„Long-Covid trifft auch junge Menschen“

Baden-Baden (fh) – Long-Covid heißen die langfristigen Gesundheitsschäden einer Covid-19-Erkrankung. Dr. Christian Nagel empfiehlt Betroffenen, sich nach drei Monaten ohne Besserung Hilfe zu suchen.

Dr. Christian Nagel, Chefarzt der Klinik für Pneumologie im Klinikum Mittelbaden. Foto: Foto Studio A. Fritz

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Dr. Christian Nagel, Chefarzt der Klinik für Pneumologie im Klinikum Mittelbaden. Foto: Foto Studio A. Fritz

Dr. Christian Nagel, Chefarzt der Klinik für Pneumologie im Klinikum Mittelbaden, hat mit BT-Redakteurin Fiona Herdrich darüber gesprochen, warum man nicht zu lange warten sollte, bis man einen Arzt aufsucht, und warum die Corona-Impfung auch für junge Menschen so wichtig ist.

BT: Herr Dr. Nagel, was sind Long-Covid und Post-Covid?
Dr. Christian Nagel: „Long-Covid“, „Post-Covid-19-Syndrom“ oder „post-acute Covid-19“ bezeichnen längerfristige gesundheitliche Schäden einer Covid-19-Erkrankung, die über drei bis sechs Monate hinaus anhalten. Diese betreffen sowohl den körperlichen als auch den psychischen Bereich und schränken die Lebensqualität oft massiv ein. Die Long-Covid-Symptome tauchen entweder bereits in der akuten Erkrankungsphase auf und bleiben längerfristig bestehen, oder sie treten erst im Verlauf von Wochen und Monaten nach der initialen Infektion auf. Sie umfassen Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Durchschlafstörungen, Luftnot bei leichter Belastung und im Liegen, Herzrasen bei leichter Anstrengung, Aktivierung eines bis dato schlummernden Asthmas, neuropathische Schmerzen nach Nerven-und Muskelentzündungen, Muskelschwäche und Gelenkschmerzen. Gehäuft zeigen sich in unterschiedlicher Ausprägungen Störungen der Gedächtnisleistung und Konzentrationsstörungen. Diese betreffen in der täglichen Praxis etwa ein Viertel bis ein Drittel aller Betroffenen und sind besonders hartnäckig in der Behandlung. Zusätzlich können sich Depressionen, Migräne, Tinnitus, teilweise sogar bleibende Geruchs- und Geschmacksstörungen, eine zunehmende Niereninsuffizienz und Folgen einer Herzmuskelschwäche zeigen.

Beschwerden bestanden vor der Erkrankung nicht

BT: Werden diese vielfältigen Symptome immer als Long-Covid erkannt?
Nagel: Die Long-Covid-Symptome sind ursächlich nicht immer eindeutig zuzuordnen. Ihre Gemeinsamkeit besteht aber darin, dass sie vor der Covid-19-Erkrankung nicht bestanden. Man muss als Arzt sehr gezielt nachfragen, weil die Beschwerden auch allgemeine Dinge umfassen, wie nachlassende Konzentration oder auch die Fähigkeit, gleichzeitig mehrere Tätigkeiten ausüben zu können. Manche Patienten glauben auch, dass diese Symptome mit dem Alter zusammenhängen. Aber ich sehe das komplette Spektrum an Patienten im Alter zwischen 20 und 80, und da fällt auf, dass manche Beschwerden sich wie ein roter Faden durch alle Altersklassen durchziehen.

BT: Wer ist besonders anfällig für Long-Covid?
Nagel: Die Folgen betreffen nicht nur Patienten, die einen schweren Krankheitsverlauf hatten, sondern auch solche mit mildem oder moderatem Verlauf. Zu Beginn der Impfkampagne haben viele junge Menschen argumentiert, dass sie von einer Erkrankung nicht groß betroffen sein würden und daher das Risiko von der Impfung für sie größer sei. Da muss man klar sagen: Es können auch jüngere Leute wirklich von diesen Long-Covid-Beschwerden schwer betroffen sein. Aus unseren Erfahrungen heraus wissen wir, dass vermehrt die Patienten vom 20. bis 55. Lebensjahr über diese Beschwerden berichten.

BT: Wie viele Patienten damit betreuen Sie gerade?
Nagel: Insgesamt habe ich etwa so 150 bis 200 Patienten in Betreuung. Was da bei fast allen vorkommt, ist eine deutliche Einschränkung der Belastbarkeit und der Ausdauer. Viele sind schon nach zwei bis drei Stunden erschöpft. Das hat Folgen, wenn sie sich nach der Quarantäne erholt haben und in den Berufsalltag zurückkehren. Arbeitstage mit sieben bis acht Stunden sind dann kaum noch zu schaffen.

BT: Kann man dem denn vorbeugen oder schützt nur die Impfung?
Nagel: Das Problem ist, dass Coronaviren jedes Organ befallen können. Im Gegensatz zu anderen Atemwegsviren wie der Influenza kommt es aber schnell zu einer Aussaat durch die Atemwegsschleimhäute in das Kreislaufsystem und damit den gesamten Körper. Die Folge ist eine Entzündung der Gefäßinnenhaut, was lokale Gerinselbildungen mit allen fatalen Nebenwirkungen auf die Funktion des betroffenen Organs zur Folge haben kann. Deswegen ist in der initialen Akutphase die Blutgerinnungshemmung so wichtig. Die Gerinnungshemmung ist aber auch eine sinnvolle Behandlung, die gewisse spätere Folgen abmildern kann. Ein zweites Problem ist, dass man erst seit einem Jahr Erfahrungen mit Long-Covid hat. Das heißt, Leitlinien und Empfehlungen kommen dafür momentan viel zu langsam hinterher.

Hausarzt als erste Anlaufstelle

BT: Wohin können sich Betroffene wenden?
Nagel: Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle. Es hängt natürlich auch wieder davon ab, welche Beschwerden jemand hat. Für alles, was den Brustkorb betrifft, sind auch die niedergelassenen Lungenfachärzte eine Anlaufstelle. Wenn jemand Schmerzen hat, wäre auch ein Neurologe ein Ansprechpartner. Aber in erster Linie muss der Hausarzt anhand der gebotenen Beschwerden sortieren, wohin er die Patienten schickt.

BT: Wann sollte man sich Hilfe suchen?
Nagel: Ich rate diesen Patienten, wenn die Beschwerden drei Monate nach Covid-19 noch bestehen oder sogar zunehmen, sich Hilfe zu suchen. Denn je länger bei bleibenden Beschwerden gewartet wird, desto schwieriger, langwieriger und möglicherweise unvollständiger wird die Heilung. Es gibt natürlich Beschwerden, die durch Abwarten besser werden, wenn auch nur zögerlich. Aber gerade, wenn jemand ausgeprägte Beschwerden hat, die auch nach drei Monaten nicht besser werden, würde ich empfehlen, nicht noch länger abzuwarten, sondern zum Arzt zu gehen.

BT: Warum ist es so wichtig, nach drei Monaten zu reagieren?
Nagel: Ich sehe Patienten, die nach ein, zwei Monaten zu mir kommen, aber ich sehe auch Patienten, die Covid vor über einem Jahr durchgemacht haben. Und da ist es wie bei vielen Erkrankungen: Je früher man versucht, ambulant oder auch stationär zu rehabilitieren, desto besser ist auch das langfristige Endergebnis. Natürlich kann man auch Patienten Stück für Stück wiederaufbauen, bei denen Covid über ein Jahr zurückliegt, aber es wird immer schwieriger, die Folgen zurückzudrehen.

BT: Die Behandlung fällt auch unterschiedlich aus?
Nagel: Genau. Es gab in der Vergangenheit nur selten Erkrankungen, die so vielfältige Folgen gezeigt haben. Die Lunge ist oft nur die Eintrittspforte, über die Patienten krank werden, und alle anderen Organe sind die nächste Station. Diese Erkrankung fordert darum mehrere Fachdisziplinen, und deswegen ist das Long-Covid-Syndrom so individuell ausgeprägt. Je früher wir das ernstnehmen, desto besser sind die Langzeitaussichten.

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Erstellt:
17. Juli 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 55sec

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