Mannheimer Schillertage spüren dem Freiheitsideal nach

Mannheim (cl) – Ideale zur Krisenbewältigung: Die 21. Mannheimer Schillertage gehen ab 17. Juni der Bedeutung von Schillers Dramen in der darstellenden Kunst heute nach – digital und im Stadtraum.

Friedrich Schiller – hier ein Stich nach einem Gemälde von Simenowitz – war 1783 der erste Hausautor am Nationaltheater Mannheim.  Foto: dpa

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Friedrich Schiller – hier ein Stich nach einem Gemälde von Simenowitz – war 1783 der erste Hausautor am Nationaltheater Mannheim. Foto: dpa

Die Schillertage Mannheim gehören zu den wichtigsten Theaterfestivals im deutschsprachigen Raum. Noch immer halten sie den Freiheitsgedanken und den wachen Blick für die großen Werte der Menschheit hoch, den ihr Namensgeber vor rund 240 Jahren mit theatralischem Schwung und heute noch wirksamen Theatereffekten einsetzte. Auch wenn sich das Festival seit den Tagen, als Friedrich Schiller am Nationaltheater Mannheim wirkte, vom Schauspiel längst zu neuen Theaterformen, hin zu Kurzfilmen und Performances geöffnet hat.

Die 21. Internationalen Schillertage bespielen vom 17. bis 27. Juni auch den digitalen Raum. Die Festivalinszenierungen (24 Gastspiele mit sieben Auftragswerken) werden überwiegend online über den „Schillerstream“ gezeigt, es gibt aber auch Projekte und interaktive Installationen im öffentlichen Raum. „Die Chancen stehen nicht schlecht, dass im Juni Live-Veranstaltungen vor Ort möglich sind“, sagte Mannheims Schauspiel-Intendant Christian Holtzhauer bei einer Video-Konferenz. Vorsorglich wird der „NTM-Park“ vor dem Nationaltheater mit Bühnen fürs Liveerlebnis ausgestattet. Für den digitalen Auftritt hat die Stadt Mannheim ihrem Nationaltheater 20.000 Euro extra genehmigt, um Kooperationen des Festivals mit Theaterschaffenden aus Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien, Rumänien, Indien wie China online verknüpfen zu können.

Noch immer gehört Deutschlands größter Dramatiker – und zusammen mit Goethe bedeutendster Repräsentant der deutschen klassischen Dichtung – zum festgefügten Kanon bewährter Klassiker auf den deutschsprachigen Bühnen. Regelmäßig befinden sich Schiller-Dramen unter den meistbesuchten Theaterstücken hierzulande, in Österreich und der Schweiz. Aber darüber hinaus ist Schillers Werk in Europa, den USA und Asien kaum präsent. Selbst bei Stadtführungen an Schillers großer Wirkungsstätte Weimar – so stellt sich oft genug heraus – ist der Klassiker Gästen aus dem angloamerikanischen Raum nicht so bekannt wie das Bauhaus.

Live-Veranstaltungen im „NTM-Park“ geplant

Herauszufiltern, was von Schillers Ideen und Idealen heute noch brauchbar sei, gehöre zu den ersten und wichtigsten Aufgaben der Schillertage, erklärt der Mannheimer Schauspiel-Intendant. Schließlich habe das zu Schillers Zeiten als modernes Vorzeige-Theater etablierte Nationaltheater den jungen radikalen Theaterdichter 1783 als ersten Hausautor verpflichtet. Mit seinem frühen revolutionären Freiheitsdrama „Die Räuber“ über zwei feindliche, vaterfixierte Brüder und Gesinnungstäter, das der junge Dramatiker vor 240 Jahren noch im Selbstverlag drucken ließ, gab Schiller in Mannheim seinen Einstand. Die ungenehmigte Reise zur Uraufführung am Nationaltheater am 13. Januar 1782 brachte dem dichtenden Stuttgarter Regimentsmedikus neben einem triumphalen Erfolg daheim Arrest ein. Legendär ist „Schillers Flucht“ vor Herzog Karl Eugen von Württemberg ein halbes Jahr später in die Kurpfalz. Nur zwei Jahre weilte Schiller in und um Mannheim herum, wo auch sein Historiendrama „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ herauskam. Sein bürgerliches Trauerspiel „Kabale und Liebe“ (1784) wurde fertig, aber in Frankfurt uraufgeführt. 1785 verließ Schiller Mannheim, finanziell war die Zeit für ihn ein Desaster, das Verhältnis zum damaligen Mannheimer Intendanten Dalberg spannungsreich, der Dichter trotz Jahresvertrags schlecht bezahlt; seinen Schaffensdrang bremste aber selbst die Ansteckung mit Malaria, damals „kaltes Fieber“ genannt, nicht aus. Als die „Jungfrau von Orleans“ dann vor rund 220 Jahren im für ihn viel erfreulicheren Leipzig aufs Theater kam, war Schiller bereits etabliert, in Weimar lebend und Professor in Jena.

Aufruf zum Zusammenhalt frei nach der „Jungfrau von Orleans“

Das Leitmotiv nahezu aller Dramen Schillers ist die Idee der Freiheit als sittliches Postulat der Menschenwürde. „Seine Ideen ins Verhältnis zu setzen zum Kunstschaffen unserer Zeit“, das wollen die Schillertage 2021 laut Holtzhauer auch mit internationaler Vernetzung leisten. Ausgehend von Schillers „Jungfrau von Orleans“, das zur Festivaleröffnung am 17. Juni in einer Bearbeitung der polnischen Regisseurin Joanna Bednarczyk gezeigt wird, lautet das Motto der Schillertage „zusammen“ – ein Aufruf dazu, der nicht nur pandemiebedingten gesellschaftlichen Vereinzelung wieder mehr Gemeinschaftssinn folgen zu lassen. Johanna gelingt es bekanntlich, die verfeindeten französischen Truppen zusammenzuführen, um für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Mit dem heutigen Blick auf die von Gott beseelte, romantische Kriegerin stellt sich für Bednarczyk auch die Frage, ob die Emanzipation immer kriegerisch sein muss? In der Instagram-Performance ist Johanna „jeanne dark“. Ebenfalls inspiriert von der „Jungfrau“ spüren die Londoner Chris Thorpe und Javaad Alipoor in „Made of Mannheim“ der Geschichte der Stadt und der Stadtgesellschaft heute nach.

Das Deutsche Theater Berlin zeigt „Maria Stuart“, das Nationaltheater Weimar den „Wilhelm Tell“. Das Hamburger Thalia-Theater hat unter dem Titel „Ode an die Freiheit“ Motive aus „Kabale und Liebe“, „Maria Stuart“ wie „Wilhelm Tell“ als eigenständige Theater-Filme inszeniert. Während Regisseurin Leonie Böhm im Frauenstück „Räuberinnen in kollektiver Arbeitsweise“ die Wirksamkeit von Schillers Philosophie weiter untersucht. Allesamt im Schiller-Modus.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
22. Mai 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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