Max-Grundig-Klinik sieht Pandemie als „Brandbeschleuniger“

Von Sarah Reith

Schwarzwaldhochstraße (sre) – Die Pandemie prägt den Alltag an der Max-Grundig-Klinik. In diesem Jahr werden doppelt so viele Patienten mit psychosomatischen Störungen wie 2019 gezählt.

Max-Grundig-Klinik sieht Pandemie als „Brandbeschleuniger“

Wollen Sicherheit bieten: Andreas Spaetgens, Curt Diehm und Christian Graz (von links) vor dem Testzelt. Foto: Sarah Reith

Respekt vor dem Virus, höchstmögliche Sicherheitsvorkehrungen, aber keine Panik: So geht man an der Max-Grundig-Klinik mit dem Thema Corona um. Die Pandemie wirkt sich in vielen Bereichen auf den Klinik-Alltag aus – weit über das Test-Zelt am Eingang hinaus.

Seit mehreren Wochen müssen Patienten und Besucher einen Corona-Schnelltest machen, bevor sie die Klinik überhaupt betreten dürfen. Rund 20 Minuten dauert das, und kostet knapp 28 Euro. Die Patienten der Privatklinik reichen den Betrag zwar bei ihren Kassen ein, ob sie ihn erstattet bekommen, ist laut Klinik-Geschäftsführer Andreas Spaetgens aber offen. Dennoch seien die meisten dankbar für die Sicherheitsvorkehrungen.

„Für uns ist es auch wichtig, dass wir unser Personal schützen“, macht der ärztliche Direktor Prof. Dr. Curt Diehm klar. Bei Patienten, die stationär aufgenommen werden, folgt auf den Schnelltest ein großer PCR-Test, verbunden mit einer 24-stündigen Quarantäne. Weitere Hygienevorschriften sind in der Klinik längst Alltag.

Angstpatienten gehen gerne in Quarantäne

Gerade Angstpatienten und depressive Patienten gingen gern in Quarantäne und empfänden die Maßnahmen als beruhigend, berichtet Dr. Christian Graz, Chefarzt der Psychosomatik. Im Bereich der Psychosomatik sei die Krise förmlich ein „Brandbeschleuniger“, macht Spaetgens klar. Graz untermauert diese Beobachtung mit Zahlen. Ungefähr 1.000 englischsprachige Publikationen gebe es bereits zu Kollateralschäden von Corona. Tendenziell gebe es durch die Pandemie beziehungsweise die gesellschaftliche Ausnahmesituation 20 bis 25 Prozent mehr psychische Störungen. „Das ist spürbar bei den niedergelassenen Kollegen, und wir merken es auch an der stationären Belegungssituation.“ Die Anzahl an Patienten mit psychischen oder psychosomatischen Beschwerden habe sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

Dabei gebe es drei Risikogruppen: junge Erwachsene, Selbstständige im mittleren Alter, die Existenzängste hätten, und ältere Menschen, die durch fehlende soziale Kontakte isoliert seien. „Wir kommen kaum hinterher“, verweist Graz auf die Arbeitsbelastung im Bereich Psychosomatik.

Aber auch in anderen Bereichen wirkt sich die Pandemie negativ aus, meinen die Mediziner mit Blick auf die gesamtdeutsche Entwicklung. So seien die Akutbehandlungen in Kliniken wieder reduziert worden, nicht dringliche Eingriffe würden nicht mehr durchgeführt. „Es werden auch keine Tumorpatienten operiert“, verweist Diehm auf die Dramatik der Situation. Hinzu komme, dass viele Menschen aus Angst vor Ansteckung darauf verzichten, überhaupt zum Arzt zu gehen, ergänzt Spaetgens.

Die derzeitige Situation werde sich auch langfristig auf das Gesundheitssystem und die Gesundheit einzelner auswirken, ist der Klinikchef überzeugt. Auch scheinbar harmlosere Leiden wie Bluthochdruck könnten unbehandelt später zu großen Problemen führen. Auf der anderen Seite, hofft Spaetgens, entwickelten die Menschen durch Corona ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung von Gesundheit – und würden künftig zum Beispiel früher zum Check-up gehen.

Tägliche Zahlen bereiten „pure Angst“

In Bezug auf die Bewertung der Pandemie betont Diehm: „Wir haben keine Übersterblichkeit im Moment.“ 2020 seien bislang durchschnittlich in Deutschland nicht mehr Menschen als in anderen Jahren gestorben. Vor diesem Hintergrund sieht er es auch kritisch, wenn in den Medien täglich Zahlen der weltweit angesteckten und verstorbenen Menschen veröffentlicht würden: „Das bereitet pure Angst.“ Man müsse die Zahlen auch im Kontext sehen, ergänzt Graz: „2.500 bis 3.000 Menschen in Deutschland sterben pro Tag eines natürlichen Todes.“ Die Zahl der Corona-Opfer sei im Vergleich dazu immer noch sehr gering.

Problematisch sei es auch, so Diehm, dass sich die Bundesregierung ausschließlich von Epidemiologen beraten lassen. Auch Psychosomatiker, Ethiker, Intensivmediziner und Pulmologen müssten einbezogen werden. Mediziner, ist Graz überzeugt, würden das Virus „bei Weitem nicht so dramatisch“ bewerten wie Epidemiologen. „Respekt vor dem Virus“, sei zwar wichtig, „aber wir wollen kein Chaos und keine Verängstigung der Bevölkerung“, macht Graz klar.