Leipziger brillieren in Gernsbach

Gernsbach (gut) – Der Auftritt des Mendelssohn-Kammerorchesters in der Stadthalle wird zu einem großartigen Abend für die Kulturszene der Papiermacherstadt.

„Der Kosmopolit Mendelssohn“ heißt das Programm, mit dem das Mendelssohn-Kammerorchester die Klassikfreunde in Gernsbach begeistert. Foto: Mendelssohn-Kammerorchester

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„Der Kosmopolit Mendelssohn“ heißt das Programm, mit dem das Mendelssohn-Kammerorchester die Klassikfreunde in Gernsbach begeistert. Foto: Mendelssohn-Kammerorchester

Eine Besonderheit in Gernsbach: ein Kammerkonzert mit 14 Streichern! Das Mendelssohn-Kammerorchester aus Leipzig, vor gut 20 Jahren gegründet, hat am Sonntagabend in der Stadthalle die rund 60 Zuhörer mit unbändiger Musizierfreude rundum begeistert. Und es ging rund um den „Kosmopolit Mendelssohn“.

Von Leipzig aus pflegte er Beziehungen und Freundschaften in ganz Europa. Dazu zählen Komponisten von Musikstücken, die hier von zwei Jugendwerken Mendelssohn Bartholdys umrahmt werden. Gleich mit dem Sinfoniesatz Nr. 1 c-Moll beweist das Ensemble seine frische Interpretationskraft in einer von jugendlicher Unbeschwertheit zeugenden temporeichen Komposition des 14-Jährigen. Mit Präzision und bewundernswerter Leichtigkeit werden die virtuosen Passagen von den hohen Streichern gemeistert. Immer wieder hört man Anklänge an sein großes Vorbild Bach, so auch in der Tripelfuge dieses Allegro molto. Kein Wunder, denn Mendelssohn trug wesentlich zur Wiederentdeckung von Werken von Händel und Bach bei.

Zur Besonderheit dieses Ensembles zählt auch die Führung durch Peter Bruns von der Position des Solo-Cellos aus, der sogleich in der Serenade d-Moll mit Solo-Cello von Robert Volkmann seine Meisterschaft demonstriert. Im seelenvollen Larghetto beeindrucken Frage-Antwort-Passagen zwischen den einzelnen Stimmgruppen des immer wieder durch seine Homogenität bestechenden Ensembles. Spielerische Attitüden gefallen im tänzerischen Prestissimo, bis der dritte Satz mit leisen und ruhigen Klängen fast verweht.

Tänzerisch leicht mit rustikalen Einwürfen

Der Mendelssohn-Schüler Niels W. Gade schuf mit seinen Novelletten für Streicher Nr. 1 ausdrucksstarke „Erzählungen“. Graziöse, lebhafte Wendungen im ersten Satz, das Scherzo wird akzentuiert und rhythmisch präzise mit Charme und Schalk präsentiert. Der dritte Satz vermittelt die leichte, unbeschwerte Melodik mit skandinavischem Charakter, während im Schlusssatz die Themen quirlig durch die Streichergruppen wandern bis zu einem schwungvollen Abschluss.

Nach der Pause wird die Mendelssohn-Tradition fortgeführt mit der nachfolgenden Generation: „Kleine Suite für Streicher“ von Carl Nielsen. Bilder des Nordens drängen sich dem Zuhörer auf. Weite, Ruhe verströmende Landschaften werden assoziiert – bei immer wieder wunderbar abgestimmten dynamischen Bewegungen.

Auch wehmütige und melancholische Klänge im Repertoire

Im Intermezzo dominiert tänzerische Leichtigkeit, mit gleichzeitig rustikalen Einwürfen der tiefen Streicher. Das Finale mit teils dunklen Passagen mündet in ein hochvirtuoses flirrendes Allegro con brio. In Nielsens kurzer Komposition „An der Bahre eines jungen Künstlers“ überzeugt einmal mehr der Klangsinn des Ensembles. Wehmütige, melancholische Klänge drücken Verzweiflung und Schmerz aus.

Auch Hector Berlioz gehört zu Mendelssohns Wegbegleitern. Seine Ballade über den Tod Ophelias ist zwar berührend, musikalisch vielleicht das schwächste Stück des Abends. Doch sehr bewegend wird die Wasserbewegung um die Sterbende durch die Streicher simuliert. Und das Solo-Cello konnte sich mit wenigen geschmackvoll gespielten Kantilenen über diesen Klangteppich erheben.

Achte Streichersymphonie ein kleines Meisterwerk

Bereits ein kleines Meisterwerk ist die achte Streichersymphonie, mit der das Konzert abgerundet wird. Die zwölf Streichersinfonien Mendelssohns sind erstaunlich geschliffene Zeugnisse des frühreifen Formsinns eines gerade mal Zwölf- bis 14-Jährigen! Auch hier wieder fällt das Stilmittel der langsamen Einleitung mit Übergang zum schnellen Hauptteil auf. Ganz speziell ist der zweite Satz, den eine Solo-Bratsche gestaltet, unterstützt nur von den Kollegen in der Bratschen- und der Cello-/Bassgruppe.

Herrliche, sonore Kantilenen und Figuren, perfekt begleitet von den beiden Kolleginnen aus der Gruppe, machen diesen Satz zu einem Hochgenuss.

Der dritte Satz erfreut mit seiner fröhlichen Grundstimmung, rhythmisch pointiert vorgetragen, mit feiner dynamischer Abstimmung bei variierenden Themen. Schließlich begeistert der Schlusssatz, das Allegro molto, mit den wiederum typischen Mendelssohn’schen Figuren, die hier durch alle Instrumentengruppen wandern.

Als Zugabe gibt es die zweite Wiederholung des Menuetts aus dem dritten Satz. Ein großartiger Abend für Gernsbach, der viel mehr Zuhörer verdient gehabt hätte!

Das europäische Musikleben des 19. Jahrhunderts entscheidend geprägt

Felix Mendelssohn Bartholdy hat als Komponist, Pianist und Dirigent das europäische Musikleben des 19. Jahrhunderts entscheidend geprägt. Darüber hinaus setzte er sich nachhaltig für den musikalischen Nachwuchs ein. Das Mendelssohn-Kammerorchester Leipzig sieht sich als Spezialistenensemble und Botschafter Mendelssohns und sieht es als seine Aufgabe an, dessen Werk in Verbindung mit der Leipziger Musiktradition in den Fokus seiner Arbeit zu rücken. Besonders eindrücklich erlebt das Publikum diese Auseinandersetzung des Orchesters mit seinem Namensgeber in den thematisch inszenierten Konzertprogrammen.


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