Margret Mergen über die Zukunft von Baden-Baden

Baden-Baden (up) – Für Oberbürgermeisterin Margret Mergen ist die Energiewende in Baden-Baden grundsätzlich auf einem guten Weg. Potenzial sieht sie für Fotovoltaikanlagen.

Margret Mergen hält die Bewegung „Fridays for Future“ für gut und wichtig. Foto: Ulrich Philipp

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Margret Mergen hält die Bewegung „Fridays for Future“ für gut und wichtig. Foto: Ulrich Philipp

Oberbürgermeisterin Margret Mergen sieht die Energiewende in Baden-Baden grundsätzlich auf einem guten Weg. Im Gespräch mit dem BT sagte die Diplom-Geografin, „die Richtung stimmt, die Geschwindigkeit aber noch nicht“. Die Ziele für 2020 werden teilweise deutlich nicht erreicht, deshalb wurde der Klimaaktionsplan überarbeitet.

„Energetische Sanierungen und die vermehrte Nutzung von regenerativer Energie bilden jetzt die beiden Schwerpunkte“, so Mergen. „Wir haben in Baden-Baden viel historische Bausubstanz, deren Heizungen mit Öl oder Gas betrieben werden“, für die Umstellung auf alternative Energieformen können Hausbesitzer Zuschüsse von der Stadt erhalten. Mehr Fotovoltaikanlagen auf den Dächern zu installieren ist in der Kurstadt wegen der zahlreichen Sonnenstunden sinnvoll, so Mergen, deshalb verpflichtet die Landesbauordnung Bauherren, auf öffentlichen und gewerblichen Gebäuden verstärkt solche Anlagen aufzubauen.

Fotovoltaikpflicht in Überlegung

Auf dem Lagergebäude für den Theater-Fundus im Juvena-Areal wurde dies beispielsweise umgesetzt. „Wir überlegen, ob wir jetzt zusätzlich bei Neubauten im privaten Bereich ebenfalls eine Fotovoltaikpflicht aufnehmen. Der Bauausschuss wird dies sicher diskutieren“, so die OB. Auch auf den zahlreichen Seen in der Region sieht die OB – sofern sie nicht als Badeseen genutzt werden – Potenzial zur Installation von Fotovoltaikanlagen. „Warum auch nicht in diese Richtung denken?“, fragt sie. Angesprochen auf das Thema Windkraft sagte sie: „Ich bin grundsätzlich dafür, diese Form der Energiegewinnung nach wie vor nicht auszuschließen. Die Frage ist nur, wo sind geeignete Standorte und was für eine Technik wird hier verwendet?“

Sie selbst war zeitweise auch in das Thema Geothermie eingebunden. „Der Oberrheingraben bietet aufgrund der vorherrschenden Gesteinsformationen gute Voraussetzungen“, sagt sie mit Blick auf das Baden-Badener Thermalwasser, das mit einer Temperatur von etwa 68 Grad aus 2 000 Metern Tiefe kommt. „Zwar gibt es da noch viele offene Fragen, die Forschung ist hier noch nicht durch, aber das wäre natürlich ideal, wenn man aus der eigenen Kraft der Erde Energie ziehen könnte.“ Beim Thema Wasserkraft gerät Mergen ins Schwärmen über das kleine Wasserkraftwerk an der Geroldsauer Mühle.

Nutzung von Biomasse „nicht erste Wahl“

Zu weiteren regenerativen Energien gehört auch die Nutzung von Biomasse. Dazu gibt es in Bayern erfolgreiche Beispiele dezentraler Anlagen, die teilweise ganze Dörfer mit Energie versorgen. „Wir sind hier allerdings in einer Region, in der wir Sonderkulturen ermöglichen, angefangen vom Wein über Spargel bis hin zu Erdbeeren. Biomassekraftwerke brauchen andere landwirtschaftliche Anbauten, zum Beispiel Mais oder Elefantengras. Deshalb ist diese Form der Energiegewinnung für unsere Raumschaft auch nicht unsere erste Wahl.“ Was aus den städtischen Wäldern an Holz zu Holzschnitzeln verarbeitet werden kann, wird aber in einer entsprechenden Heizungsanlage im Bereich Briegelacker verwendet.

Einen Wandel sieht Mergen im Bereich der Baustoffe, auch hier geht der Trend zu regenerativen Materialien wie beispielsweise Holz. „Es hat sich gezeigt, dass man mit Holz auch hoch bauen kann und einige Holzbauten sogar feuerbeständiger sind als mancher Stahlbau“, erklärt Mergen. Für Baden-Baden mit seiner Nähe zum Schwarzwald bestehen daher in diesem Bereich gute Möglichkeiten.

„Wir sind keine Fahrradstadt“

Grenzen erkennt Mergen bei der Förderung des Fahrradverkehrs in der Kurstadt. „Karlsruhe und Münster haben hier deutlich zugelegt in den letzten Jahren. Beide Städte sind kreisrund und flächig, Baden-Baden dagegen ist lang gezogen und umgeben von Bergen, das heißt, von der topografischen Lage her sind wir keine prädestinierte Fahrradstadt“, analysiert die OB. Ein zweites Argument gegen die Priorisierung des Fahrradverkehrs ist – so Mergen – dass die Kurstadt mit ihren Läden weitgehend vom Tourismus lebt. Kaufkräftige Kunden unter den pro Jahr mehr als einer Million Touristen aus der ganzen Welt, „kommen definitiv nicht mit dem Fahrrad“, stellt Mergen klar.

Sie sieht im Bereich der Mobilität jedoch andere Entwicklungsmöglichkeiten, und zwar bei der bislang herrschenden Trennung von Wohnen und Arbeiten. „Moderne Büros verbinden sich in der Zukunft immer mehr nahtlos mit Wohnwelten, dies hat sich in der Diskussion ‚Urbanes Gebiet Aumatt‘ gezeigt“, sagt Mergen. Das bedeutet, dass es in Zukunft zunehmend weniger Pendlerverkehr geben wird. „Gerade bei großen Distanzen werden die Menschen vermehrt die Online-Kommunikation nutzen“, prognostiziert sie. Chancen sieht sie auch bei der Nutzung von Elektromobilität „on demand“, also der Nutzung von elektrisch betriebenen Fahrzeugen „bei Bedarf“, die den herkömmlichen Busverkehr zu festgelegten Zeiten ablösen können.

Schnee-Melder lässt Räumungsdienst ausrücken

„Diese Bewegung finde ich wichtig und gut“, antwortet Mergen, als das Gespräch auf die Bewegung„Fridays for Future“ kommt, der auch Schüler der Kurstadt angehören, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Sie selbst habe sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt, als zu Beginn der 70er Jahre der Bericht des Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“ in den westlichen Industrienationen für Aufsehen sorgte. Dessen Botschaft war: Erdöl ist endlich und nur begrenzt verfügbar, genau wie die Möglichkeiten zur Sicherung der Welternährung. Andererseits beruhen unser Wohlstand und unser medizinischer Fortschritt auf globalen Verflechtungen, „das wird in dieser Komplexität oft nicht gesehen“, glaubt Mergen zu beobachten. „Viele Nahrungsmittel beziehen wir eben nicht mehr aus unserem eigenen Garten, sondern aus ganz Europa und teilweise weltweit.“ Das Gleiche gilt für bei uns verwendete Elektronik, die aus Asien kommt, so Mergen.

Im Bereich Digitalisierung oder „Smart City“ sieht Mergen die Stadt „inzwischen ganz engagiert unterwegs“. Als sie vor sechs Jahren in die Kurstadt kam, war das noch nicht so in den Köpfen, erklärt sie. Aktuell wird gerade ein Projekt umgesetzt, bei dem Sensoren in den Bauhof der Stadt melden, ob am Morgen auf dem Plättig schon Schnee liegt und die Räumfahrzeuge ausrücken müssen. „Bisher ist es so, dass ausgerückt wird, wenn der Wetterbericht Schnee ankündigt“, so Mergen. „Es gibt viele schöne Beispiele, wie wir mit solchen Techniken klüger umgehen und damit Ressourcen sparen können“, ein weiteres ist im Gartenamt bereits umgesetzt, wo Sensoren signalisieren ob der Boden trocken ist und bestimmte Pflanzen gegossen werden müssen.

„Das finde ich ganz spannend“

Zum Thema Corona befragt sagt Mergen, durch die Pandemie könne man lernen, mit dem zurechtzukommen, was man nicht ändern kann. „Wir können nicht einfach irgendwo hinreisen, zur Uni gehen oder mit Freunden feiern. Jeder muss selbst aktiv und kreativ werden und sich fragen: Was macht mich zufrieden und womit kann ich anderen eine Freude machen? Man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Das finde ich ganz spannend“, sagt Mergen.

Sorgen macht Mergen, dass erstmals die Schüttung der 42 Quellen auf dem Stadtgebiet durch die lang anhaltende Trockenheit auf durchschnittlich 10 Prozent gesunken ist und die Trinkwasserversorgung der Stadt nicht hätte gewährleistet werden können, hätte man nicht auf den großen Grundwassersee in der Rheinebene zurückgreifen können. „Mein Vorschlag ist, Experten aus Israel zurate zu ziehen, wo es ein weltweit wohl einzigartig ausgeklügeltes Bewässerungssystem gibt. Ich kann mir vorstellen, dass man hier zahlreiche Ideen oder Techniken sammeln könnte.“ Für Baden-Baden sieht Mergen die Möglichkeit, ein System von Zisternen einzuführen.

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Erstellt:
17. Dezember 2020, 23:00 Uhr
Lesedauer:
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