Liebe im Zeichen der Ringe

Baden-Baden (rap) – Bei Olympia entsteht so mancher Bund fürs Leben, oft ist das Athletendorf aber vor allem eines: Eine große Spielwiese.

Ein Herz und eine Seele: Emil Zatopek mit seiner Frau Dana kurz nach dem Marathon 1952 in Helsinki. Foto: dpa/Archiv

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Ein Herz und eine Seele: Emil Zatopek mit seiner Frau Dana kurz nach dem Marathon 1952 in Helsinki. Foto: dpa/Archiv

Alles begann mit den Backstreet Boys. Mit Gassenhauern wie „Quit playin Games (with my Heart)“ und „As long as you love me“. Roger Federer schmetterte sie auf dem Weg Richtung Trainingsplatz mit einer Inbrunst und Anmut, wie er sonst nur seine einhändige Rückhand über das Netz peitscht. Als sechster Backstreet Boy, so sein Plan, wollte er anno 2000 – nur wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Sydney – die junge Tennisspielerin Mirka Vavrinec bezirzen.

Man kannte sich schließlich flüchtig durch den gemeinsamen Trainingsort Biel, lief sich immer mal wieder über den Weg. „Er sang aus vollem Hals die Lieder. Mir gefiel er schon damals“, gestand die spätere Frau Federer Jahre danach. Doch alle Hit-Trällerei war vergebens, die Schweizer verloren sich aus den Augen – zunächst. Nur, um 16.660 Kilometer entfernt von der Heimat in Down Under doch zueinander zu finden. „Die ganzen Olympischen Spiele lief’s gut im Dorf, und dann plötzlich gab’s da am letzten Tag diesen Kuss“, erinnert sich der Rekord-Grand-Slam-Sieger an ebenjenen Augenblick vor der Schlussfeier. Einen kurzen Moment musste der Schweizer aber um die Liebe seiner Angebeteten bangen. „Du bist so jung“, habe Mirka direkt nach dem Kuss gesagt. „Achtzehneinhalb“, habe er, also Federer, geantwortet, einerseits stolz ob seiner Volljährigkeit, aber auch fast schon brüskiert von der damals 21-Jährigen. Ihr Kommentar: „Du bist ein Baby.“ Und in der Tat, Babys sollten folgen. Vier an der Zahl nach der Hochzeit 2009, je zwei Zwillinge.

Getoppt werden die Federers aber – was den Schnulzfaktor bei Olympischen Spielen anbelangt – vom tschechischen Wunderläufer Emil Zatopek und seiner Frau Dana Zatopkova. Zugegeben, das Sportlerpaar war schon vor den Spielen 1952 in Helsinki ein Herz und eine Seele. In Finnland schrieb das Duo dann Sportgeschichte – und holte als erstes Ehepaar überhaupt zusammen vier Goldmedaillen: Emil gewann Edelmetall über 5.000 und 10.000 Meter sowie über die Marathondistanz, Dana schleuderte den Speer weiter als die Konkurrenz. Sportgeschichte schrieben sie auch deshalb, weil sie am selben Wettkampftag Gold holten. Fun Fact am Rande: Beide hatten sogar am gleichen Tag Geburtstag (19. September 1922).

Die Federers und Zatopeks sind also der lebende Beweis, dass bei den Olympischen Spielen so manch‘ Bund für die Ewigkeit entsteht oder leistungsfördernd wirken kann, manchmal aber hält die Liaison doch nur eine Olympiade lang. Wie bei Franziska van Almsick und Stefan Kretzschmar. Ebenfalls 2000 entflammte die Liebe zwischen der Schwimmerin und dem exzentrischen Handballstar. Doch nur vier Jahre später – bereits vor den Spielen in Athen – war die Liebe wieder erkaltet. Die Olympia-Götter waren dem Paar anscheinend nicht wohlgesonnen.

Royale Märchenhochzeiten

Eine wahrhaft königliche Geschichte (ganz ohne den Beistand der Götter) schrieb Silvia Sommerlath. Die Hostess verdrehte bei den Spielen 1972 in München dem schwedischen Kronprinzen Carl Gustaf derart den Kopf, dass die dunkelhaarige Heidelbergerin 1976 eine Märchenhochzeit feierte. Ein weiteres royales Paar hat seinen Ursprung ebenfalls beim Mega-Event im Zeichen der fünf Ringe. In Sydney lernten sich Fürst Albert von Monaco, damals im Dienste des Internationalen Olympischen Komitees unterwegs, und die Schwimmerin Charlene Wittstock erst kennen – und dann lieben.

Natürlich gibt es sie, die romantischen Liebesgeschichten. Doch oft ist das Athletendorf, in dem sich über 10.000 (meist) junge Athleten tummeln, vor allem eins: eine große Spielwiese der Lust und Freizügigkeit. Kein Wunder, stolzieren dort doch Endlosbeine im Übermaß durch die Gassen und Hünen lassen sich die Sonne auf ihre Waschbrettbäuche scheinen (zumindest bei den Sommerspielen). Protzen mit der Potenz lautet da das (nicht olympische) Motto.

„Was im Dorf passiert“, sagte die kanadische Skifahrerin Emily Brydon vor Olympia 2010 in Vancouver, „bleibt auch im Dorf.“ Playboy-Erfinder Hugh Hefner würde im Himmel sicherlich vor Rührung eine Träne verdrücken. Dass es aber auch bei Winterspielen heiß hergehen kann, verdeutlicht das „Safe-Kit“ der Organisation „SafeGames 2010“, die neben 100.000 Kondomen auch das Liebes-Starterpack an die Frau und den Mann brachte. Mit folgendem Inhalt: Kondome, Leuchtstäbe (praktisch für das Tête-à-Tête im Dunkeln) und Handwärmern (vor allem bei Winter-Spielen wohl sehr zu empfehlen). „Nach all den Monaten der harten Vorbereitung mit nichts anderem als Wasser und Müsli wollen die Leute sich vergnügen und Dampf ablassen“, sagte der frühere Snowboarder und Olympia-Teilnehmer Crispin Lipscomp – und prophezeite: „Ich bin sicher, die Kondome werden absolut gebraucht.“

Rio de Janeiro: Leere Kondomautomaten

Während sich Skifahrerin Brydon an das Hefner-Gebot hielt und zu den ausschweifenden Liebesakten im Athletendorf schwieg, schreckte US-Torhüterin Hope Solo – ganz ihrem Naturell entsprechend – die Moralapostel und Sittenwächter vor London 2012 auf und plauderte munter drauf los: „Da läuft viel mit Sex. Ich würde sagen, es sind 70 bis 75 Prozent der Olympioniken.“ Ein Lotterleben also in London? In der englischen Hauptstadt wurden statt der 100.000 Präservative von Vancouver gleich mal 150.000 an die Athleten ausgehändigt. Als hätten die nicht noch andere Höchstleistungen zu erbringen. Passend dazu, erinnerte sich Solo an Olympia vier Jahre zuvor im chinesischen Peking. „Ich sah Athleten, die trieben es einfach im Freien, direkt auf dem Rasen oder zwischen den Gebäuden“, berichtete die Goldmedaillengewinnerin von 2008 freimütig über die Freizügigkeiten beim Ringespektakel – und prophezeit für London: „Es wird ganz schön schmutzig.“

Den Höhepunkt der Lust sollten aber die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro darstellen. Kein Wunder bei Samba, Copacabana und Caipirinha. Dabei hatten die Organisatoren anscheinend aus den London-Spielen („The Independent titelte: „The Sex Games“) ihre Lehren gezogen und in Brasilien stolze 450.000 Kondome verteilt – ein einsamer Olympiarekord bis dato! Doch anscheinend sollte auch diese stolze Anzahl nicht reichen, zumindest wenn man der ARD Glauben schenken mag, denn der öffentlich-rechtliche Sender berichtete sogar, dass sämtliche Kondomautomaten rund um das Athletendorf leergekauft seien. „CBS News“ sprach gar von einem regelrechten Sex-Hype. So viel schien klar, das Sodom und Gomorra der Neuzeit war im Sommer 2016 für zwei Wochen die Millionen-Metropole unterm Zuckerhut.

Eine Rolle für die zahlreichen intimen Zusammenkünfte dürfte im Smartphone-Zeitalter liegen – und mit ihm die Erfindung der Dating-Apps. Denn während der 14 Tage in Rio explodierten die Zugriffszahlen der Tinder-App förmlich. Die Frequenz rund um das olympische Dorf sei geradezu „hochgeschnellt“, sogar um „129 Prozent gestiegen“, verkündete Tinder-Sprecherin Rosette Pambakian stolz. So berichtete der schwedische Judoka Marcus Nyman, er habe gleich am ersten Tag in Rio zehn „Matches“ (Verabredungen) auf Tinder gehabt. „Wir haben Leute aus vielen Nationen getroffen“, sagte der französische Fechter Yemi Apithy zu „CBS News“ und meinte auf die Frage, ob er schon jemanden passendes gefunden habe. „Sicher, ich bin ein hübscher Junge.“

Liebeskiller Corona

Fünf Jahre später, im Sommer 2021, werden sich auch in Tokio wieder viele hübsche Gesichter und wohlgeformte Körper tummeln. Doch die Vorzeichen sind diesmal andere, so mitten in einer Pandemie. Liebeskiller Corona. Schließlich lautet seit eineinhalb Jahren die weltweite Devise „Abstand halten“, was nur schwer mit ausschweifenden Liebeleien in Einklang zu bringen ist. Auch die Organisatoren haben darauf reagiert und die Kondomanzahl drastisch reduziert – auf 160.000 Stück. Diese, so teilte das OK mit, seien „nicht dazu gedacht, im olympischen Dorf benutzt zu werden“. Vielmehr sollen sie „mitgenommen werden und helfen, die Kampagne zur Bewusstseinsbildung über AIDS zu unterstützen“.

Auch machte in den vergangenen Tagen die Mär die Runde, dass die Betten im olympischen Dorf absichtlich aus Pappe seien, um „Intimität unter den Athleten zu vermeiden“, schrieb US-Läufer Paul Chelimo. Diesen Mythos widerlegte der irische Turner Rhys McClenaghan mit einer Kür auf der Hotelmatratze eindrucksvoll. Sechs Sprünge hielt das Pappbett problemlos aus – Stresstest bestanden. Am Bett dürfte das eine oder andere Schäferstündchen also nicht scheitern, dann doch eher am Coronavirus – und dem eigentlichen Grund, warum sich über 10.000 Sportler in Tokio versammelt haben: dem sportlichen Wettstreit.

Sollte es dem einen oder anderen Athleten in den kommenden zwei Wochen aber mal langweilig werden, kann er beim Schlendern durch die Gassen immer noch Lieder der Backstreet Boys trällern.

Plaudert freimütig über das Liebesleben bei Olympia: Hope Solo. Jose Sena Goulao

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Plaudert freimütig über das Liebesleben bei Olympia: Hope Solo. Jose Sena Goulao


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