„Leid in Krisengebieten wird weltweit zunehmen“

Baden-Baden/Erbil (for) – Rund drei Jahre war Mossul in der Provinz Ninawa in der Hand des Islamischen Staats (IS). 2017 wurde die Stadt schließlich nach rund neunmonatigen Kämpfen von Regierungstruppen zurückerobert, Millionen Menschen wurden in die Flucht geschlagen. Der Baden-Badener Tobias Lutz-Bachmann von Malteser International ist seit September 2016 vor Ort, um Hilfe zu leisten.

Tobias Lutz-Bachmann arbeitet seit 2016 für Malteser International im Irak. Foto: Malteser International

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Tobias Lutz-Bachmann arbeitet seit 2016 für Malteser International im Irak. Foto: Malteser International

Im März 2019 hat Lutz-Bachmann die Koordinierung eines großen Rückkehrerprogramms in die Ninawa-Ebene übernommen – allerdings ist ein Großteil der Aktivitäten seines Teams aufgrund der Corona-Krise derzeit nur eingeschränkt möglich.

Während Hilfsorganisationen kurz nach der Rückeroberung von Mossul 2017 vor allem damit beschäftigt waren, humanitäre Hilfe zu leisten, stehe mittlerweile mit dem Ninewa-Return-Program (NRP) die „Übergangshilfe“ im Vordergrund, schildert Lutz-Bachmann die Situation vor Ort. „Damals ging es erst einmal darum, die Grundbedürfnisse zahlreicher Geflüchteter und intern Vertriebener zu decken, jetzt kümmere ich mich mit meinem Team und über zehn Partnerorganisationen um eine nachhaltige Rückkehr dieser Menschen in die Ninawa-Ebene.“ Dieses Gebiet wurde während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem IS schwer in Mitleidenschaft gezogen. Eine Vielzahl von Dörfern wurde zerstört.

Förderung eines friedlichen Zusammenlebens

Nun werden die Häuser nach und nach wieder aufgebaut. Das alleine reiche aber nicht aus: Auch einkommensschaffende Maßnahmen und Bildungsmöglichkeiten seien ganz wichtige Punkte, um den Menschen eine neue Zukunftsperspektive zu geben. „Unser Ziel ist es, bis Ende des Jahres mehr als 2200 Häuser und 22 Schulen aufgebaut zu haben“, sagt der 34-Jährige im BT-Gespräch. Betrieben werde bei ihrem Neustart mit Krediten geholfen, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Unabdingbar sei auch die Förderung eines friedlichen Zusammenlebens. Die Ninawa-Ebene ist die Heimat verschiedener ethnisch-religiöser Bevölkerungsgruppen wie Christen, Jesiden, Shabak, Kakae oder Muslime – um nur einige zu nennen. Die Erfahrung der Vertreibung habe Missstände und Spannungen zwischen Gemeinschaften und Minderheiten hinterlassen oder verstärkt. Eine große Herausforderung für Malteser International sei deshalb, das Vertrauen zwischen den verschiedenen ethnisch-religiösen Gruppen wieder aufzubauen. Dabei werden die Malteser von zahlreichen lokalen Partnern unterstützt.

Kurdistan ergreift frühzeitig Maßnahmen

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„Leid in Krisengebieten wird weltweit zunehmen“
Mit Corona-Aufklärkampagnen informieren die Helfer Familien im häuslichen Rahmen über den richtigen Umgang mit dem Virus.Foto: Malteser International/WRO

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„Leid in Krisengebieten wird weltweit zunehmen“
Auch mithilfe von Flugblättern werden die Menschen auf Hygienevorschriften hingewiesen. Foto: Malteser International/UPP

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Insgesamt ist das NRP, das sich an mehr als 40000 direkt und 150000 indirekt Begünstigte richtet, auf vier Säulen aufgebaut: Wiederaufbau, Lebensgrundlagen, Bildung und soziale Zusammenführung. „Aufgrund der Corona-Krise war ein Großteil des Programms in den vergangenen Wochen aber nur eingeschränkt oder gar nicht durchführbar“, erzählt Lutz-Bachmann. Er selbst ist in Erbil, in der autonomen Kurdenregion im Norden des Iraks, untergebracht. Die Stadt liegt rund 80 Kilometer von Mossul entfernt und gilt als „relativ sicher“, meint der Helfer. Kurdistan habe im Vergleich zu Deutschland schon viel früher Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. „Bereits seit Anfang März kam es hier zunehmend zu Beschränkungen, etwa wurden Fitnessstudios geschlossen und auch das Rauchen von Wasserpfeife wurde verboten.“

Die Grenze zum Iran, wo es relativ hohe Infektionszahlen gibt, sei frühzeitig geschlossen worden. Seit dem 14. März habe es dann Ausgangsbeschränkungen mit verschiedenen Ausprägungen gegeben, „zwischenzeitlich herrschte ein paar Tage auch eine komplette Ausgangssperre“. Das sei vor allem für die Kollegen schwierig, die sich um die soziale Zusammenführung kümmerten – „diese Arbeit lebt nun mal von gesellschaftlichen Aktivitäten, die momentan aber nicht möglich sind.“ Auch viele Baumaßnahmen konnten nicht wie geplant weiterlaufen.

Flüchtlingslager gleich zu Beginn der Krise abgeriegelt

Kurz darauf sei dann der Flughafen weitestgehend geschlossen worden. „Innerhalb der Städte kam es zu Straßensperrungen“, berichtet Lutz-Bachmann. Bei Missachtung der Regeln drohten etwa Geldstrafen, aber auch die Beschlagnahmung des Autos. Vereinzelt sei es sogar zu Festnahmen gekommen. Eine verstärkte Polizeigewalt – von der derzeit beispielsweise aus Afrika berichtet wird – kann der Baden-Badener im Nordirak aber nicht beobachten.

Dass frühzeitig strenge Regeln verordnet wurden, hält Lutz-Bachmann für berechtigt: „Je schwächer das Gesundheitssystem ist, desto früher muss man eine solche Sache unter Kontrolle bringen“, sagt er mit Blick auf Corona. Zwar sei das Gesundheitswesen in den Städten in Ordnung, allerdings habe man längst nicht dieselben Möglichkeiten wie in Deutschland. „Mit einem enormen Bedarf an Intensivbetten bekäme man hier wahrscheinlich Probleme“, so der34-Jährige. Vor allem in den Flüchtlingslagern sei die Gefahr eines Ausbruchs des Virus besonders hoch. „Deshalb wurden die Camps auch gleich zu Beginn der Krise abgeriegelt“, schildert Lutz-Bachmann die Lage vor Ort. „Wenn sich das Virus in den Camps erst einmal verbreitet, bekommt man es nur schwer wieder raus, zumal man dort nicht die Möglichkeiten hat, eine Covid-19-Erkrankung entsprechend medizinisch zu behandeln.“ Glücklicherweise habe es bislang aber in keinem Lager Corona-Fälle gegeben. Auch insgesamt ist die Zahl der Infizierten im Irak mit 1928 deutlich geringer als in Deutschland mit 160479 (Stand 29. April, 17 Uhr).

Bevölkerung reagiert noch relativ gelassen


In den vergangenen Wochen habe er sich mit seinem Team intensiv damit beschäftigt, die Hilfsaktivitäten an die aktuelle Lage anzupassen, so der Helfer. „Flexibilität ist in unserem Sektor ohnehin sehr wichtig, da sich die Situation in einem Krisengebiet ständig ändern kann“, fügt er hinzu. So seien etwa Corona-Aufklärungskampagnen durchgeführt worden, bei denen den Bürgern mithilfe von Plakaten Hygienevorschriften nähergebracht wurden. Gerade sei man am planen, wie man den Unterricht nach dem Fastenmonat Ramadan bestmöglich online abhalten könnte. „Natürlich besteht dabei immer das Risiko, dass man gewisse Gruppen – insbesondere die finanziell Schwächeren – ausschließt. Allerdings hat hier tatsächlich fast jeder Zugang zum Internet“, sagt Lutz-Bachmann.

Mittlerweile viele Maßnahmen wieder gelockert

Seit vergangener Woche seien viele der strengen Maßnahmen auch schon wieder gelockert worden. Ausgangssperren gebe es jetzt nur noch ab 18 Uhr abends bis 7 Uhr morgens. Das liege daran, dass sich das gesellschaftliche Leben während des Ramadans ohnehin größtenteils nachts abspiele. Auch die Bauarbeiter konnten ihre Tätigkeiten wieder aufnehmen. „Darüber sind wir sehr froh, viele Gebäude waren nämlich schon kurz vor der Fertigstellung“, zeigt sich der Koordinator zufrieden. Allerdings dürfe man jetzt nicht übermütig werden. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Es kann jederzeit passieren, dass die Lockerungen wieder aufgehoben werden.“

Die Angst in der Bevölkerung vor einer großen Infektionswelle ist nach Auffassung von Lutz-Bachmann relativ gering. „Ich denke, das liegt daran, dass die Menschen hier schon viele Krisen durchgemacht haben“, vermutet er mit Blick auf die Golfkriege, den Irakkrieg, die Eroberung des IS und letztlich auch das Referendum im Jahr 2017. Die Bereitschaft, innerhalb kürzester Zeit in den Krisenmodus zu wechseln, sei deshalb stärker ausgeprägt als beispielsweise in Ländern wie Deutschland. „Es reißt die Bevölkerung hier im Nordirak auch nicht sofort aus der Bahn, wenn das öffentliche Leben mal für einige Wochen stillsteht.“

Erstarken von Terrororganisationen nicht auszuschließen

Sorgen mache er sich vor allem um die Zeit nach der Krise, betont Lutz-Bachmann. „Das, was wir jetzt haben, ist nur die erste Welle, die Auswirkungen auf die weltweite Wirtschaft werden wir später viel drastischer zu spüren bekommen.“ Schon jetzt habe der durch die Corona-Krise ausgelöste Ölpreis-Crash direkte Auswirkungen. „Normalerweise müsste der Ölpreis bei rund 50 US-Dollar liegen, damit das Haushaltsbudget für 2020 gehalten werden kann.“ Davon ist er derzeit aber weit entfernt. Vor einer Woche war der Preis für US-Öl zum Kontraktwechsel zeitweise sogar in den Negativbereich gerutscht. „Die aktuelle Lage kann Länder wie den Irak, Venezuela oder Nigeria, die stark vom Ölexport abhängen, noch weiter destabilisiere.“ Dadurch würden diese Länder anfälliger für politische Einflussnahme von Außen, zudem sei ein erneutes Erstarken von Terrororganisationen nicht auszuschließen.

Weniger Spenden und Hilfsgelder für NGOs

„Außerdem darf man nicht vergessen, dass der US-Iran-Konflikt hintergründig nach wie vor präsent ist“, merkt Lutz-Bachmann an. „Ich habe die große Befürchtung, dass durch die globale Schwächung der Wirtschaft das Leid und die Instabilität in Krisengebieten weltweit zunehmen werden.“ Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass Spenden und Hilfen für NGOs weniger würden, sobald auch die Geberländer mit Geldproblemen zu kämpfen hätten. „Wenn sich Krisen weltweit verschlimmern, die Möglichkeiten, darauf zu reagieren, aber immer geringer werden, dann ist das ein großes Problem“, fügt der Helfer hinzu.

Im schlimmsten Fall könne es passieren, dass die Corona-Pandemie „uns als Akteure von der Übergangshilfe wieder zur humanitären Hilfe zurückwirft“. Um dem entgegenzuwirken, sei es zwingend notwendig, dass sich die Politik nicht nur Gedanken darüber macht, wie die Ausbreitung des Virus verhindert werden kann, sondern auch die weiteren Folgen angesprochen werden.

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30. April 2020, 06:30 Uhr
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