Margret Mergen: „Ich gehöre nicht zu den Schwarzsehern“

Baden-Baden (hez/nof) – Oberbürgermeisterin Margret Mergen hofft auf die Wiederbelebung der Stadt im Sommer. Im Interview mit den Redakteuren Nico Fricke und Henning Zorn verrät sie noch einiges mehr.

Oberbürgermeisterin Margret Mergen im Gespräch mit den BT-Redakteuren Henning Zorn (Mitte) und Nico Fricke. Foto: Barbara Wersich

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Oberbürgermeisterin Margret Mergen im Gespräch mit den BT-Redakteuren Henning Zorn (Mitte) und Nico Fricke. Foto: Barbara Wersich

Die Corona-Pandemie hat Baden-Baden schwer getroffen. Über die aktuelle Lage und die Hoffnung auf Licht am Ende des Tunnels für 2021 haben sich die BT-Redakteure Henning Zorn und Nico Fricke mit Oberbürgermeisterin Margret Mergen unterhalten.

BT: Frau Mergen, was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis im Corona-Jahr 2020?

Margret Mergen: Tief erschüttert, aber auch beeindruckt hat mich schon beim ersten Lockdown, wie still und leer die Stadt auf einmal geworden ist. Als würde alles in einem Dornröschenschlaf versinken. Geholfen hat uns damals das Wetter. Aber es war eine merkwürdige Empfindung: Die Sonne strahlt, Vögel zwitschern, aber man weiß: Eigentlich befindet sich die Stadt gerade in einer Schockstarre.

BT: Wie hat Corona die Arbeit der Verwaltung verändert?

Mergen: Die große Unsicherheit war, wie mit diesem Virus umzugehen ist. Wir hatten Pandemiepläne für alle Abteilungen der Verwaltung. Aber eine Pandemie solchen Ausmaßes haben wir alle noch nicht erlebt und auch nicht für möglich gehalten. Wir kennen das nur aus Geschichtsbüchern. Als erste Vorsichtsmaßnahme haben wir versucht, möglichst viele Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Das war damals noch nicht so verbreitet wie heute. Die größte Herausforderung bestand darin, erst einmal die technischen Voraussetzungen zu schaffen. Ein Vorteil war, dass wir in der Verwaltung schon zuvor vieles digitalisiert hatten. So konnten recht schnell etwa 50 Prozent der Mitarbeiter von zuhause aus arbeiten. Auch ich selbst war zum ersten Mal in meinem Leben im Homeoffice.

Homeoffice bei der Waschmaschine

BT: Wie hat das geklappt?

Mergen (lacht): Da mein Mann auch von zuhause aus gearbeitet hat, mussten wir uns ein bisschen die Arbeitsplätze teilen – und die Datenleitung. Die Vernetzung war zu dem Zeitpunkt noch nicht so, dass ich vom Wohnzimmer aus arbeiten konnte. Ehrlich gesagt: Den besten Empfang hatte ich teilweise bei der Waschmaschine. So war mein erster Arbeitsplatz in einem schönen, lichtdurchfluteten Zimmer auf der Waschmaschine. Das hat super geklappt.

Lichtblick: OB Mergen ist guter Dinge, dass der Tourismus zur Jahresmitte wieder in Schwung kommt. Foto: Monika Zeindler-Efler

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Lichtblick: OB Mergen ist guter Dinge, dass der Tourismus zur Jahresmitte wieder in Schwung kommt. Foto: Monika Zeindler-Efler

BT: Wie schnell kommt Baden-Baden auf die Beine, wenn die Corona-Krise irgendwann vorbei ist?

Mergen: Das braucht eine ganze Weile, weil die Unsicherheit andauern wird. Ganz besonders beim internationalen Tourismus. Der wird erst zeitverzögert einsetzen. Ich hoffe aber sehr auf den inländischen Tourismus ähnlich wie im zurückliegenden Sommer. Da haben sich viele Menschen auf die schönen deutschen Urlaubsziele besonnen. Da haben wir natürlich viele Stärken in Baden-Baden. Und über unsere Marketingaktivitäten im Sommer haben wir auch gut Werbung für uns machen können. Ich fürchte, im ersten Quartal 2021 wird noch nicht viel möglich sein, hoffe aber, dass im zweiten Quartal wieder ein großes Stück Normalität eintritt und ab dem kommenden Sommer auf einen Effekt, wie wir ihn 2020 auch hatten.

BT: Wie sieht es beim Einzelhandel aus?

Mergen: Ich sehe mit großer Sorge, dass viele Einzelhändler schließen oder schon geschlossen haben. Ich habe mit einigen gesprochen. Das lag zum Teil daran, dass die Vermieter nicht bereit waren, bei der Miete noch weiter entgegenzukommen. Das ist natürlich bitter. Wenn ein Einzelhändler sich dazu entschließt, sein Metier aufzugeben, wird es sehr schwierig, jemanden zu finden, der da wieder einsteigt. Baden-Baden ist abhängig vom internationalen Tourismus. Nur von der eigenen Bevölkerung kann der Handel mit der Ausprägung, wie wir sie haben, nicht leben.

BT: Der Schuldenberg wächst. Was kann sich die Stadt künftig noch leisten?

Mergen: Wir versuchen, die Personal- und Sachkosten nicht zu steigern, und mit Augenmaß die Dinge auf den Prüfstand zu stellen, die nicht dringend notwendig sind. Ich unterscheide dabei zwischen notwendig, nützlich und wünschenswert. Das Wünschenswerte muss zunächst beiseitegestellt werden, beim Nützlichen kommt es auf den Einzelfall an.

BT: Was könnte zur Disposition stehen?

Mergen (überlegt): Ein Beispiel könnten die Vitalisierungsmaßnahmen für die Mammutbäume sein. Die Pflege ist sicher wichtig, aber nicht so existenziell wie die Sanierung einer Brücke, die bereits eine hohe Schadensklasse aufweist, wie die Fieser-Brücke.

Impfung: „Ich vertraue der Medizin“

BT: Und in Baden-Baden fänden sich bestimmt private Sponsoren, die sich um die Bäume kümmern?

Mergen: Ja. In diesen Bereichen wäre ich wirklich dankbar für Unterstützung – auch für soziale und kulturelle Dinge. Wir bekommen zum Glück immer wieder Anfragen von Spendenwilligen.

BT: Die Impfzentren sind in Vorbereitung. Viele Menschen sagen, sie wollen sich erst mal nicht spritzen lassen. Lassen Sie sich den Pieks geben?

Mergen: Ja. Wenn ich an der Reihe bin, lasse ich mich impfen. Ich vertraue der Medizin und nehme lieber den Schutz durch den Impfstoff, vielleicht mit einigen Unwägbarkeiten, als dass ich das Risiko einer Corona-Infektion eingehe.

BT: Mit der Corona-Krise haben viele Unternehmen das Homeoffice für ihre Mitarbeiter entdeckt. Vielleicht auch für die Zeit danach. Braucht es unter diesen Vorzeichen neue Gewerbeflächen – Stichwort „Urbanes Gebiet Aumatt“?

Mergen: Wir wollen auch in den nächsten 20 Jahren eine stetig wachsende wirtschaftliche Entwicklung in Baden-Baden. Noch vor 20, 30 Jahren war die Stadt kein richtiger Wirtschafts- sondern ein ausgeprägter Kur- und Bäderstandort. Hätte sich Baden-Baden auf diese Rolle beschränkt, würde die Stadt heute finanziell ausgesprochen schlecht dastehen. Im Schnitt 50 Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen sind in den vergangenen Jahren nur möglich gewesen, weil Gewerbegebiete ausgewiesen wurden. Aber ja: Die Wirtschafts- und Arbeitswelt wird sich weiter verändern. Die Grenzen zwischen Arbeit und Wohnen werden vor allem im Dienstleistungsbereich fließender. Das passt wunderbar in das geplante „Urbane Gebiet Aumatt“. Ich glaube, wir täten gut daran, dort moderne Bürowelten anzubieten. Mit Wohnungen in der Nähe, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wir könnten dadurch auch Pendlerströme reduzieren. Und ich glaube auch, dass es wichtig ist, nicht nur im Homeoffice zu arbeiten. Wir sind kommunikative Wesen. Wir wollen Gesellschaft und den direkten Kontakt mit den Kollegen.

Auch das Babo-Hochhaus, der Europ und das Neue Schloss sind Themen, auf die Margret Mergen im Interview eingeht. Foto: Barbara Wersich

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Auch das Babo-Hochhaus, der Europ und das Neue Schloss sind Themen, auf die Margret Mergen im Interview eingeht. Foto: Barbara Wersich

BT: Und die Investoren stehen noch parat?

Mergen: Ja, aber das Projekt verzögert sich auf der Zeitachse, schlicht und einfach, weil auch dort die Ungewissheit über die weitere Entwicklung groß ist. Ich bin aber zuversichtlich, weil sich die deutsche Wirtschaft auch während des Corona-Jahres als recht robust erweist. Ich gehöre nicht zu den Schwarzsehern. In voraussichtlich ein, zwei Jahren wird es eine neue Dynamik geben, die verlangt, dass wir innenstadtnahe Möglichkeiten zum Wohnen und Arbeiten anbieten. Deshalb finde ich das „Urbane Gebiet Aumatt“ hochspannend.

BT: Der Tourismus hat besonders unter der Corona-Krise zu leiden. Doch es kommen auch wieder andere Zeiten. Bei welchem der drei Hotel-Projekte Neues Schloss, Europ und Babo-Hochhaus glauben Sie an eine Realisierung?

Mergen: Ich habe den Eindruck, dass die Eigentümerin des Neuen Schlosses dieses Objekt unbedingt Stück für Stück auf Vordermann bringen möchte, um letztlich doch ein Hotel zu verwirklichen. Sie ist wieder häufiger da und hat verstärkt Aktivitäten in diese Richtung entwickelt. Seit einem Jahr laufen wieder regelmäßige Abstimmungsrunden mit der Eigentümerin, ihrem Team und dem von ihr beauftragten Architekten, Prof. Bernhard Kogel. Die Eigentümerin möchte das Hotel im Schloss unterbringen, was vom Landesdenkmalamt wohl positiv bewertet wird, weil das Gebäude nicht besser wird, wenn es leer steht. Die Herausforderung bleibt die Frage der Finanzierung. Dazu ist wohl ein ergänzendes Gebäude notwendig. Darum wird nun gerungen.

BT: Beim Europäischen Hof sind die Bauarbeiter schon lange abgerückt.

Mergen: Im Frühjahr gab es vielversprechende Gespräche mit potenziellen Investoren. Doch mit Corona hat sich die Erwartungshaltung in der Hotelbranche verändert. Im Moment ist es schwierig, Investoren zu finden, sodass wir dort im Moment leider einen Stillstand und noch keine Perspektive haben, wie es weitergehen kann. Das ist mehr als bedauerlich, denn die Immobilie steht im Herzen der Stadt. Für Baden-Baden ist es aber extrem wichtig, dass im Europ wieder Leben einzieht. Beim Babo-Hochhaus wiederum habe ich den Eindruck, dass die Immobilie so speziell ist, dass sie für Hotel- und Wohnnutzung ausscheidet und für Büros zu teuer wäre. Mangels Wirtschaftlichkeit wird dort wohl keine Nutzung einziehen. Deshalb habe ich auch schon mal den Gedanken an einen Abriss ins Spiel gebracht. So darf in Karlsruhe das denkmalgeschützte Hochhaus des heutigen Landratsamts auch abgerissen werden. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. So leid mir das für das denkmalgeschützte Gebäude tut. Aber das ist die Lebenswirklichkeit.

BT: Was steht 2021 auf dem Programm?

Mergen: Am Thema Wohnraumförderung arbeiten wir weiter, die Sanierung von Schulen und Straßen steht auf dem Programm und die Wirtschaftsförderung. Die vierte große Linie ist der Tourismus, der genetische Code Baden-Badens, der sich über 2.000 Jahre entwickelt hat: Da könnte ein positiver Effekt unsere Unesco-Weltkulturerbe-Bewerbung sein. Mit einer Entscheidung rechnen wir Anfang Juli – wenn das Komitee in China tagen kann.

Erneute Kandidatur noch offen

BT: Der Posten des Stadtoberhaupts ist im März 2022 neu zu vergeben. Was planen Sie? Treten Sie zur Wahl an?

Mergen (lacht): Da ist es für eine Antwort noch zu früh. Wir haben so viele Herausforderungen zu bewältigen. Ich bin eher ein pragmatischer Mensch und möchte mich jetzt mit aller Kraft um die Bewältigung der Corona-Krise, die Finanzen und die zahlreichen Bauprojekte kümmern. Über Ihre Frage reden wir dann in einem Jahr.

BT: Welchen privaten Wunsch erfüllen Sie sich zuerst, wenn die Krise vorbei ist?

Mergen: Ganz schlicht und einfach: Ich würde einige Menschen unglaublich gerne umarmen.

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Erstellt:
28. Dezember 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 46sec

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