Malscher Ehrenbürger soll Kinder misshandelt haben

Malsch (sl) – Zeitzeugen berichten von gewalttätigen Übergriffen durch den ehemaligen Pfarrer Anton Böhe und fordern die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde. Im Rathaus geht man den Vorwürfen nach.

Auch mit einer Straße ehrt Malsch seinen ehemaligen Pfarrer. Das „h“ soll gelegentlich mit einem „s“ überklebt worden sein. Dann steht da: Anton-Böse-Straße. Foto: Frank Vetter

© fuv

Auch mit einer Straße ehrt Malsch seinen ehemaligen Pfarrer. Das „h“ soll gelegentlich mit einem „s“ überklebt worden sein. Dann steht da: Anton-Böse-Straße. Foto: Frank Vetter

Anton Böhe ist Ehrenbürger von Malsch. Doch nun erhält sein Andenken Risse. Rathausverwaltung und Gemeinderat beschäftigen sich mit der Rolle des 1998 verstorbenen Priesters in der Dorfgemeinschaft. Zeitzeugen berichten von Kindesmisshandlungen, die keine „Ausrutscher“ waren, sondern typisch für den Geistlichen gewesen sein sollen.

„Geprügelt bis zum Gehtnichtmehr“

Als katholischer Pfarrer wirkte Böhe von 1952 bis 1985 in Malsch. Er unterrichtete auch Religion an der Grundschule. Ehrenbürger ist er seit 1982. Auf der Internetseite der Heimatfreunde Malsch liest sich seine Biografie als die Würdigung eines durchaus verdienstvollen Mannes. Wenn man Mitglieder des Malscher Geschichtsvereins persönlich befragt, hört man allerdings ganz andere Erinnerungen. Einer der Zeitzeugen ist Manfred Rubel, Jahrgang 1953. Als evangelisches Kind kam er zwar nicht selbst in den „Genuss“ von Anton Böhes Religionsunterricht, doch dass der Pfarrer die Klassenkameraden brutal behandelte, habe er mit eigenen Augen gesehen. Böhe hatte seine Religionsstunde mal wieder bis in die Pause ausgedehnt, da öffnete der damals sechsjährige Manfred nichts ahnend die Tür des Klassenzimmers und bekam gerade noch mit, wie der Pfarrer einem Schüler eine so kräftige Maulschelle verpasste, „dass der bis in die letzte Bank geflogen ist“. Zwar seien die Erziehungsmethoden damals allgemein rauer gewesen, doch Pfarrer Böhe habe „geprügelt bis zum Gehtnichtmehr“. Und das hätten auch manche Eltern gewusst. Böhe habe einige Schüler zudem psychisch gequält und vorgeführt, zum Beispiel wenn jemand unehelich geboren war.

Pfarrer Anton Böhe machte den Eindruck eines würdigen Herrn, doch regelmäßig soll er aus seiner Rolle gefallen sein. Foto: Archiv Heimatfreunde Malsch

© pr

Pfarrer Anton Böhe machte den Eindruck eines würdigen Herrn, doch regelmäßig soll er aus seiner Rolle gefallen sein. Foto: Archiv Heimatfreunde Malsch

Brief aus Spanien löst Debatte aus

Ein weiteres Mitglied der Heimatfreunde, Rainer Walter, 1944 zur Welt gekommen, wohnte als Steppke direkt bei der Kirche. Eines Nachmittags spielten die Nachbarskinder im Kirchhof, als der Pfarrer erschien. Die Älteren konnten abhauen, aber einen Drei- bis Vierjährigen habe Böhe dermaßen geohrfeigt, so Walter, dass es den Jungen gegen die Kirchenmauer geschleudert habe. Rainer Walter selbst holte sich eine kräftige Backpfeife, als er einmal beim Vier-Uhr-Läuten ein paar Minuten zu spät dran war. Für den Läutedienst erhielt er vom Messner 50 Pfennige in der Woche.

Beide Männer versichern, dass es in Malsch viele gebe, die ähnliche Geschichten berichten könnten. Nicht nur dort: Dass sie jetzt davon erzählen, hat ein Brief aus Spanien ausgelöst. Joe Degado hat ihn an Bürgermeister Elmar Himmel und die Gemeinderäte geschickt. Joe Degado ist ein Künstlername, bürgerlich heißt der 56-Jährige Joachim Nies. Der gebürtige Malscher schildert darin etliche weitere Beispiele von Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen. Besonders drastisch: Pfarrer Böhe habe einem Schüler im Wortsinn die Ohren lang gezogen, der Junge habe einige Sekunden in der Luft geschwebt. In seinem Schreiben fordert Degado die politisch Verantwortlichen dazu auf, Anton Böhe die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen.

Gemeinderat beschäftigt sich mit Vorwürfen

Dazu bedarf es in Malsch einer Zweidrittelmehrheit des Gemeinderats, so steht es in den Richtlinien über die Ehrung verdienter Persönlichkeiten. Tatsächlich hätten sich Gemeinderat und Ältestenrat bereits hinter verschlossenen Türen mit der Sache beschäftigt, berichtet Hauptamtsleiter Heribert Reiter auf Nachfrage des BT. Zu einem Ergebnis, das man öffentlich machen könne, sei man noch nicht gekommen. „Das geistige Klima war damals ein anderes“, sagt Reiter, der Böhe selbst als Kommunionkind erlebt hat. Dem Zeitgeist müsse man einerseits Rechnung tragen, andererseits sei er keine Entschuldigung. Kinder zu schlagen sei heute wie damals falsch. Man wolle den Vorwürfen weiter gewissenhaft nachgehen. So habe das Rathaus Erkundigungen beim Erzbischöflichen Ordinariat eingeholt, wo allerdings nichts Einschlägiges über Pfarrer Böhe aktenkundig sei.

Aus „Böhe“ wird mitunter „Böse“

Auch eine Anton-Böhe-Straße gibt es in Malsch. Manfred Rubel erzählt, dass das „h“ auf dem Straßenschild bisweilen zum 1. Mai schon durch ein „s“ überklebt wurde. So wurde daraus: Anton-Böse-Straße. „Das haben sicher keine Kinder gemacht“, ist er überzeugt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Sebastian Linkenheil

Zum Artikel

Erstellt:
30. April 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 54sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte

Jörg Vins 02.05.202119:51 Uhr

Mir scheint die Überschrift falsch gewählt:
Der Fokus liegt bei „Malscher Ehrenbürger soll Kinder mißhandelt haben“ doch auf einem ehemals gewaltbereiten, jetzt aber toten Pfarrer.
Die Geschichten um den schlagenden Pfarrer Anton Böhe hat man schon vor 35 Jahren und davor offen (!) in Malsch erzählt.
Der Fokus sollte aber auf den Gemeinderät*innen liegen, die Böhe wieder besseres Wissen zum Ehrenbürger bzw. zum Träger eines Straßennamens gemacht haben.
Es ist leichter einen prügelnden Pfarrer anzuklagen, der heute tot ist, als ihm ins Angesicht seiner Unzulänglichkeit hinein zu widerstehen. In der Sonne von vermeintlichen Honoratioren lässt man sich gern mal blenden, hoffend man wird auch ein bißchen gewärmt - wenn alles gut geht....


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.