Levit gelingt innigen Klang bei Brahmstagen

Baden-Baden (BT) – Höhepunkt bei Brahmstagen: Igor Levit hat die Münchner Philharmoniker unter Dirigent Valery Gergiev bei Brahms' Klavierkonzert d-Moll im Festspielhaus zum innigen Klang inspiriert.

Erstes Zusammenspiel: Pianist Igor Levit und Dirigent Valery Gergiev am Pult der Münchner Philharmoniker am Samstagabend bei den Brahmstagen im Festspielhaus Baden-Baden.  Foto: Manolo Press/Michael Bode

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Erstes Zusammenspiel: Pianist Igor Levit und Dirigent Valery Gergiev am Pult der Münchner Philharmoniker am Samstagabend bei den Brahmstagen im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Manolo Press/Michael Bode

Den schroffen Beginn von Johannes Brahms‘ erstem Klavierkonzert in d-Moll mit dem bedrohlichen Paukenwirbel, den scharfen Akzenten und markanten Trillern kennt man als außergewöhnlichen Einstieg in ein Solokonzert. Im Festspielhaus Baden-Baden hört man in der zwölften Reihe des Parterres in den ersten Takten zusätzlich noch ein seltsames Rasseln, das sich als Zischen und Fauchen von Valery Gergiev herausstellt.

Auch das unstrukturierte Dirigat des Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker ist gewöhnungsbedürftig – seine flatternden Hände verunklaren den Schlag, was wiederum das präzise Zusammenspiel erschwert. Zum ersten Mal überhaupt sind der Pianist Igor Levit und Valery Gergiev gemeinsam in einem Konzert zu erleben. Und es dauert, bis sich die musikalischen Partner an diesem Abend finden.

Im Kopfsatz agiert das Orchester zu dominant und auch zu wenig flexibel. Da laufen Unisono-Phrasen nicht parallel, da fehlt es an Bindung zwischen den Orchestergruppen. An Igor Levit liegt es nicht, dass es bei der Premiere ruckelt. Der russischstämmige Pianist, der im Alter von acht Jahren nach Deutschland kam, nutzt jede Gelegenheit, den Klavierklang intimer und wärmer werden zu lassen, um eine Gegenwelt zu den vollgriffigen Fortepassagen zu entwickeln. Immer wieder wendet Levit seinen Kopf ganz zu den Bläsern, aber ein engerer Kontakt zwischen Solist und Orchester entsteht erst im zweiten Satz.

Brückner gehört zum Spezialgebiet der Münchner

Nach einem wenig geheimnisvollen Beginn in den gedämpften Streichern zaubert der Pianist einen innigen Klang, von dem sich die Münchner Philharmoniker inspirieren lassen. Traumverloren und kammermusikalisch gerät dieses Adagio, aus dem ein energiegeladenes Rondofinale erwächst. Ein besonderes Geschenk für das andächtige Publikum gibt es als Zugabe: das von Levit entrückte „Kind im Einschlummern“ aus Robert Schumanns „Kinderszenen“ op. 15.

Mit Anton Bruckners 6. Symphonie nach der Pause bewegen sich die Münchner Philharmoniker, die mit Sergiu Celibidache und Christian Thielemann Bruckner liebende Chefdirigenten hatten, auf ihrem Spezialgebiet – und das hört man sofort. Der Streicherklang fasziniert in seiner Mischung aus Erdung und Gesanglichkeit. Die von Gergiev behutsam aufgebauten Steigerungen sind aus einem Guss. Der Orchesterklang bleibt auch im Fortissimo rund. Gergiev gibt der Symphonie Raum zum Atmen und lässt das Orchester an der langen Leine. Die Coda des Maestosos machen kernige Hörner und gleißende Trompeten zu einer lichtdurchfluteten Kathedrale, das melancholische Adagio wird vom schweren Blech sanft gebettet. Vor allem aber ist bei dieser bemerkenswerten Interpretation immer der Puls zu spüren, der bis auf das flächige Adagio alle Sätze prägt. Deshalb ist dieser Bruckner nicht nur weihevoll, sondern erzählt auch vom prallen Leben.

In den geschärften Blecheinwürfen des Finales ist kein Weihrauch mehr zu spüren, sondern sie erzählen auch von Ängsten und Verunsicherung. Johannes Brahms hatte für Bruckners Musik kein Verständnis und seine Werke abfällig als „symphonische Riesenschlangen“ bezeichnet. Dass ausgerechnet Bruckner den Brahmstagen einen Höhepunkt beschert, ist eine Pointe der besonderen Art.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
27. September 2021, 05:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 29sec

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