Lustige Plakataktion löst breites Echo aus

Loffenau / Baiersbronn (ham/sj)– Die humorvolle Warnung vor dem langlebigen „Kleinen Schluckspecht“ begeistert auch Schweizer und Österreicher.

Schautafel zum Schmunzeln: „Blauer Dunstling“, „Gemeiner Beutling“ oder das „Pappige Becherlein“ laden viele Ausflügler zum Lesen und Nachdenken ein. Foto: Stefan Jehle

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Schautafel zum Schmunzeln: „Blauer Dunstling“, „Gemeiner Beutling“ oder das „Pappige Becherlein“ laden viele Ausflügler zum Lesen und Nachdenken ein. Foto: Stefan Jehle

Die Gemeinde Loffenau hat sofort das Potenzial erkannt und an zehn Hotspots von Teufelsmühlturm bis zum Löchle die Plakate aufgehängt. Humorvoll sollen sie Wanderer darauf hinweisen, dass mit „invasiven Arten“ angesichts der enormen Lebensdauer von bis zu 50.000 Jahren nicht zu spaßen ist. Achtlos weggeworfener Müll wie der „Kleine Schluckspecht“ breitet sich leider zunehmend aus, konstatierte Bürgermeister Markus Burger und schloss sich als Vorreiter begeistert der Aktion der „Baiersbronn Touristik“ an.

Inzwischen verbreitet sich die kreative Aktion aus dem Murgtal fast so rasant wie die „unbeliebten Naturbewohner“. Wer auf Wanderwegen im Schwarzwald oder anderswo unterwegs ist, sieht gelegentlich Hinweisschilder, doch bitte den anfallenden Müll wieder mitzunehmen. „Haltet die Berge sauber, lasst keinen Abfall zurück!“, schreibt etwa der Deutsche Alpenverein. Ob sich die Leute später daran halten? Vermutlich nur wenige. Auf mehr Aufmerksamkeit darf dagegen die Tafel „Unbeliebte Naturbewohner“ hoffen, die mittlerweile an 240 Stellen in der Region steht. Sie wurde daher zum Exportschlager bis in die Schweiz und Österreich.

„Maskus nixkuss“ und „Stinki bombulus windeli“ steht da zu lesen: Gemeint sind die inzwischen zum Alltag gehörenden medizinischen Masken, die auf besagter Tafel freilich als „Maultäschle“ firmieren, und Baby-Windeln, auf der Tafel genannt „Gefüllter Dungfang“. Auch von einem „Kleiner Schluckspecht“ (übersetzt als „Liquior cadaveri“ – gemeint sind Schnaps-Flaschen), dem „Weißer Rotzling“ (übersetzt „Popel schnupfus alba“ – gemeint ist ein Papier-Taschentuch) oder dem „Alter Dosenhopf“ (übersetzt mit „Dosis knitter“ – gemeint sind Cola- oder Fanta-Dosen) ist da die Rede. Umweltfrevler in Wald und Natur sollen mit dem hintersinnigen Humor zum Nachdenken gebracht werden. Und in der Tat: Es bleiben immer wieder Menschen vor den besagten Schildern stehen und lesen sie interessiert. Etwa darüber, wie lange solche Wegwerfgüter in der Natur liegen, bis sie verrotten. Bei achtlos weggeworfenen medizinischen Masken sind das rund 450 Jahre, bei der Getränkedose 500 Jahre und auch bei einem Papier-Taschentuch immerhin noch ein bis fünf Jahre.

Die Aktion, die auch ein bundesweites Echo auslöste, wurde zu einem riesigen Erfolg. „Es gibt eine ungebrochene Resonanz seit einem Jahr. Wir bekommen jede Woche Mails und auch Stellungnahmen auf anderen Wegen“, berichtet Patrick Schreib, der Tourismus-Direktor in Baiersbronn. Diejenigen, die sich äußern, täten das nach dem Motto „Wir haben herzlich darüber gelacht“, zeigt sich Schreiber überzeugt.

Badisch-schwäbisches Kunstlatein

Zum Jahresende 2020 entstanden erste Ideen zu dem neuartigen Schild, erzählt Schreib. Vor allem zum Ende des Winters sei es immer wieder das gleiche Bild: Weggeworfene Papier-Taschentücher, Dosen, Flaschen und vielerlei anderer Unrat würden Wald und Natur verunzieren. „Wir wollten das aufgreifen, nahmen uns aber vor, dass wir nicht so arg schulmeisterlich rüberkommen“, sagt Schreib.

Er und sein Team hätten es eher auf eine witzige Art und Weise angehen wollen. Anfangs mit der Idee, das wortwörtlich in Latein zu übersetzen. Weil, so die Erkenntnis, das aber wohl niemand verstehen würde, sei sich das Team einig gewesen: „Lasst uns doch ein bisschen selbst auf den Arm nehmen. Daraus entstand dann eine Art badisch-schwäbisches Kunstlatein.“

Eine Grafikerin und ein eigener Fotograf im Team „Baiersbronn Touristik“ erleichterten die Entwicklung der Umweltfrevler-Tafel. Das Ergebnis habe man dann anfangs zunächst in Baiersbronn aufgestellt, an den Ausgangspunkten, an Wanderparkplätzen und Rastplätzen, erläutert Patrick Schreib. Er habe es dann für die Kollegen in der gesamten Nationalparkregion vorgestellt – und schnell fiel die Entscheidung, das für die ganze Region zu machen: von Loffenau über Gaggenau bis Oberwolfach, in den Stadt- und Landkreisen Baden-Baden, Rastatt, Freudenstadt und in der Ortenau.

Die in der Kampagne präsentierten „Unbeliebten Naturbewohner“ sollen damit ein wenig zurückgedrängt werden, und seien – so die Headline der Tafel – „leider noch nicht vom Aussterben bedroht“. Ganz anders etwa als einige seltene Tier- und Pflanzenarten in der Nationalparkregion.

Plakat-Leser „lassen wirklich nichts liegen“

Inwieweit sich Besucher der Natur auch tatsächlich daran halten, darüber hat Schreib – noch – keine Erkenntnisse. „Also zumindest diejenigen, die sich äußern zur Tafel, die lassen wirklich nichts liegen“, ist er sich sicher.

Inzwischen steht die gleiche Umweltfrevler-Tafel auch im Nationalpark Eifel, der westlich von Bonn und Euskirchen liegt. Auch Erftstadt habe die Idee aufgegriffen. Seit dem April 2021 habe es knapp 270 Anfragen von Privatpersonen, Gemeinden, Bildungseinrichtungen, Firmen und Organisationen gegeben, und darüber hinaus Anfragen unter anderem aus Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, der Sächsischen Schweiz, Bayern – aber auch Österreich und der Schweiz, zählt Bianca Ketterer, Pressesprecherin der „Baiersbronn Touristik“, auf. Alle hatten dasselbe Anliegen: die Druckvorlage aus dem Nationalpark verwenden zu dürfen.

Diese steht zum kostenfreien Download im Netz. Die Nutzung der Bildvorlage wird ausschließlich im Originalzustand gestattet. Kommerzielle Auswertung sowie jegliche Nutzung außerhalb der inhaltlichen Beschränkung sind dagegen untersagt.

Ihr Autor

Hartmut Metz und Stephan Jehle

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Erstellt:
3. Februar 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

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