Lkw-Fahrer sind auch im Südwesten Mangelware

Rheinmünster (for) – Großbritannien macht der Mangel an Lkw-Fahrern seit einigen Monaten zu schaffen. Ein Experte aus Baden-Württemberg sieht die Situation auf der Insel als Weckruf für Deutschland.

Das Logistikunternehmen Karl Dischinger ist unter anderem am Baden Airpark ansässig. Foto: Janina Fortenbacher

Das Logistikunternehmen Karl Dischinger ist unter anderem am Baden Airpark ansässig. Foto: Janina Fortenbacher

Lange Warteschlangen vor den Zapfsäulen, Rohstoffknappheit und leere Supermarktregale: Der Mangel an Lastwagenfahrern trifft die britische Wirtschaft derzeit besonders hart. Karlhubert Dischinger, Präsident des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL), sieht die Situation auf der Insel auch als Warnung an Deutschland, wie er im Interview mit BT-Redakteurin Janina Fortenbacher deutlich macht.

BT: Herr Dischinger, in Großbritannien brechen gerade sämtliche Lieferketten zusammen. Es wird händeringend nach Lkw-Fahrern gesucht. Wie sieht es hierzulande mit Fachkräften aus? Droht uns bald eine ähnliche Situation wie in Großbritannien?
Karlhubert Dischinger: Glücklicherweise bleiben wir von den Verhältnissen, wie sie gerade in Großbritannien herrschen, bisher noch verschont. Letztlich sind die Briten aufgrund des Brexits ja auch nicht ganz unschuldig an der ganzen Problematik. Man muss aber trotzdem sagen, dass wir auch in Deutschland mit ganz großen Herausforderungen im Fahrerbereich zu kämpfen haben, die sich künftig durchaus noch vergrößern könnten.

BT: Wie meinen Sie das?
Dischinger: Nach Angaben des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung fehlen momentan bundesweit zwischen 60.000 und 80.000 Lkw-Fahrer – Tendenz steigend. Außerdem gehen jährlich rund 30.000 Fahrer in Rente, während nur 15.000 bis 20.000 Berufseinsteiger nachkommen. Leider ist es aufgrund des schlechten Images, mit dem der Beruf des Lkw-Fahrers verbunden ist, schwierig, junge Leute zu einer Lehre zu animieren. Zumal die Ausbildung zum Lkw-Fahrer zwischen 10.000 und 15.000 Euro kostet und damit eine der teuersten Ausbildungsgänge überhaupt ist.

BT: Sie haben gerade von einem „schlechten Image“ gesprochen. Wollen Sie damit sagen, dass der Job in der Gesellschaft nicht als besonders attraktiv gilt?
Dischinger: Ja, leider ist das so. Und ein bisschen kann ich das sogar verstehen, etwa wenn ich einen Blick auf die deutschen Rastplätze werfe. Da herrschen teilweise katastrophale Bedingungen, das muss man leider so sagen. Die sanitären Anlagen, auf die die Lkw-Fahrer ja zwangsläufig angewiesen sind, sind oft in einem schlechten Zustand. Hinzu kommt die Parkplatzsituation, teilweise müssen die Fahrer ihre Fahrzeuge an der Autobahneinfahrt parken, weil alle anderen Plätze schon belegt sind, das ist gefährlich.

Schichtdienst und Assistenzsysteme

BT: Also gibt es schlicht zu wenig Parkplätze in Deutschland?
Dischinger: Das kann man so nicht sagen. Im Schnitt gibt es in Deutschland eigentlich genügend Parkplätze, aber hier an der Transitstrecke sind die natürlich immer überfüllt, was auch damit zusammenhängt, dass die Fahrer ihre Schichtzeiten einhalten müssen. In diesem Fall nützt es dann natürlich nichts, wenn beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern ein riesiger Parkplatz leer ist.

BT: Stichwort Schichtzeiten. Wie sieht es allgemein mit den Arbeitszeiten in der Branche aus, schreckt das viele ab?
Dischinger: Familienfreundliche Arbeitszeiten sehen für viele wahrscheinlich anders aus, insbesondere im Fernverkehr. Aber es hat sich wirklich viel getan, um die Arbeitsbedingungen für Kraftfahrer allgemein zu verbessern. Die Fahr- und Schichtzeiten sind bei den meisten so angenehm wie möglich getaktet. Wir versuchen immer, unsere Fahrzeuge mit zwei Personen in zwei Schichten zu besetzen – Nacht- und Tagdienst. Der Vorteil davon ist, dass die Fahrer immer im Wechsel zu Hause sein können. Und auch sonst ist in den vergangenen zehn Jahren wirklich sehr viel passiert, um das Image aufzupolieren. Die Fahrzeuge sind inzwischen top ausgerüstet, etwa mit Standklima und -heizung und natürlich mit allen möglichen Assistenzsystemen. Da gibt es beispielsweise Abstandsregeltempomaten, die das Auffahren auf langsamere Fahrzeuge verhindern, viele dieser Systeme unterstützen auch beim Abbremsen bis zum Stillstand oder beim Stop-and-go im Stau. Dadurch werden die Fahrer bei langen, anstrengenden Staus entlastet.

BT: Wie sieht es mit der Wertschätzung innerhalb der Gesellschaft aus?
Dischinger: Leider wurde die Logistikbranche in der Vergangenheit immer ein wenig stiefmütterlich behandelt. Für viele Verbraucher gelten Lkw als störende Krachmacher, die die Straßen verstopfen. Dabei vergessen die Leute, dass sie daran nicht ganz unschuldig sind. Der Onlinehandel boomt. Heute bestellt, morgen geliefert – so will es der Verbraucher, und so bekommt er es. Die Folgen sind dann eben mehr Krach und mehr Lkw auf den Autobahnen, dafür dürfen dann aber die Logistik und unsere Fahrer nicht verurteilt werden.

Drittstärkste Wirtschaftskraft im Südwesten

BT: Hat die Corona-Pandemie oder vielleicht auch die derzeitige Situation in Großbritannien etwas an dieser Sichtweise geändert?
Dischinger: Ich glaube schon, dass einigen jetzt verstärkt bewusst wird, was für ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft wir sind. In Baden-Württemberg und auch in anderen Bundesländern ist die Logistik inzwischen die drittstärkste Wirtschaftskraft, jeder zehnte Arbeitsplatz im Südwesten ist mit der Logistik verbunden.

BT: Da zählen jetzt aber nicht nur Lkw-Fahrer dazu?
Dischinger: Nein, oftmals wird die Logistik auf den Lkw-Transport reduziert, was natürlich falsch ist. Es gibt kaum einen Bereich, in der die Logistik nicht irgendwo miteingebunden ist. Das geht schon los bei der Planung und Beschaffung. Wir haben fast überall unsere Hände im Spiel, von der Entwicklung eines Produkts über den Vertrieb, das Lager bis hin zum Endverbraucher.

BT: Über den Fachkräftemangel im Fahrerbereich haben wir bereits gesprochen, wie sieht es in den anderen Bereichen aus?
Dischinger: Tatsächlich fehlen auch im Lagerbereich Leute. Hinzu kommen Probleme in der Beschaffung, Hunderte von Schiffen warten vor den Häfen in Rotterdam und in Hamburg auf die Einfahrt. Das liegt daran, dass der zweitgrößte Hafen der Welt in China aufgrund von Corona rund sechs Wochen geschlossen war. Jetzt wird alles auf einmal geliefert, die Binnenschiffe können nicht so schnell beladen werden, weil zu viel auf einmal kommt.

Steigende Containerpreise

BT: Könnte das Auswirkungen auf den Endverbraucher haben?
Dischinger: Ich kann nur allen Leuten dazu raten, die Weihnachtsgeschenke in diesem Jahr frühzeitig zu besorgen, möglichst jetzt schon. Es ist durchaus möglich, dass beliebte Dinge wie Handys, Laptops oder bestimmte Spielzeuge kurz vor Weihnachten nicht mehr verfügbar sind. Aber keine Sorge, ich denke nicht, dass es zu einem Versorgungsengpass kommen wird. Gerade bei Lebensmitteln sind wir ja auch stark in Europa tätig. Dann kommt an Heiligabend eben mal der Wein aus der Region auf den Tisch und nicht der aus Australien – auch wenn der durchaus auch gut schmecken kann (schmunzelt).

BT: Verdursten oder verhungern muss also keiner?
Dischinger: Nein, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass Bananen oder Orangen, eben Lebensmittel, die aus der Ferne importiert werden, teurer werden könnten. Schauen wir beispielsweise mal auf China, da hat ein Container früher mal rund 1.500 Euro gekostet, im Moment bewegen sich die Containerpreise zwischen 10.000 und 20.000 Euro.

BT: Und dann sind da ja auch noch die steigenden Energiepreise ...
Dischinger: In der Tat, die spüren wir im Lagerbereich und natürlich beim Diesel für die Lkw. Ich bin kein Anwalt der Mineralölkonzerne, aber man muss schon sagen, dass ein Großteil der Zusatzkosten hausgemacht ist. Wir in Deutschland wollen Ökoweltmeister Nummer eins werden, was ja auch ein tolles Ziel ist. Aber natürlich bewirkt die zusätzliche Ökosteuer auch mehr Kosten. Der Kunde bekommt das zu spüren, anders geht es nicht. Wenn wir die Preiserhöhungen nicht weitergeben, gehen wir früher oder später in die Insolvenz. Aber da ist weder die Logistik, noch der Produzent dran schuld – und auch nicht die Mineralölgesellschaft. Hier müsste die Politik ehrlicher sein und den Wählern, sprich den Verbrauchern, klar und deutlich kommunizieren, was sich hinter der Inflation versteckt.

Nicht nur systemrelevant, sondern versorgungsrelevant

BT: Auf den Autobahnen sieht man mittlerweile auch immer mehr ausländische Lkw. Vielleicht sogar mehr als deutsche. Ist das so oder täuscht dieser Eindruck?
Dischinger: Das kann schon sein, was natürlich auch daran liegt, dass wir mit den Konditionen international nicht klarkommen. In einigen Ländern gibt es momentan noch günstigere Bedingungen als hierzulande. Aber so ist das nun mal in einem vereinigten Europa und das ist auch gut so, ohne die ausländischen Fahrer wäre die deutsche Wirtschaft platt. Wir brauchen diese Leute.

BT: Wahrscheinlich nicht nur in den ausländischen Lkw, sondern auch für unsere eigenen?
Dischinger: Ja, auf jeden Fall. Wir akquirieren Leute von überall her, aber man merkt inzwischen schon, dass die Bezahlung in Polen mittlerweile ähnlich wie in Deutschland ist. Viele Fahrer aus Weißrussland fahren deshalb für polnische Speditionen. Wir sind um jeden Quereinsteiger froh, nur leider ist die Sprachbarriere oft eine große Herausforderung. Hier appelliere ich an alle Verbraucher: Bitte habt Verständnis, wenn die Person, die euch euer Päckchen bringt, vielleicht nur gebrochen Deutsch spricht. Behandelt diese Menschen mit Respekt, denn wenn sie nicht da sind, seid ihr nicht versorgt. Unsere Branche ist nicht nur systemrelevant, sie ist versorgungsrelevant.

BT: Wo wir wieder bei der Wertschätzung wären ...
Dischinger: Richtig, eine entsprechende Wertschätzung trägt auch wesentlich zum Image für Berufe in der Logistikbranche bei. Wir brauchen Leute, sonst sieht es irgendwann ähnlich aus wie derzeit in Großbritannien. Wir sollten das jetzt als Weckruf sehen.

Zur Person

Karlhubert Dischinger ist Präsident des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL) in Stuttgart und Präsidiumsmitglied der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW). Zuvor war er außerdem zehn Jahre lang Präsident der IHK südlicher Oberrhein. Die Sorgen und Nöte der Logistiker im Südwesten kennt Dischinger auch aus eigenen Erfahrungen gut. Mit 24 Jahren hat er in der vierten Generation das auf Lkw-Ladungen spezialisierte Unternehmen seines Vaters übernommen und es sukzessive zu einem Dienstleistungsunternehmen ausgebaut. Die Fachspedition Karl Dischinger GmbH wurde schließlich im Jahr 1975 gegründet und ist mittlerweile mit den beiden Standorten Ehrenkirchen bei Freiburg und Rheinmünster am Baden-Airpark fester Bestandteil der kd-Gruppe. Auch nach dem Generationswechsel und der Übergabe des Unternehmens an seinen Sohn Karlkristian steht Karlhubert Dischinger weiterhin beratend zur Seite.

Karlhubert Dischinger ist Präsident des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg. Foto: Janina Fortenbacher

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Karlhubert Dischinger ist Präsident des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg. Foto: Janina Fortenbacher


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