Lauter Originale

Rastatt (sl) – Das Stadtmuseum Rastatt wird 125 Jahre alt. Es ist selbst ein lebendiger Teil der Stadtgeschichte.

Die von Wolfgang Reiß angestoßene Neukonzeption der Dauerausstellung setzt Iris Baumgärtner ab 2003 um. Das Kinderbildnis der Familie Herpp ist eines ihrer Lieblingsstücke. Foto: Sebastian Linkenheil

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Die von Wolfgang Reiß angestoßene Neukonzeption der Dauerausstellung setzt Iris Baumgärtner ab 2003 um. Das Kinderbildnis der Familie Herpp ist eines ihrer Lieblingsstücke. Foto: Sebastian Linkenheil

Eine Sammlung historischer Bügeleisen ist der jüngste Zuwachs der Städtischen Sammlungen, die dieses Jahr ihren 125. Geburtstag feiern. 1895 haben Enthusiasten damit begonnen, Objekte zusammenzutragen, die Rastatts Geschichte und die der Region erzählen. Eine wechselvolle Geschichte über Markgrafen und Diplomaten, Soldaten und Revolutionäre, Unternehmer und Handwerker und über Familien. Es ist die Geschichte der Rastatter selbst, von der das Stadtmuseum längst ein Teil ist. Davon und warum man in Zeiten des Internets noch Museen braucht, erzählt Leiterin Iris Baumgärtner im Gespräch mit BT-Redakteur Sebastian Linkenheil.


BT: Frau Baumgärtner, die Gründung der Städtischen Sammlungen fällt zeitlich mit dem Abriss der Festung Rastatt zusammen. Zufall?

Iris Baumgärtner: Am Ende des 19. Jahrhunderts werden in vielen Städten Archive und Museen gegründet. 1885 wird zudem im Großherzogtum Baden die Badische Historische Kommission ins Leben gerufen, die diese Einrichtungen sehr förderte. Für Rastatt speziell ist es sicher die Entfestigung, die den Wunsch in der Bürgerschaft auslöste, eine städtische Einrichtung zu haben, die die Stadtgeschichte bewahrt. So ist es sicher kein Zufall, dass der Architekt und Bauunternehmer Eduard Degler, der mit dem Abriss der Festung und der Neuplanung Rastatts beschäftigt war, der wichtigste Protagonist des heutigen Stadtmuseums und Stadtarchivs wurde.

BT: Aus den Städtischen Sammlungen wurde später das Heimatmuseum, heute das Stadtmuseum. Sind das beliebige Bezeichnungen oder meinen sie auch etwas Unterschiedliches?

Baumgärtner: Die Namensgebung entspricht dem jeweiligen Zeitgeist. Als Städtische Altertumssammlungen 1895 gegründet, legt man zu Beginn viel Wert, archäologische und geologische Dinge, auch Mammutzähne, zu sammeln, die beim Abriss der Festung zutage kommen. Sogar archäologische Funde aus Seltz werden angekauft, um die Sammlung in diese Richtung zu erweitern. 1930 werden die Sammlungen in Heimatmuseum umbenannt und erfahren unter dem „Kampfbund für Kultur“ eine neue, ideologische Ausrichtung. 1991 streift man schließlich diesen verstaubt anmutenden Namen wieder ab und benennt die Institution in „Stadtmuseum“ um, vor dem Hintergrund der sehr bedeutenden Stadtgeschichte Rastatts ein wichtiger Schritt. Alte Rastatter kommen aber heute noch gerne ins „Heimatmuseum“.

Eigene Geschichte bedeutet Identität

BT: Das Stadtarchiv ist so etwas wie das Gedächtnis der Stadt, das Museum wendet sich ganz direkt an ihre Bürger. Warum sollten die Rastatter ihr Stadtmuseum besuchen?

Baumgärtner: Um ihre Stadtgeschichte kennenzulernen. Der Blick zurück macht doch einiges verständlich. Jede Stadt hat ihre eigene Entwicklung, Rastatt ganz besonders durch drei einschneidende Veränderungen. Die mittelalterliche Stadt lässt Markgraf Ludwig Wilhelm für eine barocke Planstadt einebnen, 1842 wird ein gewaltiges Festungswerk um die Stadt errichtet, das 1890 schon wieder abgerissen wird. Das prägte die Stadtgeschichte, die der Bürger kennen sollte, um so manches zu verstehen, wie beispielsweise die späte Ansiedlung von Industrie. Schließlich bedeutet die eigene Geschichte, die ja von den Bürgerinnen und Bürgern in vielen Bereichen mit gestaltet wird, Identität. Der frühere Stadtarchivar Wolfgang Reiß wies gerne darauf hin, dass wir der Stadtgeschichte durch die Familien- und Personengeschichten immer am nächsten kommen. Und dann gibt es da auch die unbequemen wichtigen Themen, die wir in den letzten Jahren, sei es die jüdische Geschichte im ehemaligen Kantorenhaus oder auch das Thema Heimkinder, aufgearbeitet haben. Das Museum versteht sich als Bildungsort, an dem Geschichte mittels der eigenen Stadtgeschichte erfahrbar wird.

BT: Mit einem neuen Ausstellungsbereich über archäologische Funde, der im Spätjahr eröffnet werden soll, richtet das Stadtmuseum den Blick auf eine Zeit, als es Rastatt noch gar nicht gab. Warum das?

Baumgärtner: Die ältesten Stücke, die wir ausstellen werden, sind in der Tat unsere Mammutzähne, die Eduard Degler am Gestadebruch am Röttererberg fand, wo er eine Kiesgrube betrieb. Darauf warten viel Rastatter, dass wir die wieder zeigen. Dass Rastatt an einem äußerst günstigen Siedlungsort, am Gestadebruch und im Winkel zweier Flussläufe liegt, ist ein offenes Geheimnis. Tatsächlich haben wir die ersten urbanen Funde aber erst aus der Römerzeit, was aber auch damit zusammenhängen kann, dass der Rheinstrom so einiges vergraben oder weggeschwemmt hat. Siedlungsgeschichte früherer Zeiten, zum Beispiel aus der Jungsteinzeit, Urnen-, Bronze-Kelten- oder Merowingerzeit werden anhand von Funden aus dem Landkreis dargestellt. Das zeigt auch, dass das Museum bis in die 1970er Jahre hin und wieder eine Anlaufstelle war, Grabungsfunde abzugeben. Das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg wurde erst 1972 gegründet.

Die Welt wird virtueller – aber die Museumsbesucher lieben das Original


BT: Was wünschen Sie dem Stadtmuseum für die nächsten 125 Jahre?

Baumgärtner: Das Stadtmuseum konnte sich in den letzten 30 Jahren gut entwickeln. Das Museum hat dank der Modernisierungen einen sehr guten Standard und macht tolle, viel beachtete Ausstellungen, die nicht nur die wichtigen stadtgeschichtlichen Ereignisse, sondern auch kulturgeschichtliche Themen berühren. Auch die Sammlung ist durch viele bedeutende, auch wertvolle Objekte erweitert worden. Das Museumsgut wurde insgesamt durch zahlreiche Restaurierungsmaßnahmen in einen sehr vorzeigbaren Zustand versetzt. Es wäre wünschenswert, wenn wir dieses Niveau und diese Vielfalt die nächsten 125 Jahre fortführen dürfen. Die Welt verändert sich gerade sehr, sie wird digitaler und virtueller. Die heutigen Museumsbesucher lieben dennoch das Original, es sehen und etwas darüber erfahren zu dürfen. Dass das so bleibt, darauf müssen wir unsere Vermittlungsarbeit in Zukunft stärker ausrichten und einfach am Ball bleiben.

BT: Haben Sie unter den Ausstellungsstücken eigentlich einen Liebling?

Baumgärtner: Für mich gibt es viele Lieblinge in der Sammlung, die mich auch unterschiedlich berühren. Häufig sind es weniger die Artefakte, sondern viel mehr sehr persönliche Zeugnisse, an denen sich Stadtgeschichte festmachen lässt. Sie erzählen von ihren ehemaligen Besitzern, wie sie in ihrer Zeit gelebt haben und wie es ihnen ergangen ist, welche Hoffnungen und welches Schicksal sie erlebt haben. Das Kinderbildnis der Familie Herpp, das der Rastatter Maler August Bootz gemalt hat, zeigt die hübsch anzusehenden Sprösslinge einer wohlhabenden Familie, die es sich leisten konnte, sich darstellen zu lassen. Und einen Raum weiter ist der ergreifende Abschiedsbrief des Revolutionsteilnehmers Josef Kilmarx ausgestellt, den er eine Stunde vor seiner Hinrichtung durch das preußische Standgericht in den frühen Morgenstunden des 8. Oktober 1849 verfasst hat.

Ganz anders und erheiternd dagegen liest sich die bezaubernde Geschichte eines Tulpenkleides aus den 1950er Jahren, das seine Besitzerin dem Stadtmuseum geschenkt hat und das uns einiges über die Wirtschaftswunderjahre zu sagen hat. Sie sehen, die Reihe ließe sich unendlich fortsetzen…

Den Schätzen kommt man im Stadtmuseum ganz nah: Pokal und goldene Taschenuhr des Rastatter Arztes und Ehrenbürgers Wendelin Herrmann (1765-1846). Foto: Sebastian Linkenheil

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Den Schätzen kommt man im Stadtmuseum ganz nah: Pokal und goldene Taschenuhr des Rastatter Arztes und Ehrenbürgers Wendelin Herrmann (1765-1846). Foto: Sebastian Linkenheil

Blick in die Dauerausstellung: Jugendstil-Wohnzimmer einer Rastatter Bürgerfamilie kurz nach 1900. Foto: Sebastian Linkenheil

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Blick in die Dauerausstellung: Jugendstil-Wohnzimmer einer Rastatter Bürgerfamilie kurz nach 1900. Foto: Sebastian Linkenheil

Das Stadtmuseum ist mehrmals umgezogen. Zunächst war es im Historischen Rathaus, um 1960 dann im Barockschloss beheimatet (Foto), am heutigen Standort im sogenannten „Vogel’schen Haus“ befindet es sich seit den 1970er Jahren. Damals war Walter Ziegler Leiter der Sammlung. Foto: Karl Albiker

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Das Stadtmuseum ist mehrmals umgezogen. Zunächst war es im Historischen Rathaus, um 1960 dann im Barockschloss beheimatet (Foto), am heutigen Standort im sogenannten „Vogel’schen Haus“ befindet es sich seit den 1970er Jahren. Damals war Walter Ziegler Leiter der Sammlung. Foto: Karl Albiker


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