Mark Forster im BT-Interview

Baden-Baden (rüth) – Auf „Musketiere“ gibt der Künstler Einblicke in sein Privatleben.

Mark Forster kann mit „Musketiere“ eine Geschichte erzählen. Foto: Alexander Heinl/dpa

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Mark Forster kann mit „Musketiere“ eine Geschichte erzählen. Foto: Alexander Heinl/dpa

Viele kennen Mark Forster als gut gelauntes Mitglied der Jurys von „The Voice“ und „The Voice Kids“. Aber im Hauptberuf ist der Mann aus dem pfälzischen Winnweiler natürlich Popmusiker – und kein schlechter. Hits wie „Au revoir“, „Chöre“ und „Übermorgen“ stehen bereits zu Buche. Kürzlich veröffentlichte der 38-Jährige – der laut Medienberichten mit Lena Meyer-Landrut zusammen ist, und mit ihr vor nicht allzu langer Zeit Nachwuchs bekommen haben soll – sein fünftes Album „Musketiere“, auf dem er in mal poppig-knalligen, mal zarten Farben die Geschichte einer erblühenden Liebe erzählt. Steffen Rüth hat sich mit dem Musiker unterhalten.

BT: Mark, vier Singles hast Du aus dem „Musketiere“-Album bereits vorab veröffentlicht, darunter „Übermorgen“, das schon im Mai 2020 rauskam. Wieso diese Häppchenstrategie?
Mark Forster: Das ist die neue Welt. Früher brachte man ein Album raus und koppelte anschließend Singles daraus aus. Heute ist es umgekehrt. Jetzt kommen erst die einzelnen Songs, und das Album fasst dann alles noch mal zusammen. In der Streaming-Welt, in der wir jetzt leben, wird so einiges auf den Kopf gestellt.

BT: Kürzlich lief im ZDF eine Reportage, in der sich Peter Maffay und Balbina darüber beklagten, wie unfair das ganze Streaming-System ist. Einige wenige würden die ganzen Einnahmen abschöpfen, der Großteil der Künstler müsse sich derweil mit ein paar Krümeln zufriedengeben. Wie blickst Du auf die Diskussion?
Forster: Da gibt es mehrere Facetten. Es ist tatsächlich so, dass das Konzept „Album“ ein bisschen zur Disposition steht und gefährdet ist. Viele hören Playlisten, die oft im Prinzip kostenlos sind, und entscheiden sich dabei eher für eine Stimmung oder einen Vibe statt für einen Künstler oder eine Künstlerin mitsamt ihrer oder seiner Geschichte. Das finde ich schade, weil ich es gern habe, mich auf jemanden einzulassen und auch eine Entwicklung über mehrere Alben mitgehen möchte. Aber diese Art des Musikhörens wird den Leuten gerade aberzogen. Ich will auch nicht schnell, schnell alle paar Wochen einen neuen Song raushauen. Darunter würde die Qualität leiden.

BT: Und das Finanzielle?
Forster: Ist sehr unfair. Wenn jemand 100 Millionen Streams hat, bedeutet das ja nicht, dass 100 Millionen Menschen diese Musik gut finden. Sondern, dass er 100 Millionen Mal gehört wurde. Sagen wir, meine Mutter hat sich früher ein Album von Whitney Houston gekauft und es zehn Mal gehört. Und ich habe mir ein Album von Freundeskreis gekauft und es viertausend Mal gehört. Beide haben wir 20 Mark bezahlt, von denen die Künstler einen Anteil bekamen. Beim aktuellen Streaming-Modell hätte Freundeskreis das vierhundert Mal mehr verdient als Whitney. Ich erkläre Dir hier die Welt, aber das Problem ist, dass die Plattenindustrie, die gut am Streaming verdient, gerade keinen richtigen Grund hat, das Prinzip zusammen mit den Spotifys dieser Welt zu reformieren. Die im Internet eher leisen Kolleginnen wie Balbina oder Peter Maffay haben das Nachsehen, während die eher Lauten gut verdienen.

„Ich mag das klassische TV und Radio“

BT: Wo stehst Du zwischen diesen beiden Gruppen?
Forster: Ich habe eine ganz gute Position. Durch meine Arbeit im Fernsehen, besonders bei „The Voice“, habe ich teilweise ein Publikum, das sich nicht nur meine Musik, sondern auch für meine Person als solche interessiert. Ich selbst mag das klassische TV und Radio noch immer sehr, weil ich es gut finde, wenn sich jemand ein Programm für mich ausdenkt. Mein größter Social-Media-Kanal wiederum ist TikTok.

BT: Guckt man sich etwa bei Youtube die Kommentare unter Deinen Songs an, ist man überrascht, wie viele der Hörer aus Ländern wie Brasilien, Russland oder den USA kommen. Die verstehen kein Wort, finden Dein Zeug aber trotzdem super.
Forster: Das bin ich ehrlicherweise gewohnt. Ich glaube, das liegt nur in zweiter Linie an der Musik und in erster an meiner TV-Präsenz. Ich bin ja schon sehr lange im „The Voice“-Kosmos unterwegs, die aktuelle Staffel ist formatübergreifend meine Elfte. Da es „The Voice“ praktisch in jedem Land gibt, verfolgen auch weltweit Leute die Staffeln aus Deutschland – und finden mich irgendwie lustig. Dann gucken sie, was denn dieser Typ für Musik macht, und einige finden das dann eben gut. Ich bekomme sogar oft Nachrichten von Leuten, die mithilfe meiner Songs Deutsch lernen.

BT: Tatsächlich knauserst Du, gerade auf „Musketiere“, nicht mit üppigen Text.
Forster: Ich liebe das Zusammenspiel zwischen einem klaren Refrain, das ist die alte Beatles-Schule. Und einer Geschichte in den Strophen, wo es erzählerisch zugeht, was eher typisch ist für Hip-Hop.

BT: „Musketiere“ ist in der Tat ein Album im klassischen Sinne. Du erzählst die Geschichte eines Jungen und eines Mädchens, die sich näher kennenlernen, sich verlieben, zusammenkommen und am Ende zu dritt sind. Kann man von einem Konzeptalbum sprechen?
Forster: Das Wort „Konzeptalbum“ würde ich nicht in den Mund nehmen, weil es so unsexy ist. Wie auf allen meinen Alben habe ich auch auf „Musketiere“ darüber geschrieben, was bei mir gerade so los ist und was mich beschäftigt. Die letzten Platten „Tape“ und „Liebe“ waren eher wie Poesiealben, bei „Musketiere“ ist die Geschichte chronologisch erzählt und konkreter. Mein Leben hat sich so ein bisschen zugespitzt, und ich merkte beim Schreiben der Platte, dass ich dieses Mal echt eine Geschichte erzählen kann.

BT: Möchtest Du diese Geschichte in Worte fassen?
Forster: Hier stecke ich in einem Dilemma. Ich habe schon vor Jahren für mich entschieden, dass ich über mein Leben nur singe, aber nicht spreche. Würde ich jetzt darüber reden, hätte ich das Gefühl, ich könnte nicht mehr darüber singen. Für mich ist das Album jedenfalls wie ein kleiner Film.

BT: Hättest Du vor ein paar Jahren gedacht, dass Dein Leben solch ein Drehbuch bereithält?
Forster: Nein, das habe ich nicht gedacht. Wenn man es sich genauer anschaut, ist mein Leben einigermaßen normal. Verändert hat sich die Art, wie ich über mein Leben schreibe. Ich denke, dass ich mit der Zeit besser darin geworden bin, Lieder zu machen, die man sich anhören und verstehen kann und die zudem meinem Gefühl von Coolness gerecht werden. Ich möchte sagen, ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich weiß, was ich tue. Und vielleicht ist „Musketiere“ auch deshalb so stringent.

Texte aus der Zone der Wahrhaftigkeit

BT: Besonders gelungen sind die intimen, kleinen Songs wie „Daheim“, wo Du Zeilen singst wie „Wir bauen uns eine Festung aus der Decke“.
Forster: Ich bin in meinen Liedern ungefiltert. Das macht meine Musik auch aus. Ich habe keine Schere im Kopf und zensiere nichts, gleichzeitig möchte ich nicht bei RTL sitzen und meine Küche zeigen. Ich muss nicht alle Begehrlichkeiten befriedigen. Jenseits meiner Musik, die sehr offen und persönlich ist, nehme ich mir raus, einfach meine Klappe zu halten. Weil ich finde, ich darf das (lacht).

BT: Wie locker schüttelst Du einen Song wie „Musketiere“ aus dem Ärmel?
Forster: Wenn ich erst mal in eine Zone der Wahrhaftigkeit gerate und in einem Zustand bin, dass ich so sehr fühle, dass ich das aufschreiben kann, geht es schnell. Aber da muss ich zunächst hinkommen. Und das geht bei mir am besten über Wiederholungen. Ich neige dazu, immer und immer wieder einen anderen Song über dasselbe Thema zu schreiben und mich dann für den stärksten zu entscheiden. „Musketiere“ ist allerdings schnell, innerhalb eines Tages, in meinem Studio entstanden. Eben, weil ich in dem Moment sehr im richtigen Gefühl drin war.

BT: Greifst Du mit „Mellow Mellow“ auf relativ spielerische Weise das Thema der psychischen Gesundheit auf?
Forster: Einen ernsteren „Mental Health“-Inhalt hat „Bist du Okay“. Nur verpacke ich die Aussage, dass ich bei jemandem eine Depression vermute, der oder die das selbst gar nicht weiß, in den sehr prolligen und eingängigen Sound von Vize. Bei „Mellow Mellow“ geht es eher um einen Typen, der es nicht aushält, wenn seine Freundin weint. Er missdeutet ihre Tränen, die ab und zu auch gewollt sind, und will sie verjagen.

BT: In wenigen Wochen ist Bundestagswahl. Ist Dir wichtig, wer künftig Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler wird?
Forster: Ja. Ich beschäftige mich mit der Frage als Wähler. Ich möchte jedoch keine Schlagzeile produzieren über irgendwen von den Beteiligten in diesem aufgeheizten und irgendwie unwürdigen Wahlkampf.

BT: Wieso unwürdig?
Forster: Ich habe den Bundestagswahlkampf als stilsicherer und eleganter in Erinnerung. Aber auch wenn man den Zirkus eigentlich nicht mag und einen das Kandidatenfeld nicht besonders begeistert, darf man sich nicht verweigern. Dafür ist diese Wahl viel zu wichtig.


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