Leiser Abschied aus dem Kloster Neusatzeck

Bühl (hol) – Langsam verabschieden sich die Schwestern aus dem Kloster Neusatzeck, bis August werden alle nach Freiburg gezogen sein. Das juristische Tauziehen um die Immobilie geht derweil weiter.

Stille Andacht in der Hauskapelle: Nur noch elf Schwestern leben derzeit in dem großen Gebäudekomplex. Foto: Harald Holzmann

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Stille Andacht in der Hauskapelle: Nur noch elf Schwestern leben derzeit in dem großen Gebäudekomplex. Foto: Harald Holzmann

Im Kloster Neusatzeck geht leise eine Ära zu Ende: Die Schwestern packen ihre Habseligkeiten und räumen das Josef-Bäder-Haus. Ende August wird vermutlich Priorin Birgitta Dorn als letzte den Schlüssel herumdrehen. Doch es ist ein Abschied mit Ecken und Kanten: Im Hintergrund streiten sich Juristen über die Zukunft des auf der anderen Straßenseite gelegenen einstigen Mutterhauses der Dominikanerinnen.

„Bis August werden wir alle umgezogen sein“

Im ehedem vielfrequentierten Gästehaus sieht es aus, als habe sich erst gestern die letzte Gruppe verabschiedet. Im großen Seminarraum stehen Stühle im Kreis. Die Betten der blitzsauberen Gästezimmer sind gemacht, Aufenthaltsräume laden ein, miteinander ins Gespräch zu kommen. Doch es ist still. Nur noch elf Schwestern sind hier zuhause. „Fünf sind schon umgezogen – zu den Benediktinerinnen ins Kloster St. Lioba in Freiburg und ins Kloster Hegne am Bodensee“, sagt die Priorin. Auch die restlichen Bewohnerinnen sind am Packen. „Bis August werden wir alle umgezogen sein“, sagt sie.

In den kleinen Büros sieht es aus, als ob der Seminarbetrieb im Gästehaus noch läuft. Foto: Harald Holzmann

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In den kleinen Büros sieht es aus, als ob der Seminarbetrieb im Gästehaus noch läuft. Foto: Harald Holzmann

Insgesamt waren zuletzt nur noch 16 Schwestern im Kloster in Neusatzeck – Durchschnittsalter: über 85. Nachwuchs Fehlanzeige. Zu wenig, um den Seminarbetrieb in dem Gästehaus weiter aufrechtzuerhalten. „Das war am Ende zu viel“, sagt auch eine 88-jährige Schwester, die gerade dabei ist, in der riesigen Küche aufzuräumen. „Früher haben hier fest angestellte Köche gekocht – an manchen Tagen für über 100 Gäste“, erzählt sie. „Und ich habe die Leute bedient – noch bis im letzten Jahr war ich ständig auf den Beinen. Jetzt geht das nicht mehr.“ Heute kocht keiner mehr. Essen für die Schwestern kommt von einer örtlichen Gaststätte – die Nonnen müssen es täglich dort abholen.

„Wir waren mal 230 Schwestern“, erinnert sich eine andere bei einem kurzen Gespräch und bekommt leuchtende Augen. „Das hier war mal der Speisesaal für die Gäste“, sagt sie und zeigt in einen großen, hellen Raum. Auf den Tischen, an denen sich früher Seminarteilnehmer gestärkt und unterhalten haben, liegen jetzt hölzerne Kruzifixe, eine Weihnachtskrippe, Bücher und Kerzen – augenscheinlich bereit für den Abtransport ins neue Domizil in Freiburg.

Priorin: „Man kann überall leben“

Wenige Schritte weiter: die Hauskapelle, die nach dem Umzug der Schwestern aus dem auf der anderen Straßenseite gelegenen einstigen Mutterhaus ins frühere Gästehaus im Dachgeschoss eingerichtet wurde. Drei Schwestern sind in stiller Andacht versunken – eine davon liegt in einem Pflegebett. Ob sie gerade daran denken, welche Veränderung da auf die zukommt?

Jahrzehntelang Anlaufpunkt für jährlich Hunderte Seminargäste: Das Josef-Bäder-Haus steht bald leer. Foto: Harald Holzmann

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Jahrzehntelang Anlaufpunkt für jährlich Hunderte Seminargäste: Das Josef-Bäder-Haus steht bald leer. Foto: Harald Holzmann

„Man kann überall leben“, sagt die Priorin und wischt mit einem Lächeln die Frage nach dem Vorher und Nachher weg. „Uns erwartet ja schließlich etwas Schönes in Freiburg“, sagt sie. Die Ära des Klosters Neusatzeck sei Vergangenheit. „Alles hat seine Zeit. Diese Zeit ist nun mal vorbei.“ Bei dem Satz schleicht sich dann doch ein wenig Wehmut in ihre Stimme.

Für Ralf Olbrück, Geschäftsführer der Kölner Vermögensverwaltungsfirma Prosecur, ist das Kloster Neusatzeck eine von vielen Liegenschaften der katholischen Kirche in ganz Deutschland, deren Vermarktung er betreut. Es ist kein einfacher Fall. Zu der weitgehend denkmalgeschützten 50-Zimmer-Immobilie des ehemaligen Gästehauses gehört auch ein Nachbargebäude, in dem die Schwestern früher eine Haushaltsschule betrieben haben, sowie die Klosterkirche St. Agnes mit guter Akustik, in der nach einer Profanierung des Gebäudes Veranstaltungen für 100 Besucher und mehr stattfinden könnten. Für all das will Olbrück 3,85 Millionen Euro erzielen – Geld, das die Schwestern brauchen, weil sie in Freiburg künftig Miete und Pflegekosten zahlen müssen. Drei konkrete Interessenten hat er an der Hand, wie er sagt. Zwei von ihnen möchten nicht nur das Josef-Bäder-Haus kaufen, sondern auch das ehemalige Mutterhaus gegenüber, für das bekanntlich per Bebauungsplan die Nutzung als Seniorenzentrum vorgesehen ist.

Dass es um dieses ehemalige Mutterhaus noch einen Streit gibt, ist dabei allerdings ein Hindernis. Der Baden-Badener Projektentwickler Bernd Matthias mit seiner Firma Aurelia Concept, der das Seniorenzentrum-Projekt bis zur Baureife getrieben hatte, erhebt immer noch Ansprüche auf das Gebäude, obwohl die Schwestern den Vertrag mit ihm gekündigt und den Verkauf rückgängig gemacht haben.

Kein Zutritt: Schlösser ausgetauscht

Nein, Kontakt mit Matthias habe er keinen, sagt Olbrück. „Das erledigen jetzt die Anwälte.“ Ähnlich äußert sich der Baden-Badener Projektentwickler im Gespräch mit dem BT. Dass die Schwestern mittlerweile die Schlösser für das frühere Mutterhaus ausgetauscht haben und er keinen Zugang mehr zu der Immobilie hat, die er kaufen wollte, ärgert ihn. Aber er gibt nicht auf. Auch er sei mit Interessenten im Gespräch, die das von ihm entwickelte Seniorenzentrum künftig betreiben wollen, sagt er. Bald könne es mit der Planung weitergehen. Pünktlich im Oktober gehe es dann auch mit den Bauarbeiten los.

Die ehemalige Haushaltsschule gehört zur Immobilie des Josef-Bäder-Hauses. Foto: Harald Holzmann

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Die ehemalige Haushaltsschule gehört zur Immobilie des Josef-Bäder-Hauses. Foto: Harald Holzmann

Ob das tatsächlich so kommt, steht indes in den Sternen. Klar ist nur: Die Schwestern sind dann schon in Freiburg und werden das Tauziehen um ihre Immobilie wohl aus der Ferne verfolgen.

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Erstellt:
15. April 2021, 20:00 Uhr
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