Leben retten statt archäologische Schätze bergen

Muggensturm (mak) – Der Muggensturmer Vermessungsingenieur Karsten Malige leitet seit 2012 ehrenamtlich die Syrienhilfe. Das Spendenaufkommen ist dieses Jahr stark zurückgegangen.

Karsten Malige bei der Ausgrabung eines Scherbenpflasters in Tell Halaf. 1997 war er erstmals in Syrien und gleich von Land und Leuten fasziniert. Bis zum Ausbruch des Krieges im März 2011 weilte er regelmäßig dort. Foto: Karsten Malige

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Karsten Malige bei der Ausgrabung eines Scherbenpflasters in Tell Halaf. 1997 war er erstmals in Syrien und gleich von Land und Leuten fasziniert. Bis zum Ausbruch des Krieges im März 2011 weilte er regelmäßig dort. Foto: Karsten Malige

Als Student der Geodäsie in Karlsruhe flog Karsten Malige 1997 erstmals nach Syrien, um die Vermessungsarbeiten an einer archäologischen Ausgrabung zu übernehmen. Von Land und Leuten fasziniert, war der Vermessungsingenieur fortan so gut wie jedes Jahr dort, teilweise mehrmals. Als das Land im Krieg versank, gründete der Muggensturmer im Dezember 2012 die Syrienhilfe, deren Vorsitzender er bis heute ist.
Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter hatte seinerzeit Karsten Malige gefragt, ob er nicht mitkommen wolle nach Andarin, eine Garnisonsstadt, die bis etwa ins zehnte Jahrhundert bewohnt war und in der es Reste eines römischen Bads, einer Kathedrale und eines Wehrgebäudes gab. „Das Lustige an der Geschichte ist, dass der Mitarbeiter letztendlich nicht mitkonnte, weil sein Professor dies nicht erlaubte“, blickt Malige mit einem Lachen zurück.

Somit stand er vor der Herausforderung, selbst ein System zu entwickeln, um die Ruinenstadt zu vermessen. Doch gleich am zweiten Tag ging die Bedieneinheit des Tachymeters mit Feldcomputer kaputt. Ein Tachymeter misst gleichzeitig Horizontalrichtungen, Zenitdistanzen und Strecken: „In der Anzeige erschien der Hinweis, den Hersteller anzurufen, doch 1997 gab es kein Handynetz in Syrien und wir hatten noch fast sieben Wochen vor uns“, berichtet der 50-Jährige. Also musste er sämtliche Daten von Hand in ein Notizbuch schreiben und abends in einen alten Computer eintippen.

Über Mund-zu-Mund-Propaganda bekam Karsten Malige den Auftrag, sich ab 2009 an den Ausgrabungen in Tell Halaf zu beteiligen. An diesem Ort im Nordosten Syriens nahe der türkischen Grenze befand sich in prähistorischer Zeit eine Siedlung. Der deutsche Archäologe Max Freiherr von Oppenheim entdeckte 1899 den Siedlungshügel und führte dort bis 1929 Ausgrabungen durch. Malige stand nun vor der Herausforderung, dessen alte Pläne zu transformieren. „Die Vermesser damals fertigten nur Handskizzen an, die Pläne haben sie in Deutschland gezeichnet und sind entsprechend ungenau“, erläutert er die Herausforderung.

Besonders eindrücklich für Malige waren die Begegnungen mit den Beduinen in der Wüstensteppe: „Die lebten von der Hand in den Mund und luden uns trotzdem zu sich in ihr Zelt zu einem Essen ein, das sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten.“ Neben der orientalischen Gastfreundschaft war er von Aleppo und Damaskus mit ihren historischen Zentren und Märkten fasziniert.

In wenigen Monaten 10.000 Euro Spenden

Ende März 2011 wollte Karsten Malige mit seiner Frau Myriam und den vier Kindern Familienurlaub in Damaskus machen, die Flugtickets waren schon gebucht und die Visa angefertigt, als am 15. März der Krieg ausbrach. Er stornierte den Flug und hielt in der Folge weiter Kontakt zu seinen Freunden in Damaskus. Im Juni 2012 erfuhr er, dass immer mehr Flüchtlingsfamilien auf den Straßen der Hauptstadt umherirren. Für Malige war klar, dass er helfen wollte: „Ich brauchte Geld, um für die Flüchtlinge Wohnungen zu mieten und sie mit Care-Paketen zu versorgen.“ Er verschickte Mails an seinen Freundeskreis und an den Rotary-Club Rastatt/Baden-Baden. „Ganz viele wollten eine Spendenbescheinigung haben und da der Förderverein des Rotary-Clubs gemeinnützig ist, konnte er Spenden für meine Hilfsaktion entgegennehmen“, erläutert Malige. Bis Oktober 2012 kamen auf diese Weise 10.000 Euro zusammen. Mit diesem Betrag wurden unter anderem rund 30 Familien unterstützt. Im Laufe der vergangenen Jahre waren es zeitweise 160 Familien, die überlebenswichtige Hilfe von dem Muggensturmer Verein erhielten.

Maliges Freund Harald Paul spielte damals als Geiger im SWR-Sinfonieorchester Freiburg und hatte die Idee, in Baden-Baden ein Benefizkonzert mit weiteren Musikern auf die Beine zu stellen. „Wir hatten die Zusage, dass wir am 16. Dezember kostenlos einen Raum im LA8 bekommen“, erzählt Malige. „Ich hatte Musiker, einen Raum aber keinen Veranstalter – also musste ich einen Verein gründen“, erläutert er die Geburtsstunde der Syrienhilfe. Dank der guten Kontakte konnte Malige ein zuverlässiges Helfer-Netzwerk aufbauen, mit dem er aktuell 16 Projekte betreut, auch im Libanon und in der Türkei. Doch seit andere Konflikte die Schlagzeilen beherrschen, sinkt das Spendenaufkommen kontinuierlich. „Einer unserer treuesten und größten Förderer ist die Schöck-Familienstiftung“, berichtet der Ingenieur. „Die Projekte laufen bestens, die Not ist größer als je zuvor, doch es fehlen die finanziellen Mittel, um unsere Arbeit fortzuführen“, bedauert der 50-Jährige. Derzeit prüfen alle Projektverantwortlichen Einsparungsmöglichkeiten, im Januar wird über Kürzungen entschieden.

Die Syrienhilfe hat zwei Projektmitarbeiter in Berlin und Tübingen fest angestellt, dennoch investiert Malige jeden Tag ehrenamtlich ein bis zwei Stunden für den Verein – neben seinem Vermessungsbüro mit drei Mitarbeitern und der sechsköpfigen Familie. Auch wenn die Arbeit in den vergangen zwei, drei Jahren aufgrund der Finanzknappheit zunehmend schwieriger geworden ist, gibt der 50-Jährige nicht auf: „Mich motiviert, dass wir Leben erhalten können und den Menschen durch Bildung Perspektiven zu einem besseren Leben eröffnen können.“


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