Lockdown: Musikvereine in großer Ungewissheit

Rastattt (sawe) –Der vorerst bis zum Monatsende verhängte Lockdown stellt Musikvereine vor Herausforderungen. Probenarbeit ist untersagt. Und: „Keiner kann sagen, was im Dezember ist“.

Musik machen: Das ist derzeit in den Vereinen der Region zumindest im Orchester nicht möglich. Foto: Kirsten Neumann/dpa

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Musik machen: Das ist derzeit in den Vereinen der Region zumindest im Orchester nicht möglich. Foto: Kirsten Neumann/dpa

Als nach dem ersten Lockdown die musiktreibenden Vereine ihre Probenarbeit im Sommer wieder aufnehmen und auch vereinzelt kleinere Konzerte meist im Freien geben konnten, da war die Freude spürbar groß. Der bis Ende November befristete Teil-Lockdown bringt das aufkeimende gesellschaftliche und kulturelle Leben wieder zum Erliegen. Auch entsprechende Konzertproben sind in dieser Zeit nicht zulässig, selbst dann, wenn diese für eine Veranstaltung nach Ende November vorbereiten. Das könnte zur Folge haben, dass kaum oder gar keine (Advents-)Konzerte stattfinden. „Keiner kann derzeit sagen, was im Dezember ist“, betont der Muggensturmer Bürgermeister und Ehrenpräsident des Blasmusikverbands Mittelbaden, Dietmar Späth.

Weihnachtsspiel noch ungewiss

Ungewiss ist derzeit auch, ob die Stadtkapelle Rastatt auf dem Stadtfriedhof an Heiligabend wie alle Jahre wieder auf das Weihnachtsfest einstimmen darf. „Wir würden das gerne beibehalten. Das ist sehr wichtig“, blickt Peter Welz, Vorsitzender der Stadtkapelle, auf die Traditionsveranstaltung, die stets großen Zuspruch findet. Man sei mit der Stadt als Hausherrin derzeit in Verhandlung. Und natürlich hänge dies von den dann geltenden Bestimmungen in der Corona-Verordnung und der Umsetzung des erforderlichen Hygienekonzepts ab. Die gleichen Gedanken beschäftigen den Musikverein Elchesheim-Illingen, der seit mehr als 50 Jahren an Heiligabend auf dem Friedhof spielt und dies auch unbedingt wieder will, wie der Vorsitzende Claus Fink erläutert. Allerdings gebe es viele Unwägbarkeiten.

In zwei Wochen hätte die Stadtkapelle Rastatt ihr Jahreskonzert gegeben, wofür sie bereits ab Ende Juni/Anfang Juli unter freiem Himmel im Hof und ab Mitte September im Haus der Vereine unter Berücksichtigung eines strengen Hygiene- und Abstandskonzepts geprobt habe. Das Konzert sei aber nicht abgesagt, sondern nur verschoben, stellt Welz heraus: „Man muss immer Ziele haben und darf den Kopf nicht in den Sand stecken“, auch wenn es für den Verein eine schwierige Zeit sei. Finanziell, weil alle Veranstaltungen im Corona-Jahr ausgefallen sind. Aber auch mental, denn es gehe in einem Musikverein nicht nur um die Probenarbeit, sondern auch um das Zusammensitzen hinterher, die Gemeinschaft, das Soziale. Gerade viele ältere Mitglieder vermissten die Kommunikation, fühlten sich isoliert. Gemeinschaftsfördernde Aktivitäten wie Grillen oder Fahrradtouren seien Corona zum Opfer gefallen, man könne einen Verein nicht im Standby-Betrieb halten, zeigt Welz die weitere Problematik auf „Wir stehen in den Startlöchern“, gibt er die Durchhalteparole aus. Offenbar mit Erfolg: Bisher seien lediglich vier Mitglieder aus dem Verein ausgetreten.

Eine finanzielle und musikalische Herausforderung bedeutet das Corona-Jahr auch für den Harmonika-Spielring Kuppenheim.

„Müssen nach vorne denken“

Der Vorsitzende Hans-Joachim Hörig hofft, dass im März wieder der große Kinderkleiderflohmarkt durchgeführt werden kann, der 2020 die einzige Veranstaltung des Vereins war. „Für uns sind Großveranstaltungen weggebrochen“, konstatiert Hörig: „Wenn wir im nächsten Jahr keine adäquaten Veranstaltungen durchführen dürfen, dann wird die Luft ganz schön eng“. Der Verein könne auch nicht auf besonders große Rücklagen zurückgreifen. Die dürfe er gar nicht bilden, sonst verliere er die Gemeinnützigkeit. Daher habe er immer in Instrumente investiert und in das Festzelt, das der Harmonikaspielring zusammen mit dem Handballverein viele Jahre betrieben hatte. Seit Anfang Juli werde mit dem neuen Dirigenten geprobt. Damit wurden „neue Dinge“ angefangen und wieder unterbrochen, weil derzeit keine Orchesterprobe gestattet ist, lediglich Musikunterricht im Rahmen der Corona-Verordnung für Musikschulen. „Wir hätten gerne weiter geprobt“, bekennt Hörig, hat aber auch Verständnis für die Einschränkungen zur Reduzierung der Pandemie. So konzentrieren sich die Aktivitäten derzeit allein auf den Einzelunterricht, der im Proberaum im Bauhofgebäude erteilt wird. „Es ist eine schwere Zeit, da müssen wir durch. Und wir müssen nach vorne denken“, so Hörig. Auch beim Musikverein Elchesheim-Illingen ruht die Probenarbeit zwangsläufig bis auf den Einzelunterricht in der Alten Schule in Elchesheim. Der Verein konnte zwar Anfang des Jahres noch erste Veranstaltungen durchführen, lebt aber derzeit von Rücklagen und der Corona-Soforthilfe des Landes, die es für Musik- und Gesangvereine gab und die der Vorsitzende Fink dankbar als „symbolische Kraft-Geste“, bezeichnet.

Unmut in Muggensturm

Der Musikverein Muggensturm würde gerne den Instrumentalunterricht im November weiterführen, darf aber nicht, da die Gemeinde die Nutzung aller öffentlichen gemeindeeigenen Einrichtungen für kulturelle und sportliche Zwecke untersagt hat. „Ich habe eine Krawatte, dass es kracht“, macht der Vereinsvorsitzende Dominik Müller seinem Unmut im BT-Gespräch Luft. Muggensturm sei kein Hotspot, außerdem erlaubten die aktuellen Regeln den Einzelunterricht. Sauer aufgestoßen ist ihm zudem der Hinweis der Gemeinde, dass der Verein ja privat Instrumentalunterricht geben könne. „In meinen Augen ist es eine Farce, dass wir nun in den Räumlichkeiten bei Schülern zu Hause unterrichten sollen, während uns die Nutzung eines 150 Quadratmeter großen Raums untersagt wird“, meint er. „Ich verstehe das Unverständnis“, sagt Bürgermeister Späth, verweist aber auf die verschärften Corona-Beschränkungen und strengen Hygienevorgaben. Es sei eine Vorsichtsmaßnahme, auch wolle man alle Vereine gleich behandeln. Späth hofft, dass der Teil-Lockdown Ende des Monats wirklich beendet ist: „Das wäre uns am liebsten“.

Noch kein größerer Mitgliederschwund

Der Präsident des Blasmusikverbands Mittelbaden Tobias Wald spricht zwar von einer gedämpften Stimmung in den Vereinen, hat aber noch keinen außergewöhnlichen Mitgliederschwund im Corona-Jahr gemeldet bekommen. „Viele freuen sich wieder auf die Proben“, weiß er. Man sei per E-Mail im Austausch, der Verband informiere regelmäßig über die neuesten Entwicklungen und habe auch Hilfestellung bei den Hygienekonzepten gegeben. Die aktuelle Situation und die Auswirkungen sollen am 18. November in einer Telefonkonferenz mit den rund 70 Mitgliedsvereinen besprochen werden, wobei Wald einen Vorschlag unterbreiten will, damit die Jugend nicht die Lust am Musizieren verliert: Nachdem wegen der Pandemie der Wettbewerb für das Jungmusikerleistungsabzeichen nicht stattfand, sollte der Nachwuchs dem Dirigenten im jeweiligen Verein vorspielen und dann im Orchester mitwirken dürfen, sofern der Leistungsstand dem bronzenen Abzeichen entspricht, das als Eintrittskarte für das Orchester gilt. Die Prüfung könnte dann 2021 nachgeholt werden.


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