Mayr-Melnhof kauft Baden-Board-Gelände

Murgtal (tom/ama) – Die Kartonfabrik Mayr-Melnhof Gernsbach hat zu Jahresbeginn Flächen der Baden Board GmbH erworben.

Traditionsunternehmen am Ende: Das Karton- und Verpackungsunternehmen Baden Board. Foto: Veronika Gareus-Kugel

© vgk

Traditionsunternehmen am Ende: Das Karton- und Verpackungsunternehmen Baden Board. Foto: Veronika Gareus-Kugel

Vermutungen, dass auch die Koehler AG Flächen auf dem Gelände an der Murg erwerben will, wurden bislang nicht offiziell bestätigt.

In einer Pressemitteilung informierte die Mayr-Melnhof Karton AG aus Österreich über die jüngste Entwicklung; sie gibt sich darin sehr zurückhaltend: „Die Kartonfabrik MM Gernsbach hat zu Jahresbeginn 2022 Grundstücke in Gernsbach erworben, auf denen zuvor eine andere Kartonfabrik betrieben wurde (dieser Betrieb wurde aufgrund einer Insolvenz zwischenzeitlich eingestellt)“, schreibt Mayr-Melnhof.

Grund für den Immobilienkauf sei „der Platzbedarf für die Weiterentwicklung des Werks MM Gernsbach im Stadtteil Obertsrot“.

Zu den Hintergründen wird Thomas Knapp zitiert; er ist Geschäftsführer von MM Gernsbach: „Aufgrund der aktuellen Platzsituation schafft der Erwerb der benachbarten Liegenschaft eine langfristige Perspektive für MM Gernsbach. Für die künftige Nutzung gibt es bereits mehrere Konzepte, die derzeit intensiv evaluiert werden.“ Konkret nannte Knapp ein „Sheeting Center“, auf Deutsch: eine Karton-Schneideanlage.

Mit weiteren Angaben hält sich Mayr-Melnhof zurück. Ein Sprecher in Wien bestätigte am Mittwochnachmittag lediglich, dass das Unternehmen Flächen mitsamt Gebäuden auf rund neun Hektar gekauft habe. Weitere Fragen, zum Beispiel nach dem Kaufpreis, wurden nicht beantwortet.

Ungewissheit für die Mitarbeiter

Über die Zukunft der Gebäude werde im Rahmen der Evaluierung „verschiedener Konzepte“ entschieden, ebenso über mögliche Investitionen auf dem Gelände. Ob und inwieweit MM auf das Potenzial der bisherigen Baden Board-Mitarbeiter zurückgreifen wolle, auch dazu könne man derzeit keine Angaben machen.

Karsten Rehbein, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, meinte am Mittwoch zum Grundstücksverkauf: „Wir wissen das bislang nur inoffiziell.“ Seiner Kenntnis nach sei das gesamte Baden-Board-Gelände verkauft worden. Flächen und Gebäude, so bestätigte er, sind in einer separaten Gesellschaft und damit rechtlich unabhängig von der Gesellschaft, die in der Insolvenz ist.

„Wir wissen nicht, was MM dort vorhat“, gibt Rehbein zu bedenken, „unsere Befürchtung ist, dass MM kein Interesse an einer Fortführung der Papiermaschine hat.“ Nach seiner Kenntnis werden bei Baden Board lediglich noch Restarbeiten im Packaging-Bereich ausgeführt. Die Gewerkschaft wisse nicht, wie viele der Mitarbeiter dort noch beschäftigt sind. Für die anderen Mitarbeiter ist nach drei Monaten Insolvenzgeld ab Februar die Agentur für Arbeit zuständig.

Was ist dran an Gerüchten, dass die Koehler AG an Flächen und Gebäuden des Packaging-Bereichs interessiert ist? Bekanntlich liegt in unmittelbarer Nähe der Bierdeckelhersteller Katz, der zur Koehler-Gruppe gehört. Deren Pressesprecher Alexander Stöckle sagte auf Anfrage am Mittwochnachmittag, dass sich Koehler nicht zu einem Interesse an Gelände von Baden Board äußern werde. Er sehe im laufenden Insolvenzverfahren den Insolvenzverwalter in der Verantwortung, solche Informationen nach außen zu geben. Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme von der Kanzlei Hoefer Schmidt-Thieme (Baden-Baden) hingegen verweist darauf, dass er noch keine offizielle Information über die neue Grundstücksangelegenheit habe.

Zwei benachbarte Fabriken

Baden Board GmbH: Das Traditionsunternehmen hatte zuletzt knapp 300 Beschäftigte in den Werksteilen in Obertsrot und Weisenbach.

Der schwedische Konzern Fiskeby Board wollte den Karton- und Verpackungsspezialisten im September vollständig übernehmen, ist dann aber völlig überraschend vom Kauf zurückgetreten. Mit den Schweden als Investor hatten die Murgtäler gehofft, endlich wieder eine langfristige Perspektive für ihren Standort zu sehen.

Baden Board war 2018 von Smurfit Kappa an die Münchener Livia Gruppe veräußert worden, die sich nur ein Jahr später wieder davon trennte und das Unternehmen an die deutsch-tschechische Marperger Group (Pilsen) verkaufte.

Baden Board war bis Oktober 2020 unter einem Schutzschirmverfahren (Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung), in das man sich im November 2019 freiwillig begeben hatte. Ziel war, sich von hohen bilanzierten Schulden zu befreien, die die Gesellschaft in der Vergangenheit aufgebaut hatte.

Der von Baden Board vorgelegte Schuldenbereinigungsplan war im Oktober 2020 durch die Gläubigerversammlung und das zuständige Amtsgericht Baden-Baden einstimmig angenommen worden. Für die Mitarbeiter bedeutete das unter anderem Reduzierung des Bruttojahresentgelts um etwa zehn Prozent und Erhöhung der Wochenarbeitszeit.

Mayr-Melnhof Gernsbach stellt in Obertsrot mit rund 250 Mitarbeitern circa 250.000 Tonnen Recyclingkarton her. MM sieht sich als Europas führender Produzent unter anderem von Karton und Faltschachteln. MM beschäftigt insgesamt 12.500 Menschen.

Weiterer Bericht zum Thema


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.