McDonald’s-Filialen: Chefwechsel mitten im Lockdown

Baden-Baden/Pforzheim (tas) – Dennis Schnell hat die Verantwortung für acht McDonald‘s-Filialen in Nordbaden übernommen. Im BT-Interview sprechen er und sein Vater Leander über den Chefwechsel.

Leander (links) und Dennis Schnell in einem ihrer beiden Pforzheimer Restaurants. Es gehört zu den umsatzstärksten in ganz Deutschland. Foto: Tobias Symanski

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Leander (links) und Dennis Schnell in einem ihrer beiden Pforzheimer Restaurants. Es gehört zu den umsatzstärksten in ganz Deutschland. Foto: Tobias Symanski

BT: Herr Schnell, können Sie Ihren Mitarbeitern auch zeigen, wie man einen Burger richtig zubereitet?
Leander Schnell: Mein Sohn mit Sicherheit, ich selbst befand mich in den vergangenen zwei Jahren auf dem Rückzug aus dem operativen Geschäft. Klar ist aber: In den Stoßzeiten muss man auch als Chef die Ärmel hochkrempeln und selbst mit in der Küche oder im Service anpacken. Nur so fühlt man, was die Leute beschäftigt, was machbar ist und wie man Systeme verbessern kann.
Dennis Schnell: Ich habe bereits mit 16 Jahren in den Restaurants mitgearbeitet, denn es gab kein Taschengeld mehr. Ich begann also früh damit, die Firma kennenzulernen und sie auch zu verstehen. Ich habe zwölf Jahre lang in allen möglichen Bereichen gearbeitet und nach und nach mehr Verantwortung übernommen. Heute bin ich unglaublich dankbar, dass wir uns die notwendige Zeit dafür genommen haben.

BT: Wie oft sind Sie in ihren Filialen unterwegs?
Dennis Schnell: Am Morgen kümmere ich mich um die Aufgaben in der Verwaltung in Steinbach, aber bereits am Vormittag zieht es mich dann in die Restaurants. Da geht es um viele unterschiedliche Themen wie Personalführung, Gebäude- oder Anlagenmanagement.

BT: Wie oft probieren Sie auch das, was Sie in Ihren Restaurants anbieten?
Dennis Schnell: Es gibt selten einen Tag, an dem ich gar nichts in einem der Restaurants esse. Mindestens einmal in der Woche ist es auf jeden Fall eine ganze Hauptmahlzeit.

BT: Die Corona-Pandemie hat der deutschen Gastrobranche einen herben Schlag verpasst. Wie nehmen Sie die Stimmung derzeit wahr?
Dennis Schnell: Es ist schlimm, einen großen Teil unserer Branche in einer so existenziellen Gefahr zu sehen; wenn man immer hört, dass viele nach dem Lockdown nicht mehr aufmachen werden. Auch schon vor der Pandemie waren zahlreiche Betriebe an einem Punkt, wo ein gehöriges Maß Idealismus dazu gehört hat. Viele Gastronomen führen Betriebe über mehrere Generationen und Jahrzehnte hinweg – für sie ist die Lage unglaublich dramatisch.

„Das kann man nicht kompensieren“


BT: Und wie schlagen sich die Restaurants von McDonald’s?
Dennis Schnell: Wir wissen unsere Lage sehr zu schätzen. McDonald’s hat den Franchisenehmern bereits im vergangenen März Liquiditätshilfen zur Verfügung gestellt …
Leander Schnell: … Wo es notwendig war, wurden nicht nur Mieten gestundet, sondern nachgelassen. Wenn wenig Umsatz da war, wurde auch wenig Miete fällig.

BT: Von Flaute merkt man hier aber nicht viel. Am Mittag gab es eine Warteschlange im hiesigen Drive-in-Bereich.
Leander Schnell: Die Situation hier ist nicht unbedingt repräsentativ für alle Standorte. Im April und Mai 2020 war eines unserer beiden Restaurant in Pforzheim das umsatzstärkste von McDonald’s in ganz Deutschland. Es gibt aber auch Filialen in den Innenstädten oder in Einkaufszentren, die geschlossen waren und keinen einzigen Cent Umsatz eingefahren haben. Wenn man keinen Drive-in hat und nur ein bisschen Take-away-Geschäft macht, sind die Kosten einer Öffnung einfach zu hoch. Hier ist die Situation vergleichbar mit jedem anderen Gastrobetrieb, der derzeit nichts verkaufen kann.
Dennis Schnell: Unter dem Strich sind aber auch wir bei den Umsätzen im zweistelligen Minus. Durch die abendlichen Schließungen fehlen uns 30 bis 35 Prozent der Öffnungszeit. Das kann man nicht kompensieren. Es stellt sich also die Herausforderung, allen Mitarbeiter die Beschäftigung zu sichern. Deshalb kommen wir im Februar nicht um Kurzarbeit herum. Wir wollen aber nicht jammern. In dieser Situation betrachten wir uns ein Stück weit als privilegiert.

BT: McDonald’s gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Inwieweit hat sich dies im ersten Lockdown ausgezahlt?
Leander Schnell: Wir mussten nichts neu aufbauen – so wie viele andere Gastronomen –, sondern schlicht umdenken, dass im Innengeschäft so gut wie nichts mehr geht. Wir waren in kürzester Zeit in der Lage, Umsatzverluste über Servicegeschwindigkeit abzufedern. Der Gast hat erkannt, dass er nicht eine Stunde bei uns warten muss, um an ein Essen zu kommen. Auch als der erste Lockdown vorbei war, haben wir bemerkt, dass wir eine Gästeschicht dazugewonnen haben, die vorher noch nicht da war. Im Drive-in-Bereich konnten wir deshalb Umsätze generieren, die bis zu diesem Zeitpunkt so nicht denkbar gewesen wären.
Dennis Schnell: Die McDonald’s-App hat uns bei der Abwicklung der Bestellungen sehr geholfen. Sie ist nicht nur für den Gast, sondern auch für uns eine tolle Schnittstelle, um die Abläufe zu optimieren.

BT: Wie viele Bestellungen mehr können Sie durch den Einsatz der App abwickeln?
Dennis Schnell: Dazu liegen uns noch keine Auswertungen vor. Ein durchschnittlicher Orderprozess an der Säule oder Kasse dauert in der Regel etwa 30 Sekunden, mit mobilen Applikationen sind es vielleicht noch zehn Sekunden.
Leander Schnell: Wenn man früher 60 Autos pro Stunde geschafft hat, war das eine richtig gute Leistung. Jetzt haben wir einen Rekord von 120 Autos bei 15 Euro durchschnittlichem Verkaufswert geschafft.

„Warum soll ich vorne noch rumtreten?“

BT: Die Pandemie ist für McDonald’s auch ein riesiger Testlauf. Wird der Bestellvorgang künftig ganz ohne den Menschen ablaufen?
Leander Schnell: Ich schließe heute nichts aus. Es wird Systeme geben, die werden immer technikbasierter. Und trotzdem wird der Mensch benötigt, um gute und richtige Entscheidungen vor Ort zu treffen.
Dennis Schnell: Technisch gesehen bräuchte man wahrscheinlich keine Menschen mehr für die Bestellabwicklung. Wenn man diese Frage allerdings mit Blick auf das Bedürfnis des Gastes beantwortet, sieht es anders aus. Man kann seine Bestellung ohne Stress zusammen mit den Kindern zu Hause vorbereiten, sich hier im Restaurant an einen Tisch setzen und die Order zusammen mit der Tischnummer digital in unser System geben. Die frühere Servicekraft an der Kasse kann sich deshalb heute viel persönlicher um den Gast kümmern.

BT: Wird aus dem Selbstbedienungsrestaurant also ein „normaler“ Gastrobetrieb?
Dennis Schnell: McDonald’s wird auf jeden Fall individueller. Früher wurden die Burger en bloc auf Vorrat hergestellt: sechs Big Macs oder acht Hamburger, die warm gehalten wurden. Heute wird das Essen erst dann zubereitet, wenn es der Gast auch bestellt hat. Zum einen soll dadurch die Qualität der Produkte erhöht werden, zum anderen sollen sie zielgenauer auf den Gast zugeschnitten sein.
Leander Schnell: Früher konnte man nur den Salat beim Burger weglassen, heute ist es möglich, eine zusätzliche Scheibe Käse oder Bacon dazu zu bestellen.

BT: Zum Jahreswechsel haben Sie die Nachfolgeregelung in Ihrem Unternehmen abgeschlossen. Mit 61 Jahren treten Sie für Ihren Sohn zur Seite. War es schon Zeit dafür?
Leander Schnell: Wir haben ein ganz klares Übergabeziel vereinbart und waren sogar zwei Jahre schneller als ursprünglich gedacht. Warum soll ich vorne noch rumtreten, wenn er die Dinge perfekt macht?

BT: Mitte der 90er haben Sie sich aus dem Familien-Baubetrieb verabschiedet, um etwas komplett Neues zu machen. Warum ausgerechnet Systemgastronomie?
Leander Schnell: Mein Plan, zu wechseln, stand. Und Ich habe drei, vier Jahre darüber nachgedacht in welchen Bereich. Dem väterlichen Bauunternehmen wollte ich keine Konkurrenz machen und bin dann auf das Thema Franchise gekommen. McDonald’s war hier führend. Das Unternehmen suchte damals neue Lizenznehmer, es gab 3.300 Bewerbungen auf elf Lizenzen. Für mich war es eine schöne Auszeichnung, beim Weltmarktführer zum Zug zu kommen.

BT: Was hat Sie so zuversichtlich gemacht, dass Sie das schaffen. Sie hatten doch im Prinzip keine Ahnung von der Gastronomie?
Leander Schnell: McDonald’s hat Menschen mit Unternehmer-Charakter gesucht, die Beschäftigte führen können, die selbst angreifen, die keine Angst vor Investitionen haben und mit einer Vision in die Zukunft gehen. All das konnte ich anbieten. Bei McDonald’s sind heute viele unternehmerische Typen aktiv – vom ausgebildeten Arzt bis hin zum ehemaligen Boxchampion.

BT: Im klassischen Unternehmen läuft es so: Der Chef übergibt dem Nachwuchs die Firma und basta. Warum läuft das bei McDonald’s nicht so?
Leander Schnell: Es gibt bei McDonald’s kein Anrecht, die Lizenz an seine Kinder weiterzugeben. Nur der Franchisegeber entscheidet, wer ein, zwei oder noch mehr Restaurants übernehmen darf. Der Nachfolger muss ein spezielles Programm durchlaufen und dabei beweisen, dass er ein Restaurant erfolgreich führen kann.
Dennis Schnell: Für mich war das auch ein gewisses Risiko. Man muss die Expansionskriterien von McDonald’s erfüllen, sonst wäre es nicht zu einer Übergabe gekommen.

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Acht McDonald’s-Restaurants mit rund 330 Beschäftigten – Leander Schnell hat in den vergangenen 25 Jahren ein großes mittelständisches Gastronomieunternehmen aufgebaut. Schnell entstammt der gleichnamigen Unternehmerfamilie, die mit der Josef Schnell Holding in Baden-Baden ein in der Region bekanntes Tiefbauunternehmen betreibt.

Dort war der gelernte Industriekaufmann und studierte Betriebswirt für rund zehn Jahre zunächst als Betriebs- und Geschäftsleiter tätig – wechselte Mitte der 90er-Jahre aber in die Systemgastronomie. Am 2. November 1995 eröffnete er sein erstes McDonald’s-Restaurant in Bruchsal, es kamen über die Jahre weitere in Karlsdorf, Bretten, Pforzheim (zwei), Germersheim, Oberhausen-Rheinhausen und Niefern-Öschelbronn hinzu.

Zum Jahreswechsel hat Leander Schnell die gesamten Geschäfte an seinen Sohn Dennis (35) übergeben, nachdem dieser sich bereits ab 2016 als Lizenznehmer um zwei der acht Standorte gekümmert hatte.

Laut eigenen Angaben werden rund 90 Prozent der 1.470 McDonald’s-Restaurants in Deutschland von 226 mittelständischen Franchise-Partnern auf eigene Rechnung betrieben, 57 von ihnen tun dies bereits in der zweiten Generation.

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Erstellt:
22. Februar 2021, 21:30 Uhr
Lesedauer:
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