Luca: Für Gesundheitsamt so gut wie keine Bedeutung

Rastatt (sie) – Im Rastatter Gesundheitsamt ist man nicht überrascht, dass das Sozialministerium das Aus für die Luca-App verkündet hat. Man habe mit den Daten in der Regel wenig anfangen können.

Digitale Dokumentation: Auch die Stadt Rastatt setzte auf die Luca-App, wie beim Weihnachtsmarkt-Intermezzo Ende November. Foto: Holger Siebnich

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Digitale Dokumentation: Auch die Stadt Rastatt setzte auf die Luca-App, wie beim Weihnachtsmarkt-Intermezzo Ende November. Foto: Holger Siebnich

Der Abschiedsschmerz hält sich bei Stefan Biehl in Grenzen. „Die Luca-App hat bei uns so gut wie keine Bedeutung gespielt“, sagt der Sozialdezernent des Landratsamts Rastatt. Die Gesundheitsämter hätten mit den Daten in der Regel wenig anfangen können. Es hat ihn deshalb nicht mehr überrascht, dass das Sozialministerium am Mittwoch das Aus für die App verkündet hat. Gastronomen und Kulturveranstalter warten nun auf eine Nachfolgeregelung. Im schlimmsten Fall droht ihnen wieder der Papierkrieg.
Nach einem Jahr läuft Ende März der Vertrag des App-Herstellers mit dem Land aus. Vor dieser Entscheidung hatte das Sozialministerium bei den Gesundheitsämtern eine Bilanz eingefordert. Die fiel auch in Rastatt ernüchternd aus. „Die App hat leider nicht die Relevanz erhalten, die wir uns von ihr versprochen haben“, sagt Biehl.

Zu grobe Rasterung

Das Land hatte im Frühjahr 2021 alle Gesundheitsämter an Luca angebunden. In der Praxis ist das System laut Biehl an zwei Punkten gescheitert. Viele Nutzer hätten sich gar nicht eingecheckt oder bei der Anwendung Fehler gemacht. Weit verbreitet sei das Phänomen gewesen, dass die Menschen vergessen hätten, sich aus der Location wieder auszuchecken. So kommen vermeintlich stundenlange Kneipenbesuche mit Risikobegegnungen zusammen, obwohl der Besucher schon längst zu Hause im Bett liegt.

Eine weitere Schwäche war laut Biehl eine zu grobe Rasterung. Wenn auf einem Konzert einer von mehreren Hundert Besuchern infiziert sei, könne das Gesundheitsamt nicht mit allen Gästen Kontakt aufnehmen. Wichtig zur Kontaktnachverfolgung seien schließlich nur Risikobegegnungen über eine gewisse Zeit mit geringem Abstand – und nicht pauschal die komplette Besucherschar. Davon abgesehen hat sich die Kontaktnachverfolgung seit Wochen ohnehin erledigt – und damit das Kernanwendungsgebiet der App. Bereits mit Anstieg der Infektionszahlen im Herbst 2021 änderte das Land dazu seine Vorgaben. Seitdem versuchte das Gesundheitsamt, nur noch bei größeren Ausbrüchen und besonders gefährdeten Gruppen Kontaktpersonen zu ermitteln.

Keine flächendeckende Kontaktverfolgung mehr

Erst Ende vergangener Woche teilte das Landratsamt mit, dass das Gesundheitsamt aktuell überhaupt keine Infizierten mehr anrufen könne. Aufgrund der hohen Corona-Fallzahlen müsse eine Priorisierung der Bearbeitung auf größere Ausbruchsgeschehen erfolgen, insbesondere auf die Fälle in Alten- und Pflegeheimen.

Eine flächendeckende Kontaktverfolgung findet also schon seit mehreren Monaten nicht mehr statt. Da das Land Gastronomen und Veranstalter aber nach wie vor dazu verpflichtet, die Daten ihrer Gäste zu dokumentieren, stehen noch immer überall die Luca-QR-Codes. Wer die App nicht nutzt, muss sich nach wie vor in Listen eintragen.

Bei Frank Hildenbrand im Schnick-Schnack zücken 99 Prozent der Gäste das Handy zur Registrierung. „Einer von 100 trägt sich noch auf Papier ein“, sagt der Wirt des Lokals in Niederbühl, der auch Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Rastatt ist. Er hofft auch künftig auf eine digitale Lösung, zum Beispiel über die Corona-Warn-App: „Das wäre deutlich komfortabler, sinnvoller und nachhaltiger als Papierlisten“, sagt er.

Papier und Stift liegen immer bereit

Auch bei Kulturevents der Stadt Rastatt nutzen die meisten Besucher die Luca-App. Aber ganz papierlos geht es nicht. Carola Gerbeth, Leiterin des städtischen Eigenbetriebs „Kultur und Veranstaltungen“ sagt: „Manche haben die App nicht, oder etwas funktioniert nicht.“ Für solche Fälle lägen immer Papier und Stifte bereit. Sie rechnet damit, dass es unabhängig von Luca auch in Zukunft parallel digitale und analoge Lösungen geben wird. Die Politik hätte es allerdings in der Hand, noch einen dritten Weg zu wählen: die Abschaffung der Dokumentationspflicht. Dann müssten Gastgeber überhaupt keine Daten mehr erfassen. Auch Biehl fragt sich angesichts der brach liegenden Kontaktermittlung: „Was machen wir generell mit der Dokumentationspflicht?“ Er gibt allerdings zu bedenken, dass die Nachverfolgung von Infektionsketten in Zukunft wieder möglich und auch sinnvoll sein könnte – wenn die Zahlen sinken.

Obwohl die Behörden die Daten aktuell nicht nutzen, findet Hildenbrand es sinnvoll, sie weiter zu sammeln – trotz allen Aufwands. Er kenne Fälle von Kollegen, die nach positiven Tests bei Veranstaltungen die anderen Anwesenden selbst gewarnt hätten: „Es liegt an jedem selbst, aktiv zu werden.“

Stadt will Alternativen ausloten

Auch die Stadtverwaltung Rastatt hat auf die Luca-App gesetzt. Die QR-Codes hängen an Besprechungsräumen, in Museen, Schulen, Kindergärten, Sporthallen oder an Räumen der Gemeinwesenarbeit – „im Grunde überall dort, wo Menschen zusammenkommen, vor allem in unterschiedlichen Konstellationen“, sagt Pressesprecherin Heike Dießelberg. Man will die kommenden Wochen nutzen, um Alternativen auszuloten.

Auch aus Sicht der Stadtverwaltung könnte die Corona-Warn-App Luca ersetzen. Als diese erschien, fehlten noch zahlreiche Funktionen, die heute verfügbar sind – zum Beispiel, sich an Orten einzuchecken. Die Stadt Rastatt bot zum Beispiel beim Weihnachtsmarkt Ende November bereits beide Optionen an.

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