Landesweite Störungen bei digitalen Lernplattformen

Baden-Baden/Rastatt/Bühl/Gaggenau (naf/bjhw/stn/mak/sre) – Zum Schulstart schwänzt die Technik: Landesweit kam es am Montagvormittag zu Ausfällen der digitalen Lernplattformen.

Lehrbuch geöffnet und Bleistift gespitzt: Doch Probleme mit Moodle und Co. verhindern am Montag einen reibungslosen Unterrichtsbeginn. Foto: Felix Kästle/dpa

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Lehrbuch geöffnet und Bleistift gespitzt: Doch Probleme mit Moodle und Co. verhindern am Montag einen reibungslosen Unterrichtsbeginn. Foto: Felix Kästle/dpa

Der Wille war da, die Technik hat gestreikt. Landesweit saßen Montagmorgen Tausende Schüler zuhause vor Laptop und Tablet, um in die ersten Schulstunden im neuen Jahr zu starten. Vereinzelnde Befürchtungen wurden jedoch bestätigt, als die Server der Lernplattformen dabei überlasteten und es zu mehreren Ausfällen kam. Der vom Kultusministerium empfohlenen Plattform Moodle wurden bundesweit zeitweise 3988 Störungen gemeldet. Im Laufe des Tages entspannte sich die Lage zwar, ob die Anbieter in Zukunft einen problemfreien Ablauf gewährleisten können, bleibt jedoch fraglich.

Bei der Schuldfrage verwiesen einzelne Schulen auf die landesweite datentechnische Zentrale „Belwü“, auf der „Moodle“ läuft. Auch vonseiten des Landkreises hieß es auf BT-Nachfrage, dass die Ursache für die Störungen bei den Plattformbetreibern zu finden sei. „In den vergangenen Wochen und Monaten ist viel aufgerüstet worden, die Endgeräte sind verteilt und die Netzabdeckung in den Häusern hat gestimmt“, sagte Michael Janke, Pressesprecher des Landkreises, der ebenfalls die Plattformen für das Durcheinander verantwortlich machte.

Schulamt

Bereits in der vergangenen Woche habe das Kultusministerium darauf hingewiesen, dass es bei Schulstart zu Engpässen auf der Lernplattform Moodle kommen könnte, berichtete Wolfgang Held. Den Schulamtsdirektor hat Montagmorgen allerdings nur eine Problemmeldung aus Dornstetten erreicht, wie er sagte, weder Schulen aus dem Landkreis Rastatt noch aus Baden-Baden meldeten Probleme. Dass es zu Störungen kam, kann sich Held nichtsdestotrotz gut vorstellen, denn die Plattformen „sind für so einen Fall nicht ausgerüstet“. Den Auslöser sieht er in der Masse an zeitgleichen Zugriffen.

Zwar könnte jede Schule auch auf andere Server ausweichen, das Land empfiehlt jedoch bisher nur die Verwendung von Moodle, so Held, „von datenschutzrechtlicher Seite aus gibt es dort die wenigsten Bedenken.“

Nachdem der erste Versuch, eine eigene digitale Bildungsplattform aufzubauen, scheiterte, soll der zweite nun in Zusammenarbeit mit Microsoft erfolgreicher sein, berichtete Held. Bis dies jedoch so weit ist, müssen andere Plattformen verwendet werden.

„Fernunterricht bedeutet nicht ausschließlich digitaler Unterricht“, sagte der Schulamtsdirektor. Gerade bei Grundschülern hält er es für „die adäquatere Form“, wenn sich Schüler und Lehrer hin und wieder sehen und die Lehrkraft Übungen auch persönlich übergibt. Ältere Schüler könnte man per E-Mail versorgen. Störungen bei den Lernplattformen „bedeuten also nicht, dass der Fernunterricht zusammenbricht“, betonte Held, „bedauerlich ist es trotzdem“.

Wie viele Schulen im Regierungspräsidium Karlsruhe (RP) am Montag schlussendlich von den Störungen betroffen waren, konnte das RP auf BT-Anfrage noch nicht beantworten. Die Pressestelle verwies auf das Kultusministerium.

Kultusministerium

Mit einer Aufstellung seiner bisherigen Investitionen hat das Kultusministerium am Montag auf die Meldungen aus dem ganzen Land zum holprigen Start in den Fernunterricht reagiert. Danach wurden seit März 2020 „für alle Schulen neue Moodle-Installationen auf neuen, leistungsfähigeren Servern zur Verfügung gestellt, die Speicherkapazitäten erhöht und die Leistungsfähigkeit der Mailserver verbessert“. Dafür seien 2,25 Millionen Euro zur Verfügung gestellt worden. Weitere 400000 Euro seien bis Dezember in Updates und Erweiterungen geflossen sowie ferner für eine Viertel Million Euro während der Weihnachtsferien. „Sowohl die Kapazitäten des Videokonferenztools Big Blue Button als auch die Rechenleistung der Moodle-Server wurden optimiert und ausgeweitet“. Außerdem hieß es: „Im Jahr 2020 hat das Land für Moodle, das integrierte Videokonferenztool Big Blue Button, das Videokonferenztool Jitsi, für entsprechende Fortbildungen und für die rechtssichere und pädagogisch geprüfte SESAM-Mediathek insgesamt rund 8,4 Millionen Euro investiert.“ Weitere 9,8 Millionen Euro könnten in diesem Jahr abgerufen werden.

Ebenfalls wollten die Fachleute in dem von Susanne Eisenmann (CDU) geführten Haus nicht gelten lassen, dass es Startschwierigkeiten im ganzen Land gab. Vielmehr seien 200 betroffene Schulen identifiziert worden. „In weiten Teilen Baden-Württembergs und bei der überwiegenden Mehrheit der Schulen funktionierte Moodle störungsfrei“, teilte das Ministerium mit. Viele Rückmeldungen von Schülern, Lehrkräften und Eltern sowie die offizielle Störungskarte von Moodle sprachen allerdings eine ganz andere Sprache: Um 8.52 Uhr am Morgen versank Baden-Württemberg als einziges der 16 Bundesländer rot eingefärbt in einem Meer von Problemanzeigen.

Mehr Gelder vom Digitalpakt Schule


Der Bundestagsabgeordnete Christian Jung (FDP) verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass Baden-Württemberg bisher nur rund zwölf Millionen Euro von seinen 650 Millionen vom Digitalpakt Schule zur Verfügung stehenden Euro beim Bund abgerufen hat. „Es sind also nur 1,85 Prozent der Bundesmittel bisher direkt angekommen“, sagte Jung. Er sieht daher die „operativen Probleme der Arbeit der für Digitalisierung im Schulbereich zuständigen Landesminister Susanne Eisenmann und Thomas Strobl offenbart“.

„Meist läuft es am nächsten Tag besser“, hofft Bianca Balles, Konrektorin der Von-Drais-Schule in Gernsbach. Foto: Roland Weihrauch/dpa

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„Meist läuft es am nächsten Tag besser“, hofft Bianca Balles, Konrektorin der Von-Drais-Schule in Gernsbach. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Schulen in Mittelbaden

Der erste Schultag nach den Weihnachtsferien verlief auch für die Schüler der Von-Drais-Schule in Gernsbach nicht reibungslos. „Moodle war komplett überlastet“, berichtete Konrektorin Bianca Balles. Doch die Erfahrung zeigt: „Meist läuft es am nächsten Tag besser.“ Zusätzlich zu Moodle hat die Von-Drais-Gemeinschaftsschule die Schul.cloud-App für die Sekundarstufe sowie die Internetplattform Padlet für die Grundschüler im Einsatz. „Mit den beiden Systemen sind wir sehr zufrieden“, so ihr Fazit.

Das Gaggenauer Goethe-Gymnasium arbeitet in den Fernunterrichtsphasen ausschließlich mit Moodle. Auch hier gab es zwischen 8 und 9.30 Uhr größere Schwierigkeiten, berichtete Schulleiter Bernhard Krabbe. „Danach arbeitete die Plattform nach meinem bisherigen Kenntnisstand für uns wieder zuverlässig.“ Da man anfängliche Schwierigkeiten erwartet hatte, habe das Goethe-Gymnasium die Begrüßung der Klassen auf 7.30 Uhr vorverlegt, um vor dem großen Ansturm den Erstkontakt mit den Schülern aufnehmen zu können. „Dies hat wohl sehr zuverlässig geklappt“, sagte Krabbe, der ebenfalls zuversichtlich ist, dass sich „bereits in den nächsten zwei bis drei Tagen die Lage normalisiert“.

Auch Andrea Körner, Schulleiterin am Windeck-Gymnasium in Bühl ist optimistisch, dass die Probleme bald gelöst sein werden: „Ich bin sicher, das wird zum Wochenende hin flüssiger laufen.“ An ihrer Schule wird der Messenger-Dienst des Stundenplan-Programms Webuntis genutzt, auch dort gab es die technischen Probleme. „Unterm Jahr läuft das gut“, erklärte die Schulleiterin. Aber da nun auf einen Schlag unzählige Menschen die Programme nutzten, seien die Server völlig überlastet gewesen. Sie geht davon aus, dass die Serverkapazität nun wieder, wie bereits im Frühjahr, ausgeweitet werde.

Insgesamt würde sich Körner wünschen, dass den Schulen nicht nur stabile Plattformen angeboten würden, sondern auch klarere und umfassendere Hilfestellungen, wie die Corona-Regelungen praktisch umzusetzen sind. „Wir stehen alle vor ähnlichen Problemen“, machte sie deutlich. Aber anstatt zentral Lösungswege zu erarbeiten, müsse jede Schule ihre eigenen Lösungen „zusammenstricken“.

Auch in Baden-Baden hatten Schulen am Montag die gleichen Probleme. „Wir arbeiten mit Schul.cloud“, sagte Werner Schlindwein, Leiter der Theodor-Heuss-Werkrealschule und geschäftsführender Rektor der Grund-, Werkreal- und Realschulen in der Kurstadt. Auch bei diesem Anbieter sei der Server zusammengebrochen. „Die Schüler wollen arbeiten“, ergänzte seine Stellvertreterin Monika Bremer. Im Angesicht des digitalen „Riesen-Chaos“ seien die Schüler ratlos gewesen, was sie tun sollen. „Wir hoffen, dass irgendwann wieder Präsenzunterricht wenigstens in kleinen Gruppen erlaubt ist“, betonte Schlindwein. „Für die Kinder ist das kein Zustand.“

An allen Rastatter Schulen fiel Schul.Cloud aus, sodass ein Fernunterricht nur schwer möglich war. Moodle war einige Stunden nicht verfügbar. Der Betreiber Heinekingmedia machte die fünffache Menge an Logins dafür verantwortlich, dass die Server massiv überlastet waren, erläuterte die städtische Pressesprecherin Heike Dießelberg. Bis spätestens Dienstagmittag sollen alle Probleme behoben sein. Die Handelslehranstalt in Rastatt hingegen, die über eigene Clouds und Server verfügt, hatte keinerlei Schwierigkeiten.


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