„Mario“ flattert aus Barcelona zurück in die Heimat

Baden-Baden/Rastatt (sre) – Seit zwei Jahren ist ein junger Storch aus Oos nun mit einem Sender auf dem Rücken unterwegs. „Mario“ flattert durch halb Europa und schläft gerne auf Schloss Favorite.

Gute Aussicht für den Ooser Jungstorch: „Mario“ macht gerne morgens eine Pause auf einer Straßenlaterne in Kuppenheim. Foto: Anette Jung/pr

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Gute Aussicht für den Ooser Jungstorch: „Mario“ macht gerne morgens eine Pause auf einer Straßenlaterne in Kuppenheim. Foto: Anette Jung/pr

„Das ist schon ein besonderes Gefühl“, erzählt Storchenbetreuer Stefan Eisenbarth von seinem Wiedersehen mit „Mario“ vor wenigen Tagen. „Mario“, das ist ein junger Storch, der vor zwei Jahren in Oos geboren wurde und seither mit einem Peilsender auf dem Rücken durch Europa flattert. Nun hat er den Weg zurück in die Heimat gefunden.

Eisenbarth ist zusammen mit Anette Jung für weit mehr als 60 Horste zwischen Iffezheim und Karlsruhe zuständig. Er beschäftigt sich das ganze Jahr hindurch mit Störchen, hat schon viele Hundert von ihnen beringt. Aber zu „Mario“ und seinem Bruder „Steffo“ hat er einen besonderen Bezug: Schließlich kann er bei ihnen seit ihrer Geburt vor zwei Jahren genau beobachten, wo sich die Tiere aufhalten.

Im Frühjahr 2020 hatte Storchenbetreuer Eisenbarth einen der Jungvögel aus dem Ooser Horst zum Tierarzt bringen müssen, weil sich eine alte Schnur um dessen Bein gewickelt hatte. Der Vogel überlebte – und wurde Teil eines Forschungsprojektes des Max-Planck-Instituts. Das Tier und zwei seiner Geschwister wurden Maria, Steffi und Alisa genannt, bekamen Sender auf den Rücken geschnallt und wurden genetisch untersucht. Dabei stellte sich auch heraus, dass sie eigentlich Männchen waren.

Mit Peilsender in die Freiheit: 2021 stattete Eisenbarth mehrere Störche mit Sendern aus – die meisten Tiere haben aber ihr erstes Lebensjahr nicht überlebt. Foto: pr/Archiv

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Mit Peilsender in die Freiheit: 2021 stattete Eisenbarth mehrere Störche mit Sendern aus – die meisten Tiere haben aber ihr erstes Lebensjahr nicht überlebt. Foto: pr/Archiv

Wie man anhand des Peilsenders feststellen konnte, überwinterte der nun umgetaufte „Mario“ in der Nähe von Madrid, während „Steffo“ bis nach Marokko flog. „Alisa“ kam bis nach Algerien und starb wohl: Von dem Tier kam das letzte Signal Mitte August 2020 aus der Sahara. Auch zwei ebenfalls mit Sendern ausgestattete Störche aus Muggensturm starben. 2021 war die Bilanz ebenfalls eher mau: Nur einer der drei in Eisenbarths Gebiet besenderten Störche lebt noch, „Brigitte“ aus Muggensturm.

Eisenbarth überraschte das nicht. „60 Prozent der Jungstörche überleben das erste Jahr nicht“, erläutert er. Gerade die ersten Monate seien für die noch unerfahrenen Tiere riskant. Doch ist diese Hürde einmal genommen, kann ein Storch lange leben. In freier Wildbahn werden die Vögel laut Eisenbarth gut 15 bis 20 Jahre alt.

„Mario“ und „Steffo“ geht es denn auch immer noch gut. „Steffo“ kehrte zur Freude des Gernsbacher Storchenbetreuers schon im ersten Jahr nach Oos zurück, „was absolut ungewöhnlich ist“, so Eisenbarth. Normalerweise kämen junge Störche erst im zweiten oder dritten Jahr zurück, und dann auch nicht direkt an ihren Geburtsort, sondern irgendwo in einen Umkreis von 70 Kilometern. „Steffo“ flog dagegen im vergangenen Jahr zielsicher direkt in die Ooser Bahnhofstraße. Dieses Jahr ist er Baden-Baden allerdings untreu geworden: Er ist seit gut zwei Wochen im Raum Bühl und Achern unterwegs und damit nicht mehr in Eisenbarths Zuständigkeitsbereich.

Die beiden Ooser Störche sind mittlerweile in der Region heimisch geworden und ihr treu geblieben. Foto: pr/Archiv

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Die beiden Ooser Störche sind mittlerweile in der Region heimisch geworden und ihr treu geblieben. Foto: pr/Archiv

Dafür hat sein Bruder „Mario“ in diesem Jahr erstmals den Weg zurück in die Region gefunden. Er war im vergangenen Jahr in Frankreich geblieben und hatte den Winter dann in Barcelona verbracht. Seit dem 10. April ist er nun zwischen Förch und Kuppenheim unterwegs. „Zum Übernachten fliegt er immer auf das Dach von Schloss Favorite“, erzählt Eisenbarth. Morgens setze sich „Mario“ dann gern in die Ortsmitte von Kuppenheim auf eine Straßenlaterne an der Kreuzung Murgtalstraße/Friedrichstraße, bevor er sich auf den Feldern der Umgebung auf Nahrungssuche begebe. Storchenbetreuerin Anette Jung habe „Mario“ zuerst mit ihrer Kamera erwischt. Inzwischen habe auch er selbst sich auf die Suche nach „Mario“ gemacht und habe ihn gemeinsam mit anderen Störchen bei der Futtersuche auf einem Feld beobachten können, erzählt Eisenbarth freudig.

„Er muss jetzt eine Partnerin finden“, schildert der Storchenbetreuer den nächsten Schritt für „Steffo“. Das könne durchaus gelingen: „Es gibt Zweijährige, die brüten. Es gibt aber auch Horstpaare, die bauen erst mal nur ein Nest und kommen dann im nächsten Jahr zurück, um Junge zu bekommen.“ In jedem Fall bleibt es spannend, wie „Steffos“ Leben weitergeht – hoffentlich noch viele Jahre lang.

Zum Thema:

Forschungsprojekt wird fortgesetzt: Das Projekt „Zug-Monitoring“ des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell geht inzwischen ins dritte Jahr. Es wird betreut von Dr. Wolfgang Fiedler aus der Abteilung für Tierwanderungen. „Wir möchten jedes Jahr ungefähr 40 Jungstörche in Baden-Württemberg mit Sendern ausstatten und im Auge behalten, wie sich das Zugverhalten ändert“, erläutert Fiedler im Gespräch mit dieser Zeitung das Ziel des Projekts. Auch in diesem Jahr solle es weitergehen: Bewilligt sei das „Zug-Monitoring“ bisher für fünf Jahre, man wolle es aber gern längerfristig fortsetzen. Viele der mit Sendern ausgestatteten Vögel flogen im Winter bis nach Nordafrika, nennt Fiedler eine überraschende Erkenntnis, die man weiter beobachten will: Das entspricht nicht dem allgemeinen Trend, dass immer mehr Störche in Spanien überwinterten.

Jeder kann zuschauen: Die Daten des Forschungsprojektes sind öffentlich zugänglich. Über die App „Animal Tracker“, die man kostenlos aufs Handy laden kann, können Interessierte verfolgen, wo sich die mit Sendern ausgestatteten Tiere gerade aufhalten.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Reith

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Erstellt:
28. April 2022, 09:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 28sec

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