Max Raabe: Mit samtener Stimme und Lebensklugheit

Baden-Baden (vie) – Max Raabe erinnert im Festspielhaus an quirlige Unterhaltungswelt der Weimarer Zeit. Heimlicher Höhepunkt des Konzerts war das Lied „Schöner Gigolo, armer Gigolo“.

Max Raabe und das Palast Orchester im Festspielhaus. Foto: Thomas Viering

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Max Raabe und das Palast Orchester im Festspielhaus. Foto: Thomas Viering

Max Raabe und das Palast Orchester haben ihr Publikum. Mit Unterhaltungsmusik der 1920er und 30er Jahre, verpackt in höflichem Witz und mit Hintersinn, bereist der Wahlberliner seit längerem die Konzertsäle von Ost nach West. Von Amerika bis China füllt er dabei in regelmäßigen Intervallen die Musentempel, so etwa die Carnegy Hall in New York, wo sogar noch mehr Menschen hineingehen als in das Festspielhaus Baden-Baden.

Raabe ist mit seiner samtenen Stimme nicht nur ein hervorragender Tenorbariton, sondern auch ein dem Publikum zugewandter Conférencier, dessen verschmitzte Moderationen, hinter denen durchaus eine Weltanschauung hervortritt, die Stimmung der Lieder vorwegnehmen. Wie auch die Liedtexte Lebensklugheit beinhalten und Humor versprühen – und wie die Arrangements mit den Kapriolen der verschiedenen Instrumentengruppen für Pointen sorgen. Dass dabei skurrile Instrumente wie die Bass-Tuba oder das Bass-Saxofon zum Brummen und Summen gebracht werden, trägt genauso zu diesem besonderen Abend bei, wie die Geigerin Cecilia Crisafulli, die von zwölf Männern umgarnt, immer wieder gerne ins Spiel gebracht wird.

Der heimliche Höhepunkt des Konzerts ist das von Julius Brammer und Leonello Casucci komponierte „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ gewesen. Es nimmt im Konzertverlauf in dieser Version textlich wie vom Arrangement her, eine Ausnahmestellung ein. Hier glänzt die Geigerin, wie eigentlich alle Musiker an anderer Stelle, mit solistischen Miniaturen. Nie wird zu dick aufgetragen und nie wird es kitschig.

Reminiszenzen an den großen Tonfilm wie „Bel Ami“

Zwischendurch streut Raabe immer wieder Lieder der Alben der letzten Dekade ein, die in der Zusammenarbeit mit der deutschen Pop-Produzentin Annette Humpe entstanden sind, die sich aber von der Klangfarbe her nahtloser denn je ins Programm fügen („Küssen kann man nicht alleine“, „Guten Tag, liebes Glück“, „Der perfekte Moment“). Zu den publikumswirksamen Höhepunkten zählen die Reminiszenzen an den großen Tonfilm wie „Bel Ami“, genauso wie die Erinnerung an die Comedian Harmonists mit „Kleiner, grüner Kaktus“. Für seine Interpretation von „Moritat von Mackie Messer“ hat Raabe einst sogar einen Echo Klassik erhalten.

Bei allem Schellack- und Grammophon-Charme verschließt sich Raabe nicht den digitalen Strömungen unserer Zeit. Das erkennt man daran, dass verspielte, raffinierte Projektionen über dem Setting mit den Musikern interagieren, umrahmt vom atmosphärischen Licht der Revue-Strahler.

Einige süffisante Worte hat der Sänger auch für Alexa gehabt, die nicht ohne Grund aus dem Taufregister verschwunden wäre. Die Frida („Heut‘ war ich bei der Frida“) allerdings wäre auch ein nicht mehr so häufig verwendeter Name.

Lateinamerikanische Einflüsse

Wie sehr der Kulturbotschafter Raabe systemrelevant ist, liegt daran, dass mit seiner Ausnahmestellung diese quirlige Unterhaltungswelt der Weimarer Zeit nicht in Vergessenheit gerät. Und wie zeitlos sein Steckenpferd ist, das auch eine jüngere Generation anzusprechen vermag, hat sein Unplugged-Konzert in „Clärchens Ballhaus“ in Berlin gezeigt, wo die unterschiedlichsten Künstler – von Lea, Namika bis Samy Deluxe – seinen Liedern ihre persönliche Note verliehen haben. Einer derjenigen, die eingeladen waren und kamen, war Herbert Grönemeyer, der sich auch mächtig ins Zeug legte, ein Raabe-Lied zu prägen. Im Gegenzug bedankt sich Raabe nun, in dem er das Grönemeyer-Stück „Mambo“ auf seine unverwechselbare Art und Weise interpretiert. Es war nicht der einzige lateinamerikanische Einfluss an diesem Abend. Selbst das vorweihnachtliche „O Tannenbaum“ wurde als Paso doble im Hazienda-Stil vorgetragen, gefolgt von instrumentalen Intermezzi, bei denen unterschiedliche Instrumentensektionen des Palast Orchesters temperamentvoll hervorgetreten sind.

Es benötigt mehrere Zugaben nach dem Abschlussritual, mit dem Raabe und das Palast Orchester das letzte Stück des Abends mit den Worten ankündigen: „Niemand bedauert das mehr als wir“.

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Erstellt:
6. Dezember 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 50sec

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