Masken stellen Gehörlose vor Probleme

Gernsbach (naf) – Rücksichtnahme durch Regelbruch: Gehörlose Menschen sind bei Gesprächen oft auf das Mundbild ihres Gegenübers angewiesen. Die Corona-Maßnahmen erschweren ihren Alltag.

Die Augen allein reichen nicht aus: Marco und Michaela Spronk können sich nur unterhalten, wenn sie das Mundbild des anderen sehen. Foto: Marco Spronk

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Die Augen allein reichen nicht aus: Marco und Michaela Spronk können sich nur unterhalten, wenn sie das Mundbild des anderen sehen. Foto: Marco Spronk

Regeln sind zwar entgegen des Sprichworts nicht unbedingt da, um gebrochen zu werden, manche Situationen erfordern aber doch, dass man es auch mal nicht ganz so genau mit ihnen nimmt. Ute Engisch ist jedenfalls darauf angewiesen, dass ihr Gegenüber für ein paar Sekunden ein Auge zudrückt – und die Maske herunterzieht. Die Gehörlose muss bei ihrem Gesprächspartner das Mundbild sehen.

Als Engisch an diesem Vormittag den Supermarkt betritt, läuft sie durch die Gänge, wie alle anderen Kunde auch. Sie begibt sich auf die Suche nach den Produkten, die auf ihrem Einkaufszettel stehen, wie alle anderen im Geschäft. Vor den Eierschachteln kommt ihr eine Frage, die sie einer eilig verräumenden Mitarbeiterin stellt – wie das alle anderen Kunden tun würden. Nur eine Sache ist anders bei Engisch: Ob sie eine Antwort bekommt, das weiß sie vorab nicht. „Manche Menschen wollen einfach nicht ihre Maske abnehmen“, erzählt die 54-Jährige später – nicht mit ausreichend Abstand, auch nicht nur für ein paar Sekunden. Engisch muss aber den Mund des anderen sehen können, um sich zu unterhalten, die Wörter liest sie von den Lippen ab. Bleibt die Maske auf, versteht sie nichts.

Nach zwei Jahren Pandemie ist die Angst vor Virus oder Regelbruch aber oftmals größer als die Rücksichtnahme. Engisch kann einige Geschäfte aufzählen, die sie wieder verlassen hat, ohne bedient worden zu sein. Heftige Auseinandersetzungen habe es auch schon gegeben. „Manche denken, dass es etwas nützt, wenn sie einfach laut genug schreien“, sagt sie kopfschüttelnd. „Vielleicht bin ich auch zu stur, aber ich will eben, dass auch mit mir gesprochen wird.“

Untertitel teilweise „eine Frechheit“

Engischs Eigensinn war in ihrem Leben oft auch ihre Stärke: Lippenlesen und Motorradführerschein sind nur zwei Punkte auf der Liste der Dinge, die ihr ihre Beharrlichkeit ermöglichte. Fühlt sie sich ungerecht behandelt, möchte sie nicht nichts sagen.

Für ihre ebenfalls gehörlosen Nachbarn stellen die Masken dagegen ein kleineres Problem dar. Das Ehepaar kann sich untereinander mit Gebärdensprache verständigen und bittet Hörende, das Gesagte aufzuschreiben. Ihnen erschwert eine andere Sache den Alltag: die Untertitel der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Der Missmut über fehlerhafte Sätze oder gar überhaupt keine Übersetzung für Gehörlose führte sogar schon zu einem Beschwerdebrief an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. In diesem werden die angebotenen Untertitel als Frechheit bezeichnet: „Sie sind derart fehlerhaft, unvollständig, zeitlich so versetzt, dass man sie als Zuschauer in keinerlei logischen Zusammenhang mehr bringen kann.“ Steinmeiers Weihnachtsansprache, samt Appell durchzuhalten und sich impfen zu lassen: ohne Untertitel, ohne Dolmetscher. Ein Unding, findet das Ehepaar, vor allem in Zeiten, in denen Informationen so wichtig sind wie selten. „Muss man sich da wundern, dass viele Gehörlose noch nicht erfahren haben, dass sie sich schon längst hätten boostern können?“, heißt es in dem Brief der Nachbarn.

Beim Arztbesuch gehen die Probleme weiter. Für Marco Spronk, schwerhörig, und seine Frau Michaela, ebenfalls gehörlos, bedarf dieser viel Planung. „Meine Frau geht nicht mehr alleine zum Arzt“, erzählt Spronk. Entweder er oder einer seiner beiden hörenden Jungs müssten sie begleiten. Um einen Dolmetscher zu bekommen, müsse man Wochen oder gar Monate im Voraus planen. Auch wenn Spronk Verständnis für Ärzte hat, die ihre Maske partout nicht abnehmen möchten – „es gibt nunmal Vorgaben“ –, leichter macht das seine Situation nicht.

Landesverband kritisiert Barrieren

Auch bei der Arbeit als stellvertretende Vertrauensperson der Schwerbehindertenvertretung in einem großen Unternehmen muss Spronk bei persönlichen Besprechungen immer wieder darum bitten, die Maske abzunehmen. Nach zwei Jahren werde das langsam mühsam, auch wenn seine Kollegen mit viel Verständnis reagieren. Die Corona-Krise ist „einfach für jeden schwierig“, sagt Sponk abschließend, egal ob hörend oder nicht. Doch auch der Landesverband der Gehörlosen macht darauf aufmerksam, dass vor allem Gehörlose und Menschen mit Hörbehinderung, beim Thema Corona „überall auf Barrieren stoßen“. Informationen in Deutscher Gebärdensprache seien selten, die täglichen Probleme vielen Hörenden unbekannt.

Lässt nicht einfach locker: Wenn es nötig ist, kämpft Ute Engisch für ihr Recht. Foto: Nadine Fissl

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Lässt nicht einfach locker: Wenn es nötig ist, kämpft Ute Engisch für ihr Recht. Foto: Nadine Fissl

Engisch hatte an diesem Vormittag im Supermarkt jedenfalls Glück. Die gerade noch eilig vorbeilaufende Verkäuferin tritt einen Schritt zurück, zieht die Maske kurz runter und gibt ihr eine Antwort. Dem herzlichen Dank entgegnet sie: „Wenn sie mich nur so verstehen, ist das doch klar“ – aber eben nicht für alle.


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