibt aber noch ein ganz anderes Problem: Wir hören in den letzten 14 Tagen aus vielen Schulen, dass Direktionen sich weigern, für das kommende Schuljahr den Ergänzungsbereich mit Chor, Orchester und Sport überhaupt mit Stunden auszuweisen. Es kommt so erneut eine alte Hierarchie auf, wonach es wichtige Kernfächer gibt, und der Rest ist disponibel. Das darf nicht sein, dass diese beiden Fächer strukturell herausgekegelt werden im Schatten der Corona-Krise. Das nehmen wir nicht hin. Das löst unseren entschiedenen Widerstand aus.

BT: Kann denn das musikbegeisterte Publikum etwas tun?

Wilske: Nun, die Verordnungen sind ja Landesentscheidungen. Im Moment gibt es eine gewaltige babylonische Sprachverwirrung deutschlandweit, 16 Länder mit eigenen Verordnungen und Empfehlungen. Vielleicht brauchen wir einen „Pandemierat“ in der Musik. Darin könnten zum Beispiel der Deutsche Musikrat, das Robert-Koch-Institut und die Freiburger Experten aus dem Institut für Musikermedizin vertreten sein und die Dinge zentral steuern, zumindest mit Empfehlungen, um dem Musikleben Leitlinien zu geben. Dafür brauchen wir jetzt Fürsprecher.

Zum ganzheitlichen Leben gehört eben nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Kultur, gerade im Musikland Baden-Württemberg. Besonders hier in Mittelbaden gibt es so viele herausragende Gesang- und Musikvereine – das gehört zu unserer Identität im Südwesten, das ist unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens und ist gerade für junge Menschen oft ein unersetzliches Mittel zur Daseinsbewältigung.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.