Liedoratorium zu Bonhoeffer-Texten

Baden-Baden (co) – Ganz im Zeichen von Dietrich Bonhoeffer stand ein Konzert in der evangelischen Stadtkirche Baden-Baden. Zu Gehör kam eine neu konzipierte Fassung eines Liedoratoriums.

Von Gregorianik bis Ballade: Das musikalische Spektrum des Oratoriums ist breit gefächert.  Foto: Conny Hecker-Stock

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Von Gregorianik bis Ballade: Das musikalische Spektrum des Oratoriums ist breit gefächert. Foto: Conny Hecker-Stock

Es war ein Werk, das man gerne in voller Länge gehört hätte. Doch sind musikalische Veranstaltungen aufgrund der Hygieneschutzvorgaben der Landeskirche zeitlich momentan nur eingeschränkt möglich. Deshalb war das Liedoratorium anlässlich des 75. Todestages von Dietrich Bonhoeffer, komponiert von Matthias Nagel und mit Texten von Dieter Stork versehen, durch Bezirkskantor Alain Ebert und die Pfarrerin der evangelischen Stadtkirche, Marlene Bender, eigens umgearbeitet worden.
Die neu konzipierte Fassung für ein Instrumental- und Vokalensemble wurde auf 50 Minuten gekürzt, aber die gingen unter die Haut. In den Texten von Pfarrer Dieter Stork, die sowohl eigene Zeilen als auch zeitgeschichtliche Berichte und Zitate Bonhoeffers wiedergeben, spiegelt sich eine tiefe Bewunderung, die sich auf Musiker Matthias Nagel bei der Vertonung des Oratoriums übertrug. Ihn faszinierten besonders die große Ernsthaftigkeit sowie der intensive Umgang mit zwischenmenschlichen Beziehungen.

Um der Vielfalt des Themas gerecht zu werden, schlug Nagel einen weiten stilistischen Bogen, der die Zuhörer in der Stadtkirche eintauchen ließ in Gregorianik, Choralstrukturen, klassisch-moderne Elemente, Kanons und populäre Balladen. Dadurch wurde die Spannung immer aufrecht erhalten und ganz unterschiedliche Gefühlsebenen vermittelt, die problemlos nachvollzogen werden konnten.

Unmenschliche Isolation

Geboren in Berlin als sechstes von acht Kindern in Bildungsbürgertum und geistiger Elite, entschied sich der hochbegabte Bonhoeffer für ein Theologiestudium. Sein beruflicher Werdegang führte ihn über Barcelona und New York 1931 wieder zurück nach Berlin, Deutschland stand vor einem politischen Umsturz. Mit der Machtergreifung Hitlers ging Bonhoeffer sofort in die kirchliche Opposition. Kurzfristig führte ihn sein Weg nochmals nach London, doch auf Bitten der bekennenden Kirche kehrte er zurück, um ein illegales Predigerseminar zu übernehmen. Er und Hans von Dohnanyi, der Ehemann seiner Schwester Christine, gehörten bald zu den führenden Köpfen einer Oppositionsgruppe, die sich um Hilfe für bedrängte Juden und um die Dokumentation nationalsozialistischer Verbrechen bemühte, später arbeitete man aktiv auf ein Attentat gegen Hitler hin. Letztendlich wurde die konspirative Arbeit Bonhoeffers entdeckt, im April 1943 verhaftete ihn die Gestapo.

Die Zeit im Gefängnis war anfangs wegen seiner Isolation unmenschlich hart und grausam für ihn, doch allmählich konnte er Freunde gewinnen, sogar unter den Wärtern. Ein Trost waren ihm die Briefe an seine Familie und seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Ihnen schrieb er zum Jahreswechsel 1944/45 das unsterbliche „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, denn in seinem Glauben fand er trotz Zeiten des Haderns immer wieder Trost. In der Morgendämmerung des 9. April 1945 wurde Bonhoeffer im Lager Flossenbürg erhängt.

Dem Widerstand widmeten sich eindringliche Lieder des Vokalensembles wie „Tu deinen Mund auf für die Stummen“ oder „Wenn man in einen falschen Zug einsteigt“, dessen Refrain etwas an Klezmermusik erinnerte. Sehr berührend, unter anderem durch den eindringlichen Bass von Michael Oberle, widmeten sich „Ich werde mich finden“ und „In mir ist es finster“ seiner Gefängniskrise. Meditationsmusik zum Choral „Jesu, meine Freude“ unterlegte Pfarrerin Marlene Bender mit einem dazu gesprochenen Text Bonhoeffers. „Von guten Mächten“ schließlich symbolisierte Leben und Tod, denn Dietrich Bonhoeffer soll mit den Worten gegangen sein „Dies ist das Ende, für mich ist es der Anfang“.

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Erstellt:
20. Oktober 2020, 14:00 Uhr
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