Lokalverbot für Russen löst Welle der Empörung aus

Bietigheim – Rund um ein Bietigheimer Lokal tobt ein Sturm: Mit dem Verweis, ein Zeichen setzen zu wollen, hatte der Wirt auf der Homepage erklärt, dass Besucher mit russischem Pass unerwünscht seien.

Lokalverbot für Russen: Mit seinem Facebook-Post hat der Wirt der „Traube“ eine Welle der Empörung losgetreten. Am Rosenmontag war das Lokal geschlossen. Foto: Bernhard Margull

© bema

Lokalverbot für Russen: Mit seinem Facebook-Post hat der Wirt der „Traube“ eine Welle der Empörung losgetreten. Am Rosenmontag war das Lokal geschlossen. Foto: Bernhard Margull

Die Läden am schmucken Fachwerkhäuschen sind geschlossen, kein Wölkchen trübt den strahlend blauen Himmel. In der virtuellen Welt allerdings sieht es ganz anders aus. Da tobt rund um die „Traube“ in Bietigheim ein wahrer Sturm. Einer, der sich auch 48 Stunden nachdem er entfacht wurde, nicht zu beruhigen scheint.
Mit dem Verweis, ein Zeichen setzen zu wollen, hatte der Betreiber des Restaurants am Wochenende auf der Homepage erklärt: „Besucher mit russischem Pass sind bei uns im Haus unerwünscht.“ Und weiter: „Es ist uns bewusst, dass der ,normale‘ russische Staatsbürger keine Schuld an den kriminellen Handlungen der russischen Regierung trägt.“ Mit der Aktion aber wolle man ein Zeichen setzen. „Dies ist unser Beitrag, damit unsere Kinder in einem friedlichen Europa leben können.“

Die Reaktionen im Netz ließen nicht lange auf sich warten. Auf Facebook und Twitter verbreitete sich die Nachricht vom Lokalverbot für russische Staatsbürger wie ein Lauffeuer. Die überwältigende Mehrheit der Kommentare prangerte die Verallgemeinerung gegen eine bestimmte Nationalität als fremdenfeindliche Hetze an. Am späten Nachmittag postierte sich ein Streifenwagen der Polizei vor dem Lokal.

Welle der Empörung reißt nicht ab

Die Welle der Empörung reißt auch am Montagmorgen nicht ab. Im Gegenteil. In den Frühnachrichten um 9 Uhr berichtet sogar einer der beiden wichtigsten Kreml-nahen, russischen Fernsehsender über den Fall. Der Deutschlandkorrespondent findet für den Einstieg zu seinem Beitrag markige Worte. „Der Besitzer wollte Hitler spielen“, erklärt er den Sprechern im Studio. Dazu sind Bilder aus dem Innenraum des Restaurants zu sehen. Auch der Name des Orts, des Lokals und seines Besitzers werden genannt.

Das Lokal auf der Hauptdurchfahrtsstraße des Ortes ist weit über den kleinen Ort hinaus bekannt und beliebt. „Das Essen dort war super und ich bin gern und oft dort gewesen. Jetzt kann ich da leider nicht mehr hin“, sagt eine Durmersheimerin bedauernd. Weil sie den Wirt gut kennt, möchte sie lieber anonym bleiben. In persönlichen Gesprächen mit der Redaktion und auf Facebook verliehen viele weitere ehemalige Gäste des Lokals ihrer Enttäuschung Ausdruck.

Auch der Bürgermeister ist entsetzt

Entsetzt über die Äußerungen ist Constantin Braun. „Der Vorfall hat uns bestürzt und beschämt“, lässt der Bietigheimer Bürgermeister wissen. In einer Stellungnahme distanziert sich der CDU-Schultes deutlich. Und er nimmt seinen Ort in Schutz: „Die getroffenen Aussagen sind nicht damit zu vereinbaren, wofür wir in Bietigheim stehen und an was wir glauben.“ Via E-Mail meldet sich ein Bietigheimer Bürger in der Redaktion. Unter dem Motto „Bietigheim ist bunt“ hat er eine Spendenaktion im Netz gegründet. Er wolle damit ein Zeichen gegen Fremdenhass setzen.

Der Wirt der „Traube“ hüllt sich in Schweigen. Das Telefon des Lokals ist dauerbesetzt, auf E-Mails und den Versuch der Kontaktaufnahme via Facebook-Messenger reagiert er nicht. „Das kann ich auch gut verstehen. Der arme Mann hat sicher keine Ruhe mehr gehabt“, sagt die Durmersheimer Stammkundin bedauernd. Für den Gastronomen empfindet sie fast Mitleid. „Wenn der gewusst hätte, was sein Post auslöst, hätte er das bestimmt nie gemacht“, vermutet sie.

Drohungen gegen den Wirt

Nachdem es in den Kommentaren auf Facebook zu Drohungen gegen den Mann, seine Familie und die Mitarbeiter gekommen war, hatte er den Post bereits am Sonntagnachmittag wieder zurückgezogen. Es sei ein Fehler gewesen, die Kritik an Putin an der Nationalität festzumachen. „Niemals wollte ich jemanden wegen seiner Nationalität beleidigen. Allerdings rechtfertigt das nicht, meine Familie und Mitarbeiter zu bedrohen.“

Offenbar war im Netz auch zu einer Protestaktion aufgerufen worden. „Wir hatten den ganzen Nachmittag und bis zur Schließung eine Streife vor Ort“, bestätigt das Polizeipräsidium Offenburg auf Nachfrage. Die Beamten hätten beobachten können, wie vier Personen sich dem Lokal näherten. „Sie sind dann aber ohne Äußerung oder Aktionen wieder gegangen.“ Am Montag sei keine weitere Polizeipräsenz von Nöten gewesen.

Ausschluss rechtlich nicht zulässig

Neben dem Bietigheimer Bürgermeister äußerte sich gestern auch die Kreisvorsitzende der CDU-Rastatt, Brigitte Schäuble, zu dem Fall. Sie legte Wert auf die Feststellung, dass der Wirt kein CDU-Mitglied mehr ist. „Stimmung gegen die bei uns lebenden Russinnen und Russen zu machen, ist absolut intolerabel.“ Die persönlichen Drohungen und Einschüchterungen gegen den Wirt gingen jedoch eindeutig zu weit. „Die Häme, der Hass und die üblen Verleumdungen sind absolut erschreckend“, so Schäuble. Viele Beobachter der Shitstorms äußerten darüber hinaus die Vermutung, die Stimmung gegen den Mann könnte aus pro-russischen Kreisen gezielt orchestriert worden sein. Auch der Hotel- und Gaststättenverband Baden-Württemberg äußerte sich: „Es gibt sicher andere und bessere Möglichkeiten, seine Empörung über den russischen Angriffskrieg beziehungsweise seine Solidarität mit den Menschen in der Ukraine zu zeigen“, sagte ein Sprecher. Der Ausschluss von Gästen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft sei im Übrigen auch rechtlich nicht zulässig.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

Sibylle Kranich

Zum Artikel

Erstellt:
28. Februar 2022, 19:59 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 39sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.