Lewandowski schreibt Bundesliga-Geschichte

Baden-Baden/Freiburg (moe) – Robert Lewandowski hat Bundesliga-Geschichte geschrieben. Beim 2:2 beim SC Freiburg erzielte der Bayern-Stürmer den 40. Saisontreffer und egalisierte einen Uraltrekord.

Unprätentiös, aber erfolgreich: Vom Elfmeterpunkt erzielt Robert Lewandowski seinen 40. Saisontreffer. Foto: Thomas Kienzle/AFP

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Unprätentiös, aber erfolgreich: Vom Elfmeterpunkt erzielt Robert Lewandowski seinen 40. Saisontreffer. Foto: Thomas Kienzle/AFP

Im Prinzip wusste jeder im Schwarzwaldstadion, was gleich kommen würde: Zwei gehüpfte Sidesteps, ein paar hochfrequente Trippelschritte und – als finaler Akt – ein gehopster Schuss mit der rechten Innenseite. Auch Mark Flekken hat ebendieses Prozedere schon dutzendfach gesehen. Verhindern, dass der Ball das Netz zappeln ließ, konnte der Keeper des SC Freiburg indes nicht.

Auf die wohl unprätentiöseste Art und Weise, nämlich aus elf Metern und bis auf Flekken ohne Gegenwehr, hat Robert Lewandowski am Samstag um 15.55 Uhr den Rekord von Bayern-Legende Gerd Müller egalisiert, sich selbst endgültig zur selbigen aufgeschwungen und dafür gesorgt, dass der „ewige Torrekord“ des „Bombers der Nation“ wohl nur noch bis zum kommenden Samstag Bestand haben wird.

Denkmal für Stürmer und Team

„Was Gerd Müller geschafft hat, war unglaublich“, betonte Lewandowski nach dem 2:2 gegen forsche Freiburger. „Ich hätte nie gedacht, dass ich es schaffen könnte, mit ihm einen Rekord zu haben. Ich bin sehr stolz und kann es noch gar nicht glauben.“ Dass sein 40. Saisontor ein verhältnismäßig unspektakulärer Elfmeter war – geschenkt. Dafür gab es im direkten Nachgang jede Menge Spektakel: Erst huldigte Lewandowski bei seinem Jubel auf seinem Unterhemd an seinen prominenten Co-Rekordhalter – Gerd Müller gelangen in der Spielzeit 71/72 ebenfalls 40. Saisontore –, ehe Teamkollegen, Ersatzspieler und Trainerstab an der Seitenlinie Spalier standen und dem 32-jährigen Polen applaudierten.

Die verbale Würdigung folgte prompt. „Eine unglaubliche Leistung, mit der er sich und der gesamten Mannschaft ein Denkmal gesetzt hat“, hat Lewandowski laut FCB-Vorstand Oliver Kahn vollbracht. „Im Moment ist Robert der beste Stürmer auf der Welt“, lobte sein Coach Hansi Flick. Die Elogen auf Lewandowski hätten kaum anerkennender ausfallen können. Auch dann nicht, wenn er nach seinem 40. auch noch den 41. oder vielleicht sogar 42. Saisontreffer hätte folgen lassen.

Möglichkeiten für mindestens zwei weitere Treffer

Möglichkeiten, sein eigenes Denkmal noch zu vergolden, gab es einige, beispielsweise in Minute 20, also bereits vor seinem 1:0 vom Punkt, das erst durch einen Hinweis des Videoassistenten in Köln zustande kam. Schiedsrichter Florian Badstübner hatte ein Foul im Strafraum von Freiburgs Lukas Kübler an Thomas Müller in Realzeit nicht als solches erkannt. Zudem scheiterte Lewandowski völlig untypisch und geradezu in Slapstick-Manier binnen weniger Sekunden aus kurzer Distanz zweimal am starken SC-Schlussmann Flekken (78.).

Statt der vermeintlichen Vorentscheidung (Flick: „Wir hätten das 3:1 machen müssen.“) hatte deshalb Christian Günter seinen großen Auftritt: Nachdem der bis dato unglücklich agierende Leroy Sané dem SC-Kapitän nach dem Wechsel mehrfach Knoten in die Füße gespielt und nach Volley-Vorlage von Müller das zwischenzeitliche 2:1 aus Bayern-Sicht erzielt hatte, indem er den Ball am zweiten Pfosten über die Linie grätschte, hatte Günter seine Gliedmaßen entwirrt, um über das halbe Feld zu sprinten. Dort angekommen hatte er noch die Kraft, den Ball ex-

trem präzise ins lange Eck zu wuchten. Bayern-Ersatzkeeper Alexander Nübel, der für Manuel Neuer ins Gehäuse durfte und nicht immer so einen souveränen Eindruck hinterließ wie bei den Paraden gegen die eingewechselten Lucas Höler (71.) und Janik Haberer (73.), konnte nichts ausrichten.

Das war auch in Minute 29 so, also kurz nach der ersten Bayern-Führung. Nach einer Ecke von SC-Ballstreichler Vincenzo Grifo stieg Innenverteidiger Manuel Gulde hoch und nickte per Kopf ein. Und so durfte sich Christian Streich beim vermeintlich letzten Spiel im Schwarzwaldstadion (siehe Text auf dieser Seite) über einen „hochverdienten“ Punkt freuen, mit der Leistung seiner Jungs war der SC-Trainer „rundum zufrieden“.

Dass wird Robert Lewandowski erst sein, wenn er am kommenden Wochenende tatsächlich den 41. Treffer erzielt hat. Am Samstag musste er konstatieren: „Vielleicht kann man so einen Rekord eben nicht auf einmal brechen.“

Abschied vom Schwarzwaldstadion – oder doch nicht?

Fast zeitgleich mit dem Anpfiff setzte der Regen ein. Das wellblechbedachte Schwarzwaldstadion wirkte dabei wie ein großer Resonanzkörper, der das unablässige Prasseln der Tropfen zusätzlich verstärkte. Man könnte an dieser Stelle nun pseudo-metaphorische über den zum Abschied weinenden Himmel schwadronieren, schließlich war das 2:2 des heimischen SC Freiburg gegen den ruhmreichen FC Bayern München nach Lage der Dinge das letzte Pflichtspiel, das im Bundesliga-Geviert mit der schönsten Aussicht – am Samstag waren die Tannenwipfel hinter der Nordkurve wolkenverhangen – ausgetragen wurde. Dennoch verbietet sich derlei Pathos. Zum einen, weil am Wochenende gar keine Abschiedsstimmung aufkommen wollte. Der SC hatte bewusst auf jegliches Brimborium verzichtet, ohne Fans mache das nun wahrlich keinen Sinn, teilte der Verein mit. Und zum anderen ist noch gar nicht abgemacht, dass der extrem couragierte Auftritt der Streich-Elf wirklich der letzte in ihrem leicht abgewohnten Schmuckkästchen war.

Denn die Arbeiten am neuen Stadion im Wolfswinkel im Nordwesten der Stadt sind noch nicht beendet. Dem Vernehmen nach hakt es am technischen Innenausbau. Alle Beteiligten hoffen, dass die Probleme bis zum Start der Saison 2021/22 am 13. August behoben sein werden. Sicher ist das indes nicht. Dabei „wird es auf jeden Tag ankommen“, hieß es im aktuellen Stadionmagazin des SC.

Auf der finalen Pressekonferenz kam dann doch ein Hauch von Wehmut auf, als sich Christian Streich an „große, große Spiele“ und „sehr, sehr tolle Momente“ im Schwarzwaldstadion erinnerte. Von daher war es dem SC-Trainer „extrem wichtig“, dass sein Team der Geschichte des Gemäuers auch beim vermeintlich letzten Auftritt „gerecht wird. Und das ist der Mannschaft bravourös gelungen“.


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