Lebenslustiges Schlitzohr mit Hang zum Rechtspopulismus

Rastatt (BNN) – Wegbegleiter trauern um verstorbenen AfD-Fraktionssprecher Roland Oberst. Trotz seines umstrittenen politischen Engagements erntete der 68-Jährige viele Sympathien.

In seinem Element: Roland Oberst (rechts) gibt auf der RaKaGe-Bühne den Ton an, dazu rockt OB Hans-Jürgen Pütsch (links) mit der aufblasbaren Gitarre. Foto: Holger Siebnich

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In seinem Element: Roland Oberst (rechts) gibt auf der RaKaGe-Bühne den Ton an, dazu rockt OB Hans-Jürgen Pütsch (links) mit der aufblasbaren Gitarre. Foto: Holger Siebnich

Der Tod von Roland Oberst hat viel Aufsehen erregt. Der AfD-Fraktionsvorsitzende im Rastatter Gemeinderat starb am zweiten Weihnachtsfeiertag nach einer Corona-Infektion im Klinikum in Balg im Alter von 68 Jahren. Lange bevor er die Bühne der Lokalpolitik betrat, stand er als Musiker im Rampenlicht. Als Mitglied der Tanz- und Showband „Troubadix“ schwofte mehr als vier Jahrzehnte lang das Partyvolk in Mittelbaden zu seiner Musik.

Wer sich mit Wegbegleitern des Verstorbenen unterhält, dem fällt auf, dass sich viele schwertun, sein politisches Engagement bei der AfD mit dem Menschen Roland Oberst unter einen Hut zu bringen. Joachim Fischer, der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat, lag politisch mit ihm sicher nicht auf einer Wellenlänge. Trotzdem sagt er über Oberst: „Er war sehr zugewandt, offenherzig, lebenslustig und hilfsbereit.“

Musikalische Nachhilfe für den SPD-Sprecher

Fischer lernte ihn über die Fastnacht bei der Rastatter Karnevals-Gesellschaft (RaKaGe) kennen, wo Oberst musikalisch die Fäden zog. Fischer wollte mit einer auf Rastatt umgetexteten Version des Grönemeyer-Hits „Bochum“ die Bühne entern. „Wir haben in seinem Musikkeller geübt“, sagt Fischer. Trotz mangelnden Talents sei am Ende ein brauchbarer Auftritt herausgekommen: „Das habe ich ihm hoch angerechnet.“

Bei der bislang letzten RaKaGe-Sitzung im Hopfenschlingel im vergangenen Jahr kam es zu der andernorts undenkbaren Szene, dass Oberbürgermeister Hans Jürgen Pütsch (CDU) auf der Bühne stand, um gemeinsam mit dem AfD-Sprecher auf aufblasbaren Gitarren zu spielen.

OB lobt Integrationsfähigkeit

Bemerkenswert ist auch, dass Pütsch in einer Mitteilung zum Tod des AfD-Politikers dessen Integrationsfähigkeit lobt: „Roland Oberst war mit Leib und Seele Kommunalpolitiker und mit großem Herzen Rastatter Bürger. Er kämpfte engagiert für seine Überzeugungen, setzte sich aber stets ebenso für Verständigung und ein gutes Miteinander ein.“ Er habe sich ehrenamtlich in vielfacher Weise um Rastatt verdient gemacht und als Musiker die Menschen berührt.

Mehr als 40 Jahre lang gab er bei Troubadix an Gitarre, Trompete und als Sänger den Ton an. Die Karriere als Hobbymusiker führte ihn nicht nur in Tanzsäle wie den „Ochsen“ in Kuppenheim, sondern bis zu einem Gastspiel in die USA. Zuletzt trat Oberst während der Corona-Pandemie vor Seniorenheimen auf, um die Bewohner zu unterhalten.

Auch Simone Walker tanzte schon vor 25 Jahren auf einer Fastnachtsparty in Sandweier zur Troubadix-Musik. „Da habe ich erlebt, wie er eine Festhalle in Partylaune bringen kann“, sagt die Vorsitzende der FuR-Fraktion im Gemeinderat. Sie bezeichnet Oberst als „Strahlemann“. Im politischen Diskurs habe er mit offenem Visier gekämpft und seine Meinung gerade heraus vorgetragen: „Das habe ich an ihm geschätzt.“

Wie andere erzählt sie von ihrer Überraschung, als Oberst 2019 auf der AfD-Liste für den Gemeinderat kandidiert habe. Gegenüber Gesprächspartnern bezeichnete er sich trotzdem als „alten CDUler“. Der Umgang der Merkel-Regierung mit der Flüchtlingskrise 2015 habe ihn zur AfD gebracht.

Angeblich SPD-Abgeordneten Schläge angedroht

Auch die Rastatter CDU-Fraktionsvorsitzende Brigitta Lenhard kennt diese Aussagen aus Obersts Mund. Sie habe ihm dann immer gesagt: „Nein, Du bist kein CDUler, Du bist bei der AfD.“ Und das an vorderster Front: Bei der Partei übernahm Oberst nicht nur das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, er war auch Sprecher des Kreisverbands Baden-Baden/Rastatt.

Oberst nahm auch an Treffen der rechtslastigen Bürgerinitiative „Rastatt für Sicherheit und Recht und Freiheit“ teil. Der Presse unterstellte er gerne mal, absichtlich Falschbehauptungen zu verbreiten. Als es im Kommunalwahlkampf 2019 auf dem Marktplatz zwischen Mitgliedern der AfD und der SPD zu einem Streit um die Platzierung von Ständen ging, soll er dem SPD-Landtagsabgeordneten Jonas Weber mit Schlägen gedroht haben. Oberst bestritt das.

Lenhard beschreibt ihn rückblickend dennoch als „lebenslustigen, positiven Typen“. In ihrem Fitnessstudio Gymnasion waren er und Troubadix mehrmals zu Veranstaltungen zu Gast: „Ich erinnere mich an tolle Abende.“ Sogar Stadtrat Roland Walter, der seine Grüne-Partei selbst als „Hauptfeind der AfD“ beschreibt, findet lobende Worte: „Mit ihm konnte man ins Gespräch kommen. Es war möglich, einen Dialog zu führen.“

SPD-Stadtrat Fischer fasst seinen Eindruck zusammen: „Er war ein sympathisches Schlitzohr und passte in keine AfD-Schablone.“ Tragisch finden alle Fraktionssprecher, dass Obersts Tod durch eine Impfung vermutlich hätte verhindert werden können. Walker sagt: „Ich bin sehr betroffen. Das finde ich ganz schlimm.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
29. Dezember 2021, 12:35 Uhr
Lesedauer:
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