Mäheinsatz in Bühl: Enten verlieren Gelege

Bühl (BNN) – Ein rabiater Mäh-Einsatz hat in Bühl Folgen: Weil Sandbänke in der Bühlot radikal abgemäht wurden, waren Enten schutzlos der Sonne ausgesetzt und haben ihre Nester verlassen.

•Entengelege: Vier Nester mit in Summe 25 Eiern wurden Opfer der Mähaktion, die im Internet hohe Wellen schlägt. Foto: Jörg Seiler

© pr

•Entengelege: Vier Nester mit in Summe 25 Eiern wurden Opfer der Mähaktion, die im Internet hohe Wellen schlägt. Foto: Jörg Seiler

Brütende Stockenten im Hitzestress, eine abgemähte Sandbank in der Bühlot im Bereich des Sonnengässles und eine traurige Nachricht: Es wird dort keine Entenbabys geben. Eine Bühler Bürgerin sorgte sich um die Wasservögel und kam in die Redaktion. Als Anwältin für Anas platyrhynchos sozusagen.

In der prallen Mittagssonne saßen die Entenmamas auf den Nestern und hechelten. Das nun zeigt laut Experten, dass es ihnen zu warm ist. Das war am Dienstag, 17. Mai. Einen Tag später bezeichnet es die Stadtverwaltung auf Anfrage der Redaktion als „sehr bedauerlichen Fehler, der eigentlich nicht passieren darf“.

Die Bürgerin, die das Leid der Enten entdeckte und darauf aufmerksam machte, war fassungslos, wunderte sich, wie man so wenig Einfühlungsvermögen gegenüber den Tieren zeigen kann. „Die haben jetzt nichts mehr, keinen Sicht- und vor allem keinen Sonnenschutz. Warum macht man das?“ Das Thema ist längst auch in den sozialen Netzwerken angekommen. Eine junge Bühlerin hat Bilder gemacht und kommentiert in der Gruppe Bühl (Baden): „Nun schon das dritte Jahr in Folge wird ohne Sinn und Verstand der Mäher angeschmissen und die Grünstreifen im Wasser zerstört. Und somit auch viele Leben.“

Rechtslage klar: Mähen nicht erlaubt

Die rechtliche Lage jedenfalls ist eindeutig: „Das ist nicht erlaubt“, sagt Martin Klatt und verweist auf die Europäische Vogelschutzrichtline. Derzufolge sind die Vögel wie ihre Fortpflanzungsstätten geschützt, so der Referent für Arten- und Biotopschutz beim Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg. Die Vogelschutzrichtlinie ist ein Regelwerk, das helfen soll, die heimischen Vogelarten in den Mitgliedsstaaten der EU zu erhalten. Längst hat das Werk Eingang in zahlreiche, nationale Naturschutz-Gesetzgebungen gefunden.

Es stellen sich deshalb mehrere Fragen: Wer macht so etwas, hat man da (bewusst) nicht hingeschaut? Und vor allem, hätte das nicht noch ein bisschen Zeit gehabt, bis die Stockenten fertig gebrütet haben?

Zuständig für die Bühlot ist der Zweckverband Hochwasserschutz, der von den Städten Bühl und Baden-Baden sowie der Gemeinde Sinzheim gegründet wurde. Laut Matthias Buschert befanden sich auf den Anlandungen zwischen Gecco und Gasthaus „Schwanen“ drei Entennester mit zehn, vier und elf Eiern. Der Bewuchs darum, vor allem Gras, wurde komplett abgemäht. Eine städtische Mitarbeiterin war laut dem Pressesprecher der Bühler Stadtverwaltung noch am Abend vor Ort und schaute sich die Situation genauer an.

„Bedauerlicher Fehler“: Weil bei Mäharbeiten an der Bühlot in der Bühler Innenstadt radikal abgesenst wurde, müssen die Wasservögel leiden. Foto: Jörg Seiler

© pr

„Bedauerlicher Fehler“: Weil bei Mäharbeiten an der Bühlot in der Bühler Innenstadt radikal abgesenst wurde, müssen die Wasservögel leiden. Foto: Jörg Seiler

Für die Stockenten hat der rabiate Mäh-Einsatz drastische Folgen: Die Störung war so gravierend, dass die Enten die Nester verließen. Die Gelege sind ausgekühlt, es wird keine Küken geben. Ein Unding, denn laut Naturschutzgesetz müssen die Gewässer so gepflegt werden, dass die Brut nicht gestört wird. Das bedeutet: Wird gemäht, muss der Abstand zu den Nestern so groß sein, „dass die Elterntiere nicht durch Lärm vertrieben werden und ausreichend Bewuchs als Sichtschutz und Schatten stehen bleibt“, erläutert Buschert.

Für die Pflege der Bühlot zeichnet seit Jahrzehnten ein landwirtschaftlicher Betrieb verantwortlich, der im Auftrag des Verbands arbeitet. Der kennt die Regeln, denn für jedes Gewässer des Zweckverbands gibt es detaillierte Pflegepläne. Die beinhalten unterschiedliche Zeitpunkte für das Mähen. Das heißt, es gibt immer Abschnitte, die gepflegt und die nicht bearbeitet sind. Das hilft den brütenden Vögeln. Im Mai beginnt die Saison, sie dauert bis Oktober. „Klare Vorgabe ist aber, dass Brutplätze nicht gestört werden dürfen und dann eben in einem weiteren Arbeitsgang zu einem späteren Zeitpunkt bearbeitet werden sollen“, betont Buschert.

War die Tragödie kein Einzelfall?

Auf Facebook beschäftigt das Thema die Mitglieder der Gruppe Bühl (Baden) sehr. „Absolut traurig... anstatt sie mal die ganzen Gewässer von dem Abfall und den Scherben befreien, damit die Tiere nicht zu Schaden kommen, zerstören sie noch mehr Lebensraum. Hauptsache das Stadtbild sieht oberflächlich ordentlich aus“, heißt es in einem Kommentar. Es gibt allerdings auch Diskutanten, die die Pflegemaßnahmen verteidigen, und es gibt eine Aussage, die noch nachdenklicher stimmt: „Auch bei uns haben Sie am Bach gemäht und dazu noch die Hecken mit dem Mäharm abrasiert. Da haben auch Vögel drinnen gebrütet.“ Die Tragödie an der Bühlot scheint kein Einzelfall zu sein.

In eigener Sache

Das Badische Tagblatt und die Badischen Neuesten Nachrichten bündeln ihre journalistischen Kräfte und erweitern damit das umfangreiche Leseangebot in Mittelbaden. Noch arbeiten die beiden Redaktionen getrennt, tauschen jedoch schon gegenseitig Inhalte aus. Davon sollen vor allem die Leser profitieren – durch mehr Hintergründe, Reportagen und mehr Service. Deshalb werden auf badisches-tagblatt.de auch Artikel von BNN-Redaktionsmitgliedern veröffentlicht.

Ihr Autor

BNN-Redakteur Jörg Seiler

Zum Artikel

Erstellt:
18. Mai 2022, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.