Marktmeister Edgar Jäger im Ruhestand

Bühl (gero) – Edgar Jäger ist in den Ruhestand gegangen. Der Marktmeister galt als Sachwalter der Kaufleute und Schausteller sowie Kümmerer der Asylsuchenden.

Marktkaufleute verabschieden sich mit Blumen, Sekt und mit Worten der Dankbarkeit von ihrem langjährigen Marktmeister Edgar Jäger. Foto: Gerold Hammes

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Marktkaufleute verabschieden sich mit Blumen, Sekt und mit Worten der Dankbarkeit von ihrem langjährigen Marktmeister Edgar Jäger. Foto: Gerold Hammes

Er war so etwas wie ihr Patron, Anwalt, Kümmerer, Botschafter, ja fast schon einer von ihnen: Edgar Jäger war so etwas wie das Gesicht der Bühler Markthändler und Schausteller. Er gehörte zum Wochenmarkt wie der Feldsalat, der Spargel und die Zwetschgen oder wie der Autoscooter oder das Riesenrad zum Zwetschgenfest. Nach 35 Jahren im städtischen Vollzugsdienst zog der 66-jährige gebürtige Fautenbacher diese Woche seine blaue Dienstuniform aus und begab sich in den Ruhestand.

Dabei war seine Laufbahn im öffentlichen Dienst eher dem Zufall, vielleicht sogar einer Laune geschuldet. Irgendwann im Jahr 1986 kam der passionierte Springreiter im Reiterstüble des Reit- und Fahrvereins Fautenbach, für den er viele Turniere bestritt, zahlreiche Vereinsmeistertitel gewann und auch dem Vorstand angehörte. Ihm gegenüber saß Birgit Girrbach, Sekretärin im Bühler Ordnungsamt. Er nahm also seinen ganzen Mut zusammen und ließ sie wissen: „Wenn Ihr mol in Platz frei hänn, sag mir B‘scheid, dann bewerb‘ ich mich!“ Jäger hatte bei einer Acherner Firma den Beruf als Heizungsbauer gelernt. Die eher beiläufig dahingesagte Bemerkung im Reiterstüble bewertet er heute als seinen „wichtigsten und vernünftigsten Satz“ im Clubhaus.

Von wegen „ruhige Kugel schieben“

Gesagt, getan – geworden. Am 7. Januar 1987 beginnt er seine Tätigkeit im gemeindlichen Vollzugsdienst der Stadt Bühl mit dem Schwerpunkt „ruhender Verkehr“. Karl August Lorenz hatte ihn in der OB-Ära Wendt eingestellt und war sein direkter Vorgesetzter. Allerdings: Von „ruhiger Kugel schieben“ konnte keine Rede sein. Sein Klientel waren nicht Falschparker oder säumige Parkuhren-Ignoranten, sondern Asylbewerber, illegale Einwanderer, Obdachlose und das „fahrende, nicht sesshafte Volk“ ethnischer Minderheiten. Die physisch und vor allem psychisch extrem fordernde Integrationsarbeit, die zu 80 Prozent den Tagesablauf bestimmten, habe er „mit Herz und dem Feuer für Gerechtigkeit“ erledigt, sagt er. Gab es Probleme mit der Kundschaft, war ein Anruf des Polizeireviers fast so sicher wie sein promptes Lösungskonzept. Jäger war maßgeblich beteiligt bei der Unterbringung von 300 Flüchtlingen aus verschiedensten Kontinenten und Kulturkreisen, die 2015 der Stadt zugeteilt wurden und vor dem Sozialamt standen. Die Stadt mietete sämtliche Immobilien an, die auch nur halbwegs Leerstände aufwiesen; darunter die „Schützhäuser“ beim Johannesplatz oder die Obergeschosse des „Kneiple“ in der Gartenstraße. In Jägers Kosmos lebten oft zeitgleich 350 Einwanderer und 70 Obdachlose. Bis 2017 bewältigte er deren Vor-Ort-Betreuung in Eigenregie, war präsent zweimal wöchentlich ab 5 Uhr früh bei der Essensausgabe und der Verteilung von Körperpflegemitteln in einem Heim in der Siemensstraße oder begleitete Kriminalbeamte bei nächtlichen Razzien mit Diensthundeeinsatz. Auch war er sich nicht zu schade, um in Gummistiefel zu steigen, um in verwahrlosten, von Vandalismus gezeichneten Wohnungen Hinterlassenschaften der Bewohner wegzuspülen.

60-seitiges Büchlein über das Berufsleben

Vor allem die Obdachlosen, mitunter unverschuldet in die gesellschaftliche Isolation getrieben, sahen in Edgar Jäger einen Sachwalter und Fürsprecher, ja einen Freund. Er besuchte sie täglich, kümmerte sich um ihre menschenwürdige Unterbringung, Verpflegung, Bekleidung, Sozialleistungen und ärztliche Versorgung.

Jäger, der sein Berufsleben bei der Stadt Bühl in einem beeindruckenden 60-seitigen Büchlein nachgezeichnet hat, war so etwas wie eine moralische Instanz für Menschen auf der Flucht, für Gescheiterte, Geächtete, die Vergessenen und scheinbar ewigen Verlierer. Er war das Gesicht und die Anlaufstelle für Integration, Lebensmut und Überlebenswille.

Edgar Jäger durfte aber auch Rosinen kosten. Als solche Kostbarkeit im Jahresablauf bezeichnet er die Wochenmärkte montags und samstags, die sechs Jahrmärkte per anno, den Weihnachtsmarkt und als Höhepunkt selbstredend das Zwetschgenfest. Für die Schausteller war Jäger zusammen mit Andreas Bohnert, dem Abteilungsleiter des Ordnungsamts, eine Institution der Verlässlichkeit mit bundesweitem Vorbildcharakter. Namen wie Jürgen Hahn, Edgar Arnoux oder die bereits verstorbenen Marta und Helmut Frey haben sich bei Jäger im Gedächtnis unauslöschlich eingebrannt. So wie die Erinnerungen an die 70er-Jahre, als Vater Karl und Sohn Edgar mit einem Vierspänner beim Zwetschgenfest den Königinnen-Festwagen durch die Stadt zogen. „Das war für uns der Höhepunkt im ganzen Jahr.“

Einen ganz besonderen Platz in seinem Herzen haben auch die Wochenmarktbeschicker. Jägers Verdienst war es, mit viel diplomatischem Geschick die nicht einfache Rückkehr vom Europa- auf den angestammten und inzwischen sanierten Markt- und Kirchplatz relativ geräuschlos und einmütig zu organisieren. Die Emotionen kochten hoch.

Diese Woche hat Edgar Jäger seine Dienstuniform ausgezogen. Er werde die Arbeit, die Marktkaufleute und die ihm anvertrauten Menschen „schrecklich vermissen“. Seine Bühler Zeit empfindet er als „Erfüllung“. Den Marktbeschickern „droht“ er schon mal mit gelegentlichen Stippvisiten. Das große, einmütige „Hallo“ kann man sich heute schon gut vorstellen.

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Erstellt:
20. Dezember 2021, 07:39 Uhr
Lesedauer:
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