Leidenschaft für die wolligen Rasenmäher

Gaggenau (ans) – Schäferleben im 21. Jahrhundert: Ein Junges Paar aus Freiolsheim lebt mit 300 Schafen, sieben Ziegen und fünf Hütehunden.

Junge Schäferfamilie: Florens Ruff, Alina Glasstetter und Sohn Fabian. Foto: Anna Strobel

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Junge Schäferfamilie: Florens Ruff, Alina Glasstetter und Sohn Fabian. Foto: Anna Strobel

Es riecht angenehm würzig nach frischem Heu. Knapp 60 Lämmer wuseln im Stall durcheinander. Sie stecken ihre Köpfe durch die Abzäunung und betrachten neugierig ihre Umwelt. Die Tiere gehören einer jungen Schäferfamilie, deren Hof sich auf knapp 500 Metern Höhe in Freiolsheim befindet.

Damit sie schnell wachsen, bekommen die Jungschafe auf Eiweiß basierendes Kraftfutter, erläutert Florens Ruff. Der gelernte Landwirt aus Freiolsheim ist Schäfer aus Leidenschaft.

Er habe schon vieles ausprobiert, in der Industrie gearbeitet, doch es habe ihn immer wieder zurück aufs Land gezogen, erzählt der 23-Jährige. Angefangen habe alles im Jahr 2014 mit drei Schafen, da war Ruff gerade mal 16. Damals habe er seine Lebenspartnerin Alina Glasstetter auf einem Dorffest kennengelernt. „Wir sind zusammen gewachsen und haben uns etwas aufgebaut“, berichtet die inzwischen 21-Jährige. Mittlerweile zählen zum Viehbestand des Paares 300 Schafe und sieben Ziegen.

Die Lämmer bekommen ein spezielles Kraftfutter. Foto: Anna Strobel

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Die Lämmer bekommen ein spezielles Kraftfutter. Foto: Anna Strobel

Gehütet werden diese abwechselnd von fünf Hunden. In der Nähe von Ettlingen und Offenburg grasen ihre Herden. Sie halten außerdem die Flächen unter Solaranlagen bei Baden-Baden frei. Die Anzahl der Tiere variiere, sagt der Landwirt. Jährlich bleiben knapp 20 von 100 Jungtieren dauerhaft bei ihren Müttern.

„Schafhaltung muss man wollen“, ist sich Ruff sicher. Um den Traditionsberuf erfolgreich auszuüben, müsse man viel Zeit und Herzblut investieren. „Ein richtiges Wochenende gibt es bei uns nicht“, sagt der Freiolsheimer – denn Schäfer sein bedeutet auch, jeden Tag zu prüfen, ob es den Tieren gut geht.

Lämmer versorgen, Klauen schneiden und Schafe scheren: Das Schäferleben ist arbeitsintensiv und abwechslungsreich. Foto: Anna Strobel

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Lämmer versorgen, Klauen schneiden und Schafe scheren: Das Schäferleben ist arbeitsintensiv und abwechslungsreich. Foto: Anna Strobel

In der kalten Jahreszeit geht Ruff mit seinen Schafen auf Wanderschaft. „So können wir den Winter überbrücken, ohne zufüttern zu müssen“, erläutert er. Am Anfang des Jahres, wenn die Schafe ihre Lämmer gebären, heißt es für die beiden: Nachts aufstehen und die Geburt begleiten. Das sei zwar anstrengend, „aber auch die schönste Zeit“, meint Ruff.

Grundsätzlich ist es auch wichtig, die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz zum Nutztier zu wahren, findet Alina Glasstetter, die es selbst nicht übers Herz bringt, Lammfleisch zu essen. „Da kommen bei mir einfach Erinnerungen hoch“, erklärt sie. Als sie 2015 ihre erste Lammzeit miterlebte, nahm das Mutterschaf seine Zwillingslämmer nicht an, sodass die damals taufrischen Schafhirten sich rund um die Uhr um die Jungtiere kümmerten. Diese beiden Schafe, Hanni und Nanni genannt, „sind heute noch sehr zutraulich und haben eine enge Bindung zum Menschen aufgebaut“, beschreibt Glasstetter.

Die Wolle wird an einen Gernsbacher verkauft. Foto: Anna Strobel

Die Wolle wird an einen Gernsbacher verkauft. Foto: Anna Strobel

Um möglichst effektiv zu wirtschaften, hält das Paar vier verschiedene Schafrassen. Hauptbestandteil von Ruffs Arbeit ist die Landschaftspflege. Dafür besonders gut geeignet „sind die Coburger Fuchsschafe“, erläutert er. Die schwarzköpfigen Suffolk-Schafe und die Texelaar, die ursprünglich aus den Niederlanden stammen, sind hingegen ideal für die Fleischproduktion. Das Schwarzbraune Bergschaf, auch „Juras“ genannt, „lammt öfter ab als die anderen Rassen“, erklärt der Fachmann. „An Ostern und Weihnachten verkaufen wir das meiste Lammfleisch“. Auf diese Weise „ist jeder Bereich gut abgedeckt“.

Im Frühjahr werden die Schafe geschoren. Die Wolle verkaufen die beiden ausschließlich an einen Gernsbacher weiter, der sie zu Schafwollpellets, die man zum Düngen verwenden kann, weiterverarbeitet. Auch die Schlachtprodukte, die Kunden in der Metzgerei nicht kaufen wollen, wird nicht etwa entsorgt, sondern zu Hundewurst verarbeitet. „Wir verwerten alles, selbst die Knochen“, so Ruff, für den Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielt.

Hündin Hope kam im Dezember 2020 auf die Welt. Foto: Anna Strobel

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Hündin Hope kam im Dezember 2020 auf die Welt. Foto: Anna Strobel

Neben der Nutztierhaltung hat er sich mit der Zucht von Border Collies ein zweites Standbein aufgebaut. Die meisten Hunde verkauft er an andere Schäfereien. Außerdem bildet er die Vierbeiner gemeinsam mit seiner Freundin aus. „Alina bringt ihnen die Grundbefehle bei, und bei mir lernen sie das Schafehüten“, erzählt der 23-Jährige. „Bis sie komplett ausgebildet sind, dauert es ungefähr vier Jahre“.

Für die Tiere „ist das Schafehüten Hochleistungssport“, weiß er. Denn beim Hüten springen sie über hohe Zäune und legen beachtliche Strecken zurück. Im vergangenen Jahr war Amy, der Lieblingshund der kleinen Familie, trächtig. Den kleinsten und schwächsten Welpen aus diesem Wurf behielten die Schafhirten. Diese junge Hündin hört auf den Namen Hope und soll in Zukunft in die Fußstampfen ihrer Mutter treten.

Besonders wichtig ist dem Paar die Gesundheit seiner Tiere. Mindestens zweimal im Jahr werden die Schafe und Ziegen daher entwurmt. Ungefähr genauso oft müssen die Klauen geschnitten werden. Das beugt der sogenannten „Moderhinke“ vor, einer schmerzhaften Klauenkrankheit, die von Bakterien verursacht wird. Oft werden sie gefragt, ob die Tiere ausreichend mit Wasser versorgt seien. „Auch darauf achten wir“, betonen die beiden.

Die zunehmende Verbreitung des Wolfs im Schwarzwald gebe ihm zu denken, meint Ruff. Von einem Schäfer in Baiersbronn habe er gehört, dass er dort bereits zugeschlagen hat. Ihre eigenen Herden seien aber aktuell kaum gefährdet, da sie nicht in der Nähe des Walds grasen, ist er sich sicher.

Fleisch aus Neuseeland drückt die Preise

„Finanziell lohnt sich die Fleischproduktion nicht“, erklärt Ruff. „Vor allem das Lammfleisch aus Neuseeland drückt die Preise. Besonders die Kleinbetriebe, so wie unserer, leiden darunter.“ Deshalb nehme er zusätzlich viele kommunale Aufträge von Städten an, Flächen instand zu halten und Kulturlandschaften mit seiner Schafherde und einem Mulchgerät zu pflegen. Als selbstständiger Schäfer zu arbeiten, erfordere viel Planung und Organisationsgeschick. Dennoch kann er sich keinen schöneren Beruf vorstellen.

Ihr Autor

BT-Volontärin Anna Strobel

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Erstellt:
16. Mai 2021, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 40sec

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