„Man muss einfach weitermachen“

Baden-Baden (naf) – Michael Holz ist vor 5 Jahren an Brustkrebs erkrankt. Im Gespräch mit dem BT erzählt er wie die für Männer sehr seltene Krankheit sein Leben veränderte.

Mithilfe der Mammografie können Ärzte die Brust – hier bei einer Frau – genauer untersuchen. Auch bei Auffälligkeiten im Gewebe eines Mannes kann so abgeklärt werden, ob es sich um Krebs handelt.Foto: Friso Gentsch/dpa

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Mithilfe der Mammografie können Ärzte die Brust – hier bei einer Frau – genauer untersuchen. Auch bei Auffälligkeiten im Gewebe eines Mannes kann so abgeklärt werden, ob es sich um Krebs handelt.Foto: Friso Gentsch/dpa

Das Leben hat es Michael Holz alles andere als leicht gemacht. Trotzdem sitzt der Familienvater an diesem Vormittag mit einem Lächeln im Gesicht an seinem Küchentisch. „Das Leben geht weiter, vielleicht sogar schöner als vorher“, sagt er. Mit „vorher“ ist die Zeit vor 2016 gemeint, vor der erschütternden Diagnose: Brustkrebs. Jährlich erkranken deutschlandweit rund 700 Männer an der häufigsten Krebserkrankung für Frauen – wenige Fälle, die wenig Aufmerksamkeit erhalten.

„Man fällt aus allen Wolken“, erzählt Holz von dem Moment, als für kurze Zeit eine Welt für ihn zusammengebrochen ist. „Und dann auch noch Brustkrebs.“ Behandelt wurde er im Brustzentrum der Frauenklinik in Balg, „ein komisches Gefühl für einen Mann“, erinnert er sich zurück.

„Es war auch für was gut“

„Doch ich habe es einfach angenommen“, sagt der Baden-Badener heute. Man wollte ja weiterleben, das Beste aus der Situation machen und durchhalten – auch für seine zwei Töchter. 2012 haben sie bereits ihre Mutter verloren, und Holz seine Ehefrau. „Wir haben uns gegenseitig aufgefangen“, erzählt er. Trotzdem bedeutet ein solcher Schicksalsschlag viel Stress – der sich auch auf den Körper auswirkt. Bei seinem Hörsturz, dem ersten physiologischen Anzeichen dafür, dass wohl doch alles zu viel ist, „da habe ich es noch nicht verstanden“. Dann kam der Krebs. „So schlimm wie das alles war, es war auch für was gut“, ist sich Holz mittlerweile sicher. „Du veränderst dein Leben und dein Bewusstsein.“

Montags kam die Diagnose, am Mittwoch wurde operiert. Die Ärzte mussten neben dem Tumor auch 13 Lymphknoten entfernen. Holz zeigt auf die Armkompresse über seinem rechten Handgelenk. Im wöchentlichen Takt wird er sein Leben lang eine Lymphdrainage brauchen.

2016 erhält Michael Holz die Diagnose Brustkrebs. Sein Leben hat sich seither grundlegend verändert. Foto: Céline Holz

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2016 erhält Michael Holz die Diagnose Brustkrebs. Sein Leben hat sich seither grundlegend verändert. Foto: Céline Holz

Nach der Operation folgten Chemo-, Strahlen-, Antikörper- und Hormontherapien. „Das hat seine Spuren hinterlassen“, sagt Holz. Neben der Chemo habe vor allem die Hormontherapie – ursprünglich auf den weiblichen Körper abgestimmt – „mir sehr zu schaffen gemacht“, sagt er. Eineinhalb Jahre lang ging gar nichts mehr. Danach folgte eine Lungenentzündung nach der anderen, die Augen wurden schlechter und so langsam fing auch die Psyche an zu leiden. Nicht nur Krankheit samt Nebenwirkungen beschäftigten den Familienvater: „Der Papierkrieg macht einen wahnsinnig und auch finanziell ist es knapp“, erzählt er. „Aber welche andere Chance hat man? Man muss einfach weitermachen.“

Holz ist nicht der erste Mann, den diese Gedanken begleiten. Dass bei Brustkrebs oft ausschließlich an Frauen gedacht wird, macht es nicht einfacher. „Brustkrebs beim Mann ist in der Bevölkerung in weiten Teilen unbekannt“, weiß Peter Jurmeister. Vor vielen Jahren ist auch er einer der wenigen Erkrankten gewesen, heute will er Männer unterstützen, die dasselbe durchmachen. War Anfang der 2000er noch der Verein „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ der einzige Ansprechpartner für Betroffene, wurde 2009 das Netzwerk „Männer mit Brustkrebs“ gegründet. Jurmeister – mittlerweile Vorsitzender – war von Anfang an dabei. „Wenn man im Gesundheitswesen gehört werden will, muss man als Gruppe auftreten“, sagt er. Und gehört zu werden, sei wichtig. Aufmerksamkeit kann Leben retten. Denn nicht nur Laien müsse man für die Erkrankung beim Mann sensibilisieren. „Ich habe selbst Fälle erlebt, in denen jemand mit Knoten in der Brust schon zum Arzt gegangen ist, dieser aber nicht reagierte. Über Monate, sogar Jahre wurde der Erkrankte nicht behandelt“, erzählt Jurmeister.

Todesfälle, die man vermeiden könnte

Das Problem: So etwas wie die Vorsorgeuntersuchung bei der Frau gibt es beim Mann nicht. Obwohl die Prognose verhältnismäßig günstig sein kann – wenn der Krebs im Frühstadium entdeckt wird. „Das ist der Grund dafür, warum Männer generell eine schlechtere Prognose haben“, so der Vorsitzende. Während die Zehn-Jahre-Überlebensrate erkrankter Frauen bei rund 82 Prozent liegt, haben Männer eine Rate von 72 Prozent. 28 Prozent von ihnen überleben das Jahrzehnt nach der Diagnose nicht, zehn Prozent mehr als bei den weiblichen Brustkrebskranken – Todesfälle, die man vermeiden könnte.

„Den Fachgesellschaften ist oft gar nicht bewusst, wie problematisch es überhaupt sein kann, in Behandlung zu kommen“, stellt Jurmeister fest. Fachärzte speziell für den männlichen Brustkrebs gebe es keine. Zentren, in denen die Krankheit behandelt wird, sind normalerweise an Frauenkliniken angegliedert – die wiederum oft eine Überweisung des Gynäkologen verlangen. „Da fängt die Odyssee des Mannes an“, sagt der Vorsitzende. Nicht nur eine gewisse Scheu vor dem Besuch beim Frauenarzt sei problematisch, einige Praxen wären verunsichert und würden prinzipiell keine Männer behandeln. Lange war unklar, ob Krankenkassen Gynäkologen diese Leistung überhaupt bezahlen. „Seit einigen Jahren ist das dank einer Petition im Landtag aber geklärt“, so Jurmeister.

Nach handfesten Studien über die Behandlung speziell beim Mann suche man indes vergebens. „Man weiß, dass die Behandlung auch funktioniert. Ob im gleichen Maße, das weiß man nicht.“ Auch über eventuelle Nebenwirkungen sei noch viel zu wenig bekannt. „Man braucht eben eine gewisse Anzahl von Probanden für solche Studien“, weiß er. Von den jährlich 700 gehen nicht alle so offen mit ihrer Krankheit um wie Holz.

Über die Balger Klinik, die während der Zeit „wie eine zweite Heimat“ für den Familienvater wurde, kann dieser indes nur Gutes sagen. Nach fünf krebsfreien Jahren gilt er nun als geheilt. „Der Krebs ist weg und die Therapie ist weg“, fasst er zusammen, „dafür bleiben aber andere Dinge, die kann man nicht mehr heilen.“ Wenn der 60-Jährige etwas aus den vergangenen Jahren gelernt hat, dann ist es, auf sich selbst zu achten. Sobald der Stress zu groß wird, fährt sein Körper wieder herunter.

Die Hormontherapie hat er vor wenigen Wochen beendet. In das Gefühl der Erleichterung mischt sich jedoch auch Angst und eine Frage: „Was passiert jetzt?“ Die Nachsorge wird erst einmal zur Vorsorge, auch die andere Brust bleibt im Blick. Es sei nicht jeden Tag einfach – aber Holz ist mit der Situation gewachsen. Und jeder Spaziergang, jeder gemeinsame Tag mit seinen Töchtern zeige ihm ganz deutlich: „Das Leben geht weiter, vielleicht sogar schöner als vorher.“


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