„Lehren ziehen und den Blick nach vorne richten“

Rastatt (dm) – Eigentlich wollte Wintersdorf mit Iffezheim zusammengehen, dann kam 1974 die Eingemeindung zu Rastatt. Noch 2014 war der Ortschaftsrat der Meinung, dass dies kein Grund zum Feiern sei.

Der Boden ist bereitet: Nach Jahren des Wartens entstehen im Neubaugebiet „Krautstücker“ in Wintersdorf die ersten Wohnhäuser. Foto: Frank Vetter

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Der Boden ist bereitet: Nach Jahren des Wartens entstehen im Neubaugebiet „Krautstücker“ in Wintersdorf die ersten Wohnhäuser. Foto: Frank Vetter

Die Barockstadt und ihr Ortsteil Wintersdorf, das ist offenbar eine schwierige Beziehung. Als es 2014 darum ging, den 40. Jahrestag der Eingemeindung zu begehen, womöglich gar zu feiern, stieß der damalige „Stadtteilchef“ Peter Fritz im Ortschaftsrat auf Ablehnung. Die Stimmung im Ort gegenüber der Stadt sei nicht in Einklang mit einer Feier zu bringen, hieß es im Gremium. Verschiedene dem Dorf wichtige Themen zogen sich über Jahre hin, was die Geduld wohl zu sehr strapazierte. Die amtierende Ortsvorsteherin Daniela Schneider will derweil den Blick nach vorne richten.

Dorfstraße: Lange Symbol für Stillstand

Schließlich sei auch in Wintersdorf einiges im Fluss, endlich auch mit Blick auf den Dauerbrenner Sanierung und Umgestaltung der Dorfstraße, die in den vergangenen Jahren geradezu zum Sinnbild für Stillstand wurde. Als Topthema im Dorfentwicklungskonzept ist sie zugleich Dreh- und Angelpunkt weiterer verkehrlicher Maßnahmen, schließlich durchzieht die Straße den gesamten Ort. Wie lange das Thema bereits schwelt, zeigt sich daran, dass Schneider Zeichnungen dazu gefunden hat, die aus den 1980er Jahren stammen. Inzwischen ist eine Konzeptstudie in Auftrag gegeben, die Öffentlichkeit soll eingebunden werden, das Vergabeverfahren dieses Jahr starten; zuletzt hieß es, dass das Projekt 2023/24 angegangen wird, wobei sich Schneider natürlich 2023 wünscht. Die jahrzehntelange Warteschleife trug derweil offensichtlich zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Verwaltung bei.

Dabei war es ja nicht so, dass nichts gegangen wäre: Im Zuge des Eingemeindungsvertrags seien unter anderem eine neue Einsegnungshalle gebaut, ein Schulsportplatz angelegt, das Neubaugebiet Heizenau erschlossen, ein zweiter Sportplatz errichtet und der Festplatz Seegarten ausgebaut worden. Ende der 90er-Jahre startete die Erschließung des Gewerbegebiets Mittleres Hardtspiel, das sich in den 2000er-Jahren zu füllen begann, 2007 folgte dort dann auch der Spatenstich für einen Supermarkt zur Nahversorgung.

Wohnraum für 18 Familien im „Krautstücker“

Stets auf der Wintersdorfer Wunschliste standen in den vergangenen Jahren indes auch weitere Wohnbauflächen. Die Furcht wurde formuliert, dass junge Familien ansonsten abwandern und damit eine strukturelle Abwärtsspirale in Gang gesetzt werden könnte. Zuletzt rückte das schließlich 2020 erschlossene „Krautstücker“-Areal in den Fokus. Dort dokumentiert sich aktuell nach Jahren des Wartens, dass auch in Wintersdorf etwas im Fluss ist, so Ortsvorsteherin Schneider: Wohnraum für 18 Familien entstehe dort, das erste Haus sei bereits fertig. Das neue städtebauliche Entwicklungskonzept, das nun – wie jene der weiteren vier Rastatter Ortsteile – am Montag im Gemeinderat verabschiedet werden soll, bietet hier eine Perspektive mit einer möglichen Bebauung einer weiteren Reihe. Flächen im Südwesten und Osten des von Schutzgebieten umgebenen Dorfs werden als „Entwicklungsreserven“ gesehen. „Großflächiges Innenentwicklungspotenzial“ sehen die Planer im Bereich der ehemaligen Haupt- und Werkrealschule im Ried, wo 2015 der letzte Gong erklang, ehe die Schule zum vorübergehenden Exil der Rastatter Hans-Thoma-Schule wurde. Nun besteht die Chance, wieder Schulstandort zu werden. „Seit 1978 gehen unsere Grundschüler nach Ottersdorf“, stellt Daniela Schneider fest. Jetzt wieder eine Bildungsstätte dort einzurichten, wäre „für unseren Ort eine tolle Aufwertung“. Auch hierzu hat diesen Montag der Gemeinderat das Wort.

Gemeinsamkeiten im Ried

Der am Standort übrig bleibende Platz – der zeitweise an die Pestalozzi-Schule für geistig behinderte Kinder vermietet werden soll, bis der Neubau des Sonderpädagogischen Bildungszentrums in Rastatt steht – bietet Raum für weitere Nutzungen. Etwa für den Kindergarten, der am jetzigen Standort Sanierungsbedarf aufweist, wäre der Standort laut Schneider ideal, aber auch Seniorenwohnen wäre denkbar.

Eine engere Zusammenarbeit der Riedgemeinden innerhalb der Großen Kreisstadt findet auch ihre Zustimmung. Ein gemeinsamer Reisigplatz etwa, die Fusion der Sportvereine – „ich denke, da wird in Zukunft Bewegung reinkommen“.

Wichtig sei es in allen Fragen, mit den Ortschaftsräten und der Ortsverwaltung Ansprechpartner für die Bürger direkt im Dorf zu haben. Und es wäre schlecht, so Schneider, wenn der Ortsteil keine Vertreter im Gemeinderat hätte, dort, wo die Entscheidungen fallen – ein Plädoyer für die unechte Teilortswahl, wie es auch jeder andere Rastatter Ortsvorsteher hält. Wintersdorf hat zwei Plätze im Rat dadurch sicher.

Schneiders Fazit: Den Blick nach vorne richten „und die eine oder andere Lehre aus der Vergangenheit ziehen.“ Zum Beispiel die, nicht allzu lang zu warten, wenn eine Maßnahme ansteht, um die Glaubwürdigkeit zu wahren.

Als Wintersdorf zu Iffezheim wollte

Nicht nur die Telefonvorwahl 07229 verbindet den Rastatter Stadtteil Wintersdorf mit der Nachbargemeinde Iffezheim. „Schon seit Urzeiten besteht eine enge Verbindung“, stellte auch Alfred Hauns einst in seiner Ortschronik fest. Gemeinsame Strukturen und Entwicklungen hätten beide Orte geprägt. Und so ist die Geschichte der Eingemeindung des Riedorts nach Rastatt die kurioseste von allen. Denn eigentlich suchten zunächst Wintersdorf und Iffezheim im Zuge der von der Landesregierung in den 1960er Jahren beschlossenen Verwaltungsreform den Zusammenschluss.

Die Gemeinderäte der Kommunen unter Vorsitz ihrer Bürgermeister entwarfen einen Vertrag, der 1973 schließlich vorlag, die Wintersdorfer Bürger stimmten zu – doch das Innenministerium zog den Stecker und versagte die Zustimmung, wie in der Chronik zu lesen ist. Die übergeordnete Planung sah anderes vor. So blieb dem Riedort nur die Eingemeindung nach Rastatt. Sie wurde später vollzogen als die der vier weiteren heutigen Ortsteile, die 1972 zur Barockstadt kamen. Wintersdorf folgte zum 1. April 1974. Eigentlich. Unterschrieben wurde der Vertrag indes zum 31. März, so geht die Erzählung, damit die Eingemeindung am Ende nicht wie ein Aprilscherz aussieht.

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
27. Januar 2022, 08:30 Uhr
Lesedauer:
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