Martin Stadtfeld: Die Freude an der Musik weitergeben

Baden-Baden (sr) – Mit eigenen, einfach zu spielenden Arrangements berühmter Kompositionen will der bekannte Pianist Martin Stadtfeld das junge Publikum für die Klassikszene begeistern.

Der Pianist Martin Stadtfeld liebt Bach und engagiert sich besonders für junge Klassikhörer. Foto: Ingrid Hertfelder

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Der Pianist Martin Stadtfeld liebt Bach und engagiert sich besonders für junge Klassikhörer. Foto: Ingrid Hertfelder

Dass der klassischen Musik das Publikum abhandenkomme, wird immer mal wieder behauptet oder widerlegt. Unbestritten dürfte sein, dass sich das Publikum ändert, dass seine Erwartungen andere sind als vor 30 Jahren und dass auch die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind, um sperrige und unbekanntere Werke einfach so aufs Programm zu setzen. Viele Solisten haben sich deshalb entschlossen, ihre Programme selbst zu moderieren und sich gerade mit dem ganz jungen Publikum – Schülern und Studierenden – in persönlichen Gesprächen auseinanderzusetzen. Der aus Koblenz stammende Pianist Martin Stadtfeld zählt zu jenen Künstlern, die sich intensiv mit dem heranwachsenden Konzertpublikum beschäftigen.

Die Interaktion mit den Zuhörern kennzeichnet auch das Prinzip des „Hausfestspiels“, das im Festspielhaus Baden-Baden am kommenden langen Wochenende schon zum dritten Mal stattfindet und jetzt erstmals mit großem Orchester und ausgefeilten Programmlinien aufwartet. Dazu gehört am Freitag der Programmpunkt „Repeat: Ein Werk zweimal hören“, bei dem ein Werk von Olivier Messiaen zunächst im Gespräch analysiert wird, bevor es erklingt. Das war auch schon im ursprünglichen Pfingstfestspiel-Programm aus Vor-Corona-Tagen so geplant. Denn Messiaens Schaffen sollte im Mittelpunkt der Festspiele stehen, und das SWR-Symphonieorchester wollte an Pfingsten seine Rückkehr ins Festspielhaus nach längerer Pause groß feiern. Das alles findet jetzt trotzdem statt – aber eben im viel kleineren und virtuellen Rahmen. Für den SWR moderieren Jasmin Bachmann und Rafael Rennicke die Konzertabende.

Stadtfeld: Neue CD und einfache Notenarrangements

Pianist Martin Stadtfeld eröffnet das Hausfestspiel am Feiertag Christi Himmelfahrt, 13. Mai, gemeinsam mit einem SWR-Streichquartett und Robert Schumanns Klavierquintett op. 44., „ein Lieblingsstück von mir“, wie der Pianist im BT-Gespräch am Montag sagte. „Wir müssen offener und kommunikativer werden in der klassischen Musik, die Leute ansprechen, aber nicht belehren. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, wenn ich meinen eigenen Zugang zu einem Werk darlege und über das spreche, was mich persönlich mit dieser Musik verbindet“.

Stadtfeld wird am Freitag, 14. Mai, auch ein „virtuelles Klassenzimmer“ eröffnen, um hier Rede und Antwort zu stehen – und sicher auch um Klavier zu spielen. Gemeinsam mit dem SWR-Klarinettisten Dirk Altmann sucht er das Gespräch mit Schülern der Wilhelm-Lorenz-Realschule Ettlingen und der Heimschule Lender in Sasbach – weitere interessierte Schulen können sich dazu noch spontan bei Christian Vierling, dem Projektverantwortlichen im Festspielhaus anmelden (c.vierling@festspielhaus.de).

Bachs Musik ist gut für den Einstieg

„Wir sehen die Musik, die uns so sehr wichtig ist, ja als selbstverständlich an“, sagt Stadtfeld, „aber wie kann man damit Jugendlichen eine Welt eröffnen, die ihnen total fremd ist, vielleicht sogar vorenthalten wurde?“

Stadtfeld spielt bei solchen Begegnungen gerne Stücke aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“, „die entsprechen in ihrer Länge der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen, nämlich der Länge eines Popsongs, um die drei Minuten. Die Präludien haben auch nur jeweils einen emotionalen Rahmen, sie drücken Freude oder Glück oder tiefe Trauer aus, ein Thema pro Stück, darüber kann man dann wunderbar erzählen“.

Man spürt im Gespräch, dass es Stadtfeld ernst ist mit der Musikpädagogik. „Ich berichte auch aus Bachs Leben, etwa dass manche seine Kinder gestorben sind, und dass er Trost in der Musik gesucht hat – dann gucken einen auch aus dem coolsten Publikum viele Augen ganz groß an und ich weiß, jetzt habe ich eine Verbindung zu den Jugendlichen gefunden“.

Eigene Bearbeitungen der Lieblingsmelodien

Kürzlich ist Stadtfelds neue CD Piano Songbook herausgekommen, auf der er „20 kleine Arrangements aus meiner Lieblingsmusik“ spielt, Mozart, Bach, Händel sind dabei. Stadtfeld hat Chor- oder Orchesterstücke, aber auch Lieder für Klavier bearbeitet und kleine Miniaturen daraus gemacht, in denen er „ein einziges Element“ der großen Komponisten herausgreift und fortspinnt. Die Noten dafür sind im Schott Verlag erschienen. Stadtfeld spricht damit auch Freizeitpianisten an – „vielleicht auch Menschen, die jahrelang nicht mehr gespielt haben“.

Vor wenigen Jahren hatte er bereits mit einem ersten Album dieser Art Erfolg: Händel Variations. „Ich will das Starre und Angstmachende aus dem Klavierunterricht umgehen, ohne Popsongs anzubieten. Musik macht Freude und ich halte es für sehr wichtig, sie unmittelbar zu erleben.“

Eintritt über die Festspielhaus-Website

Das dritte Hausfestspiel im Festspielhaus Baden-Baden findet vom 13. bis 16. Mai statt. Den Auftakt am Feiertag Christi Himmelfahrt macht Schumanns Klavierquintett. Im zweiten Teil ist Strawinskys Oktett für Blasinstrumente zu erleben. Die Ausführenden sind Mitglieder des SWR-Symphonieorchesters. „Den Eindruck, in einer Zeitenwende zu agieren, teilen wir mit den Komponisten, die im Fokus unserer Pfingstfestspiele stehen“, sagt Festspielhaus-Intendant Stampa, zum Programm. Am Freitag besteht die Chance, Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ richtig kennenzulernen: Erst nach einer halbstündigen Werkeinführung mit Live-Zuspielungen der einzelnen Instrumente erklingt das gesamte Stück. Bertrand Chamayou (Klavier), Dirk Altmann, (Klarinette), Christian Ostertag (Violine) und Frank-Michael Guthmann (Violoncello) sind die Ausführenden. Der Samstag gehört dem mit 46 Mitgliedern für aktuelle Verhältnisse groß besetzten SWR-Orchester. Gespielt wird eine Konzertouvertüre von Jörg Widmann und Beethovens siebte Sinfonie, dazu von Berlioz die Lieder einer Sommernacht „Les nuits d‘été“. Antonello Manacorda dirigiert, Veronique Gens singt. Den Abschluss bildet am Sonntagabend Kammermusik von Maurice Ravel und Arnold Schönberg.

Die Konzerte sind über die Website des Festspielhauses, aber auch über andere Kanäle zu verfolgen, sie beginnen um 20.15 Uhr, am Samstag schon um 19 Uhr. (

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sabine Rahner

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Erstellt:
11. Mai 2021, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 44sec

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