Lieferengpässe bei Rohstoffen machen Mittelstand zu schaffen

Baden-Baden (tas) – Nicht nur die Stahlpreise schnellen weltweit in die Höhe. Auch andere Rohstoffe verteuern sich drastisch. Mittelständler in der Region können da nur tatenlos zusehen.

Stahl ist derzeit heiß begehrt – das sorgt für kräftige Preissprünge.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

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Stahl ist derzeit heiß begehrt – das sorgt für kräftige Preissprünge.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Fast zwei Jahre dauert die Corona-Pandemie nun schon an, und sie zieht im globalen Wirtschaftsleben noch immer ihre Spuren. Zwar ist der tiefe Fall der Weltkonjunktur so gut wie überwunden, doch das Virus wirbelt weiterhin die über einen langen Zeitraum aufgebauten arbeitsteiligen Verflechtungen auf dem Globus durcheinander. Die Wirtschaft brummt wieder, die Wachstumsraten in den einzelnen Industrienationen zeigen eine Erholung auf breiter Front. Und doch wirkt die Corona-Krise nach. Denn bis heute sind globale Lieferketten gestört, auf vielen Märkten herrscht eine gewaltige Angebotslücke, die auf breiter Front für steigende Preise sorgt.

Das spüren produzierende Unternehmen derzeit in so gut wie allen Segmenten, wie jüngste Daten des Statistischen Bundesamts verdeutlichen. Die Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte lagen im vergangenen August zwölf Prozent höher als vor einem Jahr. Laut der Behörde war das der stärkste Anstieg gegenüber dem Vorjahresmonat seit Dezember 1974, als die Preise im Zusammenhang mit der ersten Ölkrise deutlich gestiegen waren. Im Juli dieses Jahres hatte der Preisauftrieb noch 10,4 Prozent betragen, im Juni waren es 8,5 Prozent.

Egal ob Dachlatten, Baustahl, Aluprofile, elektrische Kabel, Schläuche oder Verpackungsmaterial. Es gibt nur wenig, was in diesem Jahr im verarbeitenden Gewerbe günstiger im Einkauf geworden ist. Viele Vorprodukte, Halbzeuge oder Zulieferteile legten binnen Jahresfrist sogar zweistellige Preissteigerungsraten hin, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Nadelschnittholz war im August fast 124 Prozent teurer als vor einem Jahr, selbst der Preis für Wellpappe legte um 25 Prozent zu.

Bei Metallen ist die Lage besonders angespannt. „Die Stahlpreise gehen durch die Decke“, sagt Michael Kristeller, Geschäftsführer des Hubrettungsgeräte-Spezialisten Rosenbauer Karlsruhe. Das Unternehmen ist bei der Produktion seiner Drehleitern für Feuerwehrfahrzeuge nicht nur auf jede Menge Metallerzeugnisse angewiesen, sondern auch auf Hydraulikschläuche, die dabei zum Einsatz kommen.

Unter Inkaufnahme von Mehrkosten


Auch das Protektorwerk Florenz Maisch in Gaggenau rechnet an der Materialfront mit weiter steigenden Preisen, „diese werden in abgeflachter Form auf uns zukommen“, sagt Christof Maisch, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Bauprofil-Spezialisten gegenüber dem BT. Die allgemein angespannte Versorgungslage von Rohstoffen werde sich bis ins Jahr 2022 fortsetzen, jedoch konnte das Unternehmen laut Maisch „nahezu alle Engpässe umgehen, teilweise allerdings unter Inkaufnahme von Mehrkosten. Wir spüren in solchen Zeiten immer, dass sich ein fairer Umgang mit Lieferanten auszahlt. Bei Knappheit wird man bevorzugt versorgt“, sagt er. Größere Störungen in den betrieblichen Abläufen in der Produktion und negative Auswirkungen für Kunden seien dadurch vermieden worden.

Doch das klappt nicht immer. „Die Lieferzeiten bei Vorprodukten haben sich zum Teil verdrei- und vervierfacht“, berichtet Kristeller, der auch Vorsitzender der Bezirksgruppe Mittlerer Oberrhein-Enz des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall ist, für die gesamte Branche. Und das Problem könnte sich in den kommenden Monaten noch verschärfen. „Viele Unternehmen hatten größere Lagerbestände, auf die sie bisher zugreifen konnten, aber jetzt zur Neige gehen.“ Deshalb rechnet Kristeller für das erste Quartal kommenden Jahres mit einer noch größeren Versorgungslücke.

Wenn die Produktion aufgrund fehlender Komponenten ins Stocken gerät, bleibt den Firmen am Ende nur eine Wahl: Kurzarbeit. Rosenbauer Karlsruhe wird sie in diesem Jahr wohl zum dritten Mal einführen müssen, anderen Unternehmen geht es ähnlich. Bekannt sind die Lieferschwierigkeiten vor allem in der Automobilindustrie, hier fehlen elektronische Bauteile, sprich Computerchips. Immer wieder mussten die Konzerne deshalb in diesem Jahr Kurzarbeit anmelden und dabei die Bänder wochenweise komplett stillstehen.

Bei Daimler war das Mercedes-Werk in Rastatt bereits mehrfach betroffen, zuletzt ruhte die Produktion dort in der ersten Septemberwoche. „Die Situation ist weiterhin volatil. Wir fahren auf Sicht“, äußerte sich Daimler-Sprecher Tobias Brandstetter damals gegenüber dem BT. Das bedeutet wohl auch: Wahrscheinlich wird der Autobauer in den kommenden Monaten in der Fertigung immer mal wieder den Fuß vom Gaspedal nehmen müssen. Opel reagierte vor Kurzem noch drastischer. Das Werk in Eisenach wird bis Ende des Jahres überhaupt nicht mehr produzieren.

Das Problem: Selbst stark steigende Preise können den Angebotsmangel bei Halbleitern nicht schnell beseitigen. Denn der Bau einer neuen Chipfabrik ist nicht nur eine langwierige Angelegenheit, sondern auch sehr kapitalintensiv. So hatte sich der bayerische Halbleiterhersteller Infineon sein jüngst eröffnetes Werk in Österreich 1,6 Milliarden Euro kosten lassen und für die Realisierung des Projekts dreieinhalb Jahre benötigt.

Dass die Materialengpässe allumfassend sind und die Exportnation Deutschland deutlich ausbremsen, hatten zuletzt auch die Wirtschaftsforscher des Münchner Ifo-Instituts dokumentiert. Obwohl die Auftragsbücher voll seien, „schrumpft die Produktion der Industrie als Folge von Lieferengpässen bei wichtigen Vorprodukten“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Der Rückgang der Industrieproduktion in diesem Jahr dürfte sich bis Jahresende fortsetzen. Deswegen kassierten die Wirtschaftsforscher im September auch ihre Prognose für das laufende Jahr. Die Wirtschaftsleistung wird hierzulande „nur“ um 2,5 Prozent zulegen – 0,8 Prozentpunkte weniger als noch im Juni vorhergesagt.

Auch der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) Baden-Württemberg warnt vor der Materialknappheit. „Es wird Einfluss auf den Aufschwung haben“, sagt Verbandschef Mathias Kammüller, der in seiner Hauptfunktion einer der Geschäftsführer des Ditzinger Maschinenbauunternehmens Trumpf ist. Laut einer Umfrage des Verbands sind mehr als 87 Prozent der Industrieunternehmen wegen der Materialknappheit in ihrer Lieferfähigkeit eingeschränkt.

Dampfgarer kommt in sechs Monaten


Und am Ende kommt die Materialknappheit beim Verbraucher an. Dass die Lieferzeiten für neue Autos sich deutlich verlängert haben, ist in den Köpfen der meisten Endkunden zwar schon angekommen. Bei Möbeln oder Einbaugeräten seien sie aber doch über die teilweise sehr langen Lieferzeiten überrascht. „Wir stoßen oftmals auf Unverständnis und Verwunderung. Und dass Corona auch hier die Erklärung ist, stößt den Leuten richtig auf“, sagt Emanuel Seifert, Geschäftsführer von Möbel Seifert in Achern dem BT.

Wer sich derzeit eine neue Küche zulegen will, braucht einen langen Atem – zumindest wenn es um die Elektrogeräte geht, die in den Küchenmöbeln sitzen. Seifert berichtet von sechs Monaten Lieferzeit für einen Dampfgarer – eigentlich ein Standardprodukt, das in normalen Zeiten innerhalb einer Woche verfügbar ist. „Vor allem bei Neuheiten sind die Lieferschwierigkeiten groß.“ Dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird, sieht Seifert nicht. Ein Haushaltsgerätehersteller habe ihn darüber informiert, dass die Situation bis mindestens Mitte kommenden Jahres anhalten wird. „Uns sind die Hände gebunden. Wir hoffen einfach nur, dass die Kunden dafür Verständnis aufbringen.“


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