Lehrer verbreiten Querdenker-Thesen

Gaggenau (ama) – Elternvertreter der Realschule schlagen Alarm: Zwei Lehrerinnen haben Querdenker-Thesen im Unterricht verbreitet. Schulrektor Axel Zerrer erklärt, wie er mit der Situation umgehtt.

Die vierzügige Realschule gehört zu den wichtigsten Bildungseinrichtungen in Gaggenau. Foto: Anna Strobel

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Die vierzügige Realschule gehört zu den wichtigsten Bildungseinrichtungen in Gaggenau. Foto: Anna Strobel

Als „sehr bedenklich“ bezeichnete Eric Peplau die Geschehnisse an der Realschule. Zwei Lehrer sollen im Unterricht Querdenker-Theorien verbreitet haben. Sie hätten den Schülern zum Beispiel erzählt, dass die Corona-Impfung unfruchtbar mache, sagte der Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen in der jüngsten Gemeinderatssitzung. „Und die Schulleitung toleriert das.“

Bürgermeister Christof Florus (FWG) entgegnete, dass er noch nichts von der Problematik mitbekommen habe. Er werde sich erkundigen. Das Gleiche hat auch die Redaktion getan. Letztlich konnte nachvollzogen werden, woher Peplau die Informationen bekommen hat. Und zwar von einer Person, die aus dem engeren Kreis der Schule stammt. Sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, weil sie keine weiteren Konflikte riskieren will.

Im Gespräch mit dieser Zeitung konkretisiert die Person, dass zwei Lehrerinnen für die Verbreitung der Aussagen verantwortlich seien. „Sie haben mehrere seltsame Theorien verbreitet“, sagt sie. „Die Lehrerinnen haben den Schülern auch gesagt, dass die Corona-Impfung deren Erbgut schädigt.“ Und dass es später zu Fehlgeburten kommen könne.

Diese kruden Theorien hätten die beiden Lehrerinnen auch gegenüber Kollegen geäußert. Aufgrund unterschiedlicher Meinungen habe es Diskussionen gegeben: „Das Ganze hat zu einer großen Unruhe in der Schule geführt.“ Wann haben die Lehrerinnen mit den Äußerungen angefangen? „Das ging schon seit Monaten so. Die Schulleitung hätte früher eingreifen müssen.“

„Ängste dürfen nicht aufgebaut werden“

Axel Zerrer, Rektor der Realschule, sagt auf Anfrage dieser Zeitung: „Ich habe von dem Problem erst Ende November durch die Schulkonferenz erfahren.“ Elternsprecher hätten sich beschwert, erzählt Zerrer. Denn: „Durch die Äußerungen der Lehrerinnen sind bei mehreren Schülern Ängste vor dem Impfen entstanden.“ Manche hätten sich deshalb nicht mehr impfen lassen wollen.

Durch Erzählungen der Kinder sei dann klar geworden, dass die Ängste aus dem Unterricht stammten. Zur Bewertung der Lage verweist Zerrer auf den „Beutelsbacher Konsens“. Diese legt die Grundsätze für die politische Bildung von Schülern fest.

Lehrer sollten demnach ein Thema kontrovers darstellen und so zur Meinungsbildung der Schüler beitragen – auch beim Thema Corona-Impfung, betont Zerrer. In den Unterricht könnten somit unterschiedliche Meinungen einfließen.

Dabei dürften die Lehrer ihre persönliche Ansicht aber nicht den Schülern aufzwingen – das entspricht dem „Überwältigungsverbot“ nach dem Beutelsbacher Konsens. „Meinungsäußerung im Unterricht ist ein schmaler Grat. Wie viel kann ein Lehrer einbringen, wann ist eine Grenze überschritten?“, gibt Zerrer zu bedenken. Denn: „Ängste bei den Schülern dürfen nicht aufgebaut werden.“

Deshalb habe er nach den Querdenker-Äußerungen zuletzt Gespräche mit den zwei Lehrerinnen geführt und sie auf ihr Fehlverhalten hingewiesen. Außerdem habe es danach zwei große Konferenzen mit allen Lehrern gegeben. „Die Gespräche haben gefruchtet“, versichert Zerrer. Der Zusammenhalt im Kollegium sei zudem zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen. Letztlich spiegele die Schule die Gesellschaft wider, in der sich während der Pandemie sehr unterschiedliche und teils auch extreme Positionen bildeten.

Judith Feuerer, Pressesprecherin der Stadt Gaggenau, sagt auf Nachfrage dieser Zeitung: „Es gibt an einigen Schulen ungeimpfte Lehrkräfte, die der Thematik kritisch gegenüberstehen.“ Aus Gesprächen mit Schulleitern wisse sie, dass das bislang an den anderen Gaggenauer Schulen zu keinen Problemen geführt habe. Die Lehrkräfte seien sich ihrer dienstlichen Pflichten als Beamte und des Neutralitätsgebots bewusst und hielten sich mit persönlicher Meinung zurück. Im Falle der Realschule habe die Stadt als Schulträger „natürlich auch ein Interesse daran, dass Hinweisen entsprechend nachgegangen wird und Schüler nicht einseitig beeinflusst werden“. Rektor Zerrer will die Thematik nach eigenem Bekunden weiter im Blick behalten. Er gehe davon aus, dass es künftig keine Probleme mehr geben werde: „Wir haben alle Konflikte gelöst.“

Beutelsbacher Konsens

Der Beutelsbacher Konsens zur politischen Bildung wurde in den 70er Jahren formuliert.

Überwältigungsverbot: Es ist nicht erlaubt, Schüler im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der „Gewinnung eines selbstständigen Urteils“ zu hindern. Denn genau hier verlaufe die Grenze zwischen Politischer Bildung und Indoktrination.

Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen: Wenn unterschiedliche Standpunkte unter den Tisch fallen, Alternativen unerörtert bleiben, ist der Weg zur Indoktrination beschritten. Zu fragen ist, ob der Lehrer nicht sogar eine Korrekturfunktion haben sollte, also ob er Standpunkte und Alternativen herausarbeiten muss, die den Schülern von ihrer jeweiligen politischen und sozialen Herkunft her fremd sind.

Schüler müssen in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und eine eigene Interessenlage zu analysieren sowie nach Wegen zu suchen, die politische Lage im Sinne ihrer Interessen zu beeinflussen. Der Beutelsbacher Konsens im Wortlaut.

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Ihr Autor

Adrian Mahler

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Erstellt:
18. Dezember 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 30sec

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