Baden-Badener Firma produziert „Lissabon-Krimis“

Baden-Baden (cl) – Portugal als Filmland hat die Baden-Badener Produzentin Sabine Tettenborn gereizt. Jürgen Tarrach passe auch ideal zur Fado-Kultur. Nun laufen neue „Lissabon-Krimis“ in der ARD.

Sabine Tettenborn ist seit 2015 Geschäftsführerin der Filmgesellschaft Polyphon Pictures in Baden-Baden.  Foto: Polyphon

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Sabine Tettenborn ist seit 2015 Geschäftsführerin der Filmgesellschaft Polyphon Pictures in Baden-Baden. Foto: Polyphon

Die „Lissabon-Krimis“ mit Jürgen Tarrach als brillanten, etwas schwermütigen Strafverteidiger und seiner einfallsreichen Referendarin gehen weiter. Zwei neue Folgen der Koproduktion von Polyphon Pictures und ARD, gedreht in der Metropole des Fados an der Südwestspitze Europas, laufen am 19. und 26. November im Ersten. Die Krimi-Reihe gehört zu den wichtigsten Produktionen der jungen Baden-Badener Filmgesellschaft, die auch Themen aus dem Südwesten, wie in dem Zweiteiler „Aenne Burda“, aufgreift. Im Interview mit BT-Redakteurin Christiane Lenhardt spricht Geschäftsführerin Sabine Tettenborn über die Entwicklung bei Polyphon Pictures – und bei den Fällen des unkonventionellen Advokaten aus Portugal.

BT: Frau Tettenborn, ab der nächsten Woche laufen zwei neue Fälle der „Lissabon-Krimis“ im Ersten. Waren sie in diesem Jahr coronagefährdet?
Sabine Tettenborn: Die Filme sind im Herbst letzten Jahres gedreht worden. Der Lockdown hat uns bei der Mischungsabnahme getroffen, die wir alle gemeinsam mit der Redaktion in München vornehmen wollten. Da haben wir uns entschlossen, dass wir die Abnahme gemeinsam vor unseren jeweiligen Computern vornehmen. Wir haben im letzten Jahr sehr viel gedreht, sodass in diesem Jahr viele Filmen in Postproduktion waren.


BT: Warum haben Sie für die Krimi-Reihe Lissabon als Location gewählt?
Tettenborn: Die Portugiesen finde ich, sind Menschen mit einer sehr großen Seele, sie sind stolz, aber nicht so stolz wie die Spanier, sind emotional, aber nicht ganz so emotional wie die Italiener. Sie passen sehr gut zu uns Deutschen, finde ich. Das funktioniert wunderbar bei der Zusammenarbeit. Schon im Vorfeld der Dreharbeiten, als uns ein portugiesisches Team zur Location-Suche im Hotel abholte, stellten wir fest, dass die Portugiesen fast noch pünktlicher sind als wir. Aber die Stadt hat natürlich einen ganz tollen Charme. Ihre Schönheit, aber auch alles Verfallene und das fantastische Licht haben uns begeistert. Portugal ist filmisch in Deutschland überhaupt noch nicht so stark präsent wie Italien oder Spanien. Und ich finde, dass Jürgen Tarrach mit seiner Suade, der gewissen Traurigkeit, zum Fado von Portugal passt.


BT: Wie setzt sich das Team zusammen?
Tettenborn: Das Team ist halb portugiesisch, halb deutsch. Ich lege ganz großen Wert darauf, dass man auch in dem Land, in dem man dreht, so viel Personal und Beschäftigung ermöglicht, wie es gut für das Projekt ist. Zum Beispiel der Ausstatter und die Kostümbildnerin des Films, zwei wirkliche Key-Positions, sind aus Portugal. Kamera, Regie, Regie-Assistenz sind jedoch aus Deutschland.

Interview


BT: Normalerweise wird bei deutschen Produktionen im Ausland eine Schauspiel-Crew aus Deutschland in die jeweilige Location gesetzt. Warum setzen Sie hier verstärkt portugiesische Schauspieler ein?
Tettenborn: Wenn ein deutscher Regisseur in Portugal dreht, will er oft ganz viele Schauspieler mit nach Portugal nehmen. So war es auch bei unseren ersten Filmen. Dann lernen sie die portugiesischen Schauspieler kennen, die eine unglaubliche energetische Kraft haben, sehr stark auch aus dem Bauch heraus spielen. So entscheidet man sich immer häufiger für die Besetzung mit portugiesischen Schauspielern.


BT: In welcher Sprache wird gedreht?
Tettenborn: Ich habe bereits bei meiner vorigen Tätigkeit bei Leo Kirch, wo ich internationale Koproduktionen geleitet habe, einfach gemerkt, wie viel besser Schauspieler in ihrer eigenen Sprache sind. Am Anfang war die Überlegung, dass die Portugiesen englisch sprechen und die Deutschen deutsch. Das fand ich aber sehr unfair, den portugiesischen Kollegen gegenüber. Auch wenn sie alle hervorragend englisch sprechen, haben wir uns für die babylonische Version entschieden. Im Drehbuch sind die Dialoge zweisprachig, das heißt der Portugiese kennt, das letzte Wort des Deutschen und weiß dann, wo er ansetzen muss – und der Deutsche umgekehrt genauso. Das hat sich als sehr gut herausgestellt.


BT: Die Hauptfigur Eduardo ist ein Anwalt, der von seiner Assistentin unterstützt wird. Warum haben sie sich gegen ein polizeiliches Ermittlerteam entschieden?
Tettenborn: Man kann über einen Anwalt auch sehr spannende Geschichten erzählen, anders als man es üblicherweise mit Kommissaren erzählt. Zu Jürgen Tarrach, dem Schauspieler unserer Hauptfigur Eduardo passt es sehr gut, dass er Anwalt ist und kein klassischer Kommissar. Tarrachs Eduardo begeht auch Grenzüberschreitungen, wenn es um das Wohl seiner Klienten geht. Das ist ein Teil seiner Persönlichkeit.

Kümmern sich intensiv um ihre in Not geratenen Klienten in der Metropole Lissabon: Jürgen Tarrach (Anwalt Eduardo) und Vidina Popov als Assistentin Marcia.  Foto: ARD

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Kümmern sich intensiv um ihre in Not geratenen Klienten in der Metropole Lissabon: Jürgen Tarrach (Anwalt Eduardo) und Vidina Popov als Assistentin Marcia. Foto: ARD


BT: Im fünften Teil geht es um Straßenkinder. Stecken dahinter authentische Geschichten?
Tettenborn: Wie in vielen anderen Ländern leben, auch in Portugal viele Kinder auf der Straße. Auch häusliche Gewalt ist ein großes Thema in Portugal. Wir versuchen immer, Geschichten zu erzählen, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Wir lassen uns inspirieren von Fällen, die vor Ort vorkommen.


BT: In der Folge „Die verlorene Tochter“ steht Eduardos Tochter Ines im Mittelpunkt, die einer radikalen Umweltaktivistenszene angehört. Welches Verhältnis hat er zu ihr?
Tettenborn: In diesem Teil geht es um die Vergangenheit von Eduardo. Er war ein sehr angesehener Staatsanwalt, hatte einen schweren Autounfall, bei der seine Frau gestorben ist. Zu seiner Tochter hat er ein schwieriges Verhältnis. Sie gibt ihm die Schuld am Tod der Mutter, weil er ihrer Meinung nach zu viel getrunken und zu viel gearbeitet hat. Es stellte sich aber heraus, dass der Unfall ein Mordanschlag war. In Folge sechs begegnen sich Vater und Tochter wieder, versuchen sich anzunähern. Das finde ich sehr schön um diese Aktivistenszene herum erzählt, Da sind Menschen, die für die Umwelt kämpfen. Der Tochter ist das sehr wichtig. Es geht aber auch um die Frage, wie weit gehe ich für die gute Sache?


BT: Jürgen Tarrach hat sogar einige selbst geschriebene deutsche Fado-Lieder beigesteuert.
Tettenborn: Ja, er hat eine CD mit deutschen Fado-Liedern herausgebracht. Das hat uns auf die Idee gebracht, unseren Eduardo einen Fado gemeinsam mit einem tollen Fado-Sänger aus Portugal in einer Fado-Kneipe singen zu lassen. Wir haben dazu zwei Songs aus der CD ausgesucht und sie ins Portugiesische übersetzt.


BT: Sind Fortsetzungen der Krimi-Reihe geplant?
Tettenborn: Wir hoffen, dass wir noch lange erzählen können, weil es noch ganz viele Klienten gibt, um die sich unser Eduardo und seine Assistentin kümmern können. Das ist das Schöne bei einer Reihe, die kann sich weiterentwickeln. Die Assistentin Marcia könnte sicherlich eines Tages zu seiner Anwaltspartnerin werden.

Ab März wird in Lissabon weitergedreht mit einem Corona-Beauftragten


BT: Wird schon bald in Lissabon weitergedreht?
Tettenborn: Ja. In Corona-Zeiten sind Hauptstädte die Hotspots. Da müssen wir schauen, wenn wir jetzt im März 2021 die nächsten beiden Folgen drehen, wie wir damit umgehen. Wir haben einen Corona-Beauftragten, der dafür sorgt, dass die Hygieneregeln eingehalten werden, dann wird alle drei Tage der Inner Circle am Drehort getestet, das sind alle, die bei der Produktion ganz eng beisammen sind: Kamera, Regie, Oberbeleuchter, Schauspieler etc.


BT: Wie finanzieren sich die Lissabon-Krimis?
Tettenborn: Wie in Deutschland üblich, entwickelt man ein Drehbuch, dann wird mit dem Buch kalkuliert. Den finanziellen Rahmen, gibt der Sender vor, in diesem Fall stellt die ARD/Degeto das Budget zur Verfügung. Da es Reiseproduktionen sind, also im Ausland gedreht wird, werden die Reisekosten mitangerechnet.


BT: Der „Tatort“ im Vergleich dazu ist eine Millionenproduktion, rechnen Sie beim „Lissabon-Krimi“ mit einem Budget in ähnlicher Größenordnung?
Tettenborn: Ein „Tatort“ wird jetzt bei 1,5 Millionen Euro liegen. Wir haben ein bisschen mehr, weil wir eine Auslandsproduktion haben. Aber wenn wir zwei Folgen hintereinander drehen, was wir letztes Jahr gemacht haben und auch nächstes Jahr machen werden, hat man natürlich gewisse Synergieeffekte, wie die Anreise. Wir werden auch von der Portugiesischen Filmförderung gefördert. In Lissabon zu drehen, ist sehr aufwendig, und Portugal ist auch teurer geworden.

Als die Offenburgerinnen in der Nachkriegszeit neu vermessen wurden: Der Zweiteiler über die Verlegerin „Aenne Burda“ gehört zu den Vorzeigeproduktionen von Polyphon Pictures in Baden-Baden.  Foto: SWR/Hardy Brackmann

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Als die Offenburgerinnen in der Nachkriegszeit neu vermessen wurden: Der Zweiteiler über die Verlegerin „Aenne Burda“ gehört zu den Vorzeigeproduktionen von Polyphon Pictures in Baden-Baden. Foto: SWR/Hardy Brackmann


BT: Wie hat sich Ihre Zusammenarbeit mit der Polyphon-Filmgesellschaft entwickelt?
Tettenborn: Die Gruppe hatte noch gar kein Standbein hier im Südwesten. Seit fünf Jahren leite ich Polyphon Pictures. Wir haben mit dem Zweiteiler „Aenne Burda“ und mit „Big Manni“ Themen entwickelt, die von Südwesten ausgehen. Ich versuche auf der einen Seite, diese schönen Auslands- und Koproduktionen zu machen, aber natürlich auch den Standort hier zu bespielen. Wir haben eine Miniserie im Raum Balingen gedreht – „How to make Swabia great again oder Spätzle arrabbiata“ –, die wird im Frühjahr im SWR ausgestrahlt.


BT: Baden-Baden hat sich als Senderstandort auch zu einem Filmstandort entwickelt. Was ist Ihnen hier wichtig?
Tettenborn: Natürlich sitzen in Berlin mehr Kreative, Köln, Hamburg oder München sind auch wichtige Filmstandorte. Die MFG wirbt auch sehr für die Region. Von hier aus kann man sehr schnell nach Frankfurt kommen, dem Sitz der Degeto, oder nach Mainz zum ZDF. Man ist nicht weit weg von München. Ich fühle mich hier sehr wohl und lebe gerne in Baden-Baden. Auch der SWR ist ein wichtiger Partner, bei dem ich die Kompetenzen und Zuverlässigkeit schätze. Aber ich arbeite natürlich auch gerne mit anderen Sendern zusammen.


BT: Wie sieht ihre Bilanz nach fünf Jahren in der Leitung von Polyphon Pictures aus?
Tettenborn: Jeder Anfang ist spannend, aber natürlich auch eine Herausforderung. Es entwickelt sich sehr gut, ich bin sehr zufrieden. Corona hat natürlich uns alle getroffen, die Bewegungsfreiheit und die Kommunikationsmöglichkeiten, Veranstaltungen, wo man Leute kennenlernt, unkompliziert ins Gespräch kommt, das fällt alles weg. Schade. Aber ich denke, dass es nächstes Jahr wieder besser wird. Es sind sehr vielversprechende Projekte in Vorbereitung. Ich bin da guten Mutes.


BT: Sind Sie zufrieden mit den Ausstrahlungszahlen bei den „Lissabon-Krimis“?
Tettenborn: Das ist auch immer eine Frage des Gegenprogramms. Wir haben eine stabile Quote, eine gute Akzeptanz bei den Zuschauern und sind damit sehr zufrieden. Jetzt hoffen wir, dass sich viele Zuschauer die neuen Filme anschauen werden.

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Erstellt:
13. November 2020, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 54sec

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