Laufzeitverlängerung für „ein paar Wochen“

Stuttgart (bjhw) – Innenminister Thomas Strobl würde Atomkraftwerke gerne bis über Jahreswechsel hinaus am Netz lassen – unter der Voraussetzung, dass keine neuen Brennstäbe gebraucht würden.

Eigentlich soll Ende 2022 Schluss sein: Das Atomkraftwerk Neckarwestheim ist eines der letzten Atomkraftwerke, die in Deutschland abgeschaltet werden sollen. Foto: Marijan Murat/dpa

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Eigentlich soll Ende 2022 Schluss sein: Das Atomkraftwerk Neckarwestheim ist eines der letzten Atomkraftwerke, die in Deutschland abgeschaltet werden sollen. Foto: Marijan Murat/dpa

Aus der Sicht von Innenminister Thomas Strobl (CDU) sollte noch einmal „unideologisch und pragmatisch“ geprüft werden, ob die deutschen Atomkraftwerke nicht doch sechs oder acht Wochen über den Jahreswechsel hinaus laufen können. Derzeit noch am Netz sind die Reaktoren Emsland, Isar II und Neckarwestheim II, letzterer betrieben von der EnBW. Das Unternehmen winkt auf BT-Anfrage allerdings vorerst ab und will sich mit „hypothetischen Fragestellungen“ nicht befassen.

„Die Bundesregierung hatte eine Verlängerung der Laufzeiten geprüft und Anfang März entschieden, derzeit keine Änderungen an diesem gesetzlichen Rahmen vorzunehmen“, sagt eine Sprecherin des Karlsruher Unternehmens.

In der Theorie ist die Idee bestechend. Strobl, auch Landesvorsitzender seiner Partei, knüpft sein Votum für eine geringfügig verlängerte Laufzeit an die Voraussetzung, dass die Kraftwerke sicher laufen und keine neuen, zusätzlichen Atommüll verursachenden Brennstäbe gebraucht würden. „Alle Fachleute sagen, unser Problem ist der kommende Winter“, argumentiert der Innenminister mit Blick auf die Energieabhängigkeit von Russland. Bis 2023/2024 könne die Versorgung mit Gas, Öl und Kohle geregelt sein, nicht aber schon bis zum kommenden Winter. Deshalb „sollte man darüber nachdenken, ob die Kernkraftwerke ausgerechnet am Höhepunkt des Problems abgeschaltet werden“. Es gehe nicht um Jahre und nicht einmal um viele Monate, sondern „um ein paar Wochen“.

Schon vor vier Wochen hatte der Landesvorstand der Südwest-CDU in einem Beschluss gefordert, einen Weiterbetrieb „offen und ohne Vorfestlegungen und im Hinblick auf alle gegebenen rechtlichen, technischen und betriebswirtschaftlichen Möglichkeiten umfassend zu prüfen“. Die Bundesregierung hat das bisher abgelehnt, die Energieversorger zeigten ebenfalls kein Interesse. Inzwischen verschließt sich Eon, als Betreiber von Isar II, nicht mehr. „Wir sind bereit, darüber zu sprechen, unter welchen Bedingungen eine verlängerte Nutzung möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist“, heißt es in einer Stellungnahme.

Strobl weiß Fachleute an seiner Seite, darunter Jörg Starflinger vom Institut für Kernenergetik und Energiesysteme der Uni Stuttgart, der keine Sicherheitsprobleme sieht, weil die Anlagen sehr gut in Schuss seien. Eröffnet würden Kapazitäten, „die uns im kommenden Winter bei der Stromversorgung durchaus helfen“. Im Kabinett war die Laufzeitverlängerung ebenfalls bereits Thema. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) habe sich durchaus offen gezeigt, wird berichtet. Weiterhin sei aber die Grundlage der Debatte die Bewertung durch die Bundesregierung und die daraus resultierende Ablehnung.

Dreh- und Angelpunkt neuerlicher Überlegungen könnte die Zeitschiene sein, falls tatsächlich keine Sicherheitsüberprüfung nötig wäre und auch keine neuen Brennstäbe beschafft werden müssten, weil die drei Reaktoren den Sommer über gedrosselt werden.

Eine goldene Brücke hat der Innenminister den Grünen jedenfalls schon einmal gebaut: „Mit mir kann man über einen autofreien Sonntag sprechen, wenn wir uns auch über die Atomkraftwerke unterhalten“, sagte er.

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
13. April 2022, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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