Max Giesinger im Interview

Baden-Baden (km) – Mit seinem neuen Album „Vier“ lädt der Musiker aus Waldbronn in die Untiefen seiner Seele ein – und gewährt einen intimen Blick in sein Kinderzimmer.

Der Waldbronner Musiker Max Giesinger lässt in seinem neuen Album „Vier“ hinter die Fassade blicken. Foto:Christoph Köstlin

© Christoph Köstlin

Der Waldbronner Musiker Max Giesinger lässt in seinem neuen Album „Vier“ hinter die Fassade blicken. Foto:Christoph Köstlin

Vor der Reise ist nach der Reise: Mit seinem letzten Album hat Max Giesinger alles erreicht, was er sich jemals erträumte – doch das große Glücksgefühl hielt nicht lange an. Erst die pandemische Handbremse schenkte dem Musiker aus Waldbronn die Ruhe, einigen Fragen auf den Grund zu gehen. Die Antworten auf eben jene liefert er mit seiner neuen Platte „Vier“, mit der er einen tiefen Blick in seine Seele gewährt. Mit BT-Redakteurin Kathrin Maurer hat sich der Musiker über seine Kindheit im Schwarzwald, tief verankerte Glaubenssätze und einen neuen Zugang zur Musik unterhalten.

BT: Max Giesinger, vor drei Jahren stieg „Reise“, Dein drittes Album, direkt oben in die Charts ein. Dein Durchbruch gelang dir 2016 mit „80 Millionen“. Doch der Weg dorthin war steinig und obwohl Du nach Jahren den Gipfel endlich erreicht hattest, blieb das große Gefühl, angekommen zu sein, aus. Wie bist Du damit umgegangen?
Max Giesinger: 2016 war natürlich der absolute Hammer, mit „80 Millionen“ und „Wenn sie tanzt“, das war schon eines der geilsten Jahre meines Lebens. Ich war tatsächlich sehr lange auf diesem steinigen Weg unterwegs. Wenn dann der Knoten endlich platzt, kannst du zu Beginn dein Glück gar nicht wahrhaben. Aber wie Du schon auch sagst, ich war wirklich ein bisschen verloren. Denn nach einer Weile stellt es sich auch ein, dass man eben nicht mehr ständig auf diesem Hoch schwebt. Man gewöhnt sich leider schnell an Dinge, die zuvor noch ungreifbar waren.

BT: Schon verrückt, da arbeitet man viele Jahre hart an der Erfüllung eines Traumes, und mit dieser stellt sich binnen weniger Monate eine Gewöhnung und Routine ein?
Max: Ja klar, wenn du 200 Konzerte spielst im Jahr, wo immer mit rund 5.000 Leuten volles Haus ist, dann hat das irgendwann einen gewissen Grad an Normalität. Ich habe dann irgendwann gemerkt, dass ich nicht mehr so wirklich happy bin. Es ist paradox, wo doch mein großer Traum in Erfüllung gegangen ist – da sollte ich doch bis zum Ende meines Lebens glücklich sein. Und dann kriegt man eine kleine Krise und beginnt sich zu fragen, was einen dann überhaupt glücklich machen kann im Leben.

„So entspannt wie seit fünf Jahren nicht mehr“

BT: Wie bist Du mit dieser Krise umgegangen?
Max: Ich habe irgendwann gecheckt, dass ich zu sehr im Außen unterwegs war – nur noch auf Bestätigung aus, den nächsten Hit, das nächste Bild auf Instagram, den nächsten Post, der Tausende von Likes bekommt. Ich habe darüber meine Balance verloren und nicht mehr auf die Dinge geachtet, die einem nachhaltig guttun.

BT: Im Album „Vier“, dass am 12. November erschienen ist, lässt Du tief in Deine Seele blicken. Darüber zu sprechen, lässt kaum Small Talk zu, da Du in Deinen Songs so authentisch wie nie hinter die Fassade blicken lässt und die Hörer auf einen intimen inneren Prozess mitnimmst. Wie kam dieser zustande?
Max: Bei „Die Reise“ war ich schon noch mehr auf der Suche. Da ging es um Fragen wie: Wann komm ich an? Wer bin ich? Wo muss ich hin? Das ist jetzt ein anderer Modus. Ich muss sagen, dass mir das erzwungene Runterkommen durch die Pandemie letztendlich sehr gutgetan hat. Diese Zeit hätte ich mir sonst nicht gegönnt. Ich war so entspannt wie seit fünf Jahren nicht mehr. Ich konnte weder auf eine Party, noch auf eine Promotour gehen oder in einer Jury sitzen, sondern musste mit allem in mir klarkommen und mal richtig ordentlich runterfahren.

BT: Wäre Dir das ohne Corona nicht gelungen?
Max: Genau diese Frage habe ich mir auch gestellt. Warum muss da jetzt erst eine Pandemie von Außen kommen, damit ich endlich zur Ruhe komme – was läuft da schief in meinem Leben? Warum muss ich auf jeder Hochzeit tanzen? Warum brauche ich die Bestätigung von Außen? Dann scheint ja in mir drin, noch nicht genügend Selbstliebe vorhanden zu sein. Gerade durch die Stille habe ich bei solchen Themen besser in mich hineinhören können. Ich bin dann mit ein paar Songwriting-Freunden in die Eifel gefahren. Dort in der Natur, neben Ziegen und Schafen, mit Saunieren und in den Sternenhimmel schauen, da sind irgendwie all die Themen, die schon lange in mir wohnten, hochgekrochen und ausgeflossen.

„Mich ziehen eher so toxische Dinge an“

BT: Ein sehr prägnantes Thema auf „Vier“ ist Deine Familie: Du hast Deiner Oma den Song „In meinen Gedanken“ gewidmet und „Deine Zweifel“, ein sehr bewegendes Lied, dreht sich um Deine Kindheit. Wie würdest Du diese beschreiben?
Max: Bevor sich meine Eltern getrennt haben, hatte ich eine sehr schöne Kindheit. Und heute weiß ich auch, dass die Trennung die richtige Lösung war. Aber wenn man sich fragt, warum man so tickt, wie man tickt, kommt automatisch irgendwann die Frage auf, welchen Einfluss so eine Trennung hat. Als Kind kann man das ja nicht von sich abgrenzen, wenn so etwas passiert. Und manchmal überträgt sich das dann auch in die späteren Beziehungen zu anderen Menschen. Und man stellt sich Fragen wie: Warum kann ich mich schwer auf Beziehungen einlassen? Warum renne ich vor Frauen davon, die mir eigentlich total guttun würden? Mich ziehen eher so toxische Dinge an – woran liegt das? Diese Fragen zu stellen, tut erst mal weh, hat am Ende aber eine positive Wirkung. Wir denken alle, wir sind alleine mit solchen Fragen, aber wenn man beginnt, sich offener mit anderen Menschen zu unterhalten, erkennt man, es geht ganz vielen so.

BT: Solche Konditionierungen oder Glaubenssätze trägt ja jeder in sich, und sie ziehen sich oft über viele Generationen.
Max: Ja, das geht ja zurück bis in die Nachkriegszeit, wo viel Schlechtes seinen Ursprung nahm. Jeder musste funktionieren, das Land wieder aufbauen, Emotionen und das Sprechen darüber – das gab es überhaupt nicht. Ich denke, wir sind die erste Generation, die damit nun aufräumt und fähig ist, über Emotionen und auch Dinge, die einfach falsch sind und sich falsch anfühlen, zu sprechen.

BT: Wie haben Deine Eltern auf „Deine Zweifel“ reagiert – da geht es ans Eingemachte in der Familie?
Max: Das war tatsächlich gar nicht so einfach. Wir haben auch einige extrem tiefgründige Gespräche auf Basis des Songs geführt und diese Nummer hat uns auf jeden Fall noch mal näher zusammengebracht. Es war für mich leichter, das alles erst mal in einem Song niederzuschreiben und danach über alles offen zu sprechen. Das war schon eine spezielle Erfahrung. Ich habe noch nie zuvor während des Textens eines Songs geweint. Aber hier ist bei mir wirklich ein Knoten nach dem anderen geplatzt – das gab es noch nie – da kam eine Erkenntnis nach der anderen.

BT: Gibt es eine Erkenntnis, die ein Schlüsselmoment gewesen sein könnte für Dich?
Max: Auf jeden Fall: Ich kann zwar immer mehr erreichen, aber ich merke, dass immer etwas fehlt! Eine der größten Erkenntnisse der letzten Jahre. Dabei muss ich nach 2016/17 ja eigentlich niemanden mehr etwas beweisen. Ich hatte einen Song des Jahres, zig verkaufte Platten – und trotzdem fühle ich mich manchmal innerlich noch wie ein Loser. Wie früher in der Schule, als ich bei den Uncoolen dabei war und auch mal gemobbt wurde.

„Niemand ist wirklich im Moment“

BT: Was hat das für Dich als Künstler verändert?
Max: Es ist fast so, als wäre ich auf eine Quelle gestoßen und es fließt geradezu heraus. Wann immer ich im Studio bin derzeit, kommt immer etwas Krasses dabei raus. Es fließt, weil das Gedankenkarussell aus ist und ich erkannt habe, ich muss niemandem etwas beweisen. Ich kann machen, worauf ich Lust habe. Die Themen auf der Platte sind einfach wahrhaftig, die gehen tief und damit fühle ich mich sehr wohl.

BT: In „Das Wunder sind wir“ thematisierst Du das nicht im Moment sein können, obwohl man überall dabei ist. Was sind deine Erfahrungen damit?
Max: Zu dem Song hat mich meine Zeit auf Bali inspiriert. Dort saß ich in einem wunderschönen Hipster-Restaurant: perfektes Essen, perfekte Umgebung, nur wunderschöne Leute um mich herum. Aber niemand war wirklich da. Alle knipsten ihre Sonnenuntergangsbilder, bereiteten ihre Boomerangs für Instagram vor, stundenlang. Die sind nur an diesem Spot, um anderen später zu zeigen, was sie dort Tolles erlebt haben – doch niemand ist wirklich im Moment. Und ich war auch nicht da, weil ich mich über die anderen aufgeregt habe.

Fotostrecke

BT: In „Der letzte Tag“ besingst Du das Besinnen auf das Wesentliche. Wenn morgen Dein letzter Tag wäre, wie würdest Du ihn verbringen?
Max: Ich würde alle Menschen, die ich uneingeschränkt lieb habe, in einem Raum mit mir versammeln, oder in einer Bar. Dort würden wir uns einen kleinen hinter die Binde kippen – nicht zu sehr – mit ganz viel Liebe im Raum und schöner Musik. Ich würde selbst ein paar Songs singen, würde mir den kleinen Hund meines Friseurs ausleihen, den ich sehr gerne mag, und natürlich gäbe es sehr gutes Essen: meine Lieblingspizza von nebenan.

Ihr Autor

BT-Redakteuerin Kathrin Maurer

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Erstellt:
13. November 2021, 18:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 46sec

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