Medienkonsum bei Kleinkindern nimmt gravierend zu

Weniger ist mehr: Für deutlich mehr Achtsamkeit im Umgang mit digitalen Medien werben Johannes Baumann, Martin Schüler und Andrea Seiler. Foto: Koch

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Weniger ist mehr: Für deutlich mehr Achtsamkeit im Umgang mit digitalen Medien werben Johannes Baumann, Martin Schüler und Andrea Seiler. Foto: Koch

Kinder, die keine richtigen Sätze sprechen, nicht Ball fangen können oder nicht wissen, wie man mit einer Schere umgeht: Andrea Seiler vom Frühförderverbund Rastatt der sonderpädagogischen Beratungsstellen und Martin Schüler, Kinderarzt im Gesundheitsamt, haben täglich mit Kindern zu tun, die entwicklungsverzögert sind. Immer häufiger ist ein zu langer und unkontrollierter Mediengebrauch die Ursache für solche Störungen. Mit zwei Flyern wollen die Fachleute nun die Eltern aufklären.

Es gab früher bereits Kinder, die zu viel ferngeschaut haben, doch im Zeitalter von Smartphones und Tablets hat sich der Medienkonsum selbst bei Kleinkindern massiv gesteigert, wie am Donnerstag im Rahmen eines Pressegesprächs im Landratsamt deutlich wurde. „Wir haben etliche Kinder, die relativ viel, teilweise sogar exzessiv digitale Medien nutzen“, berichtet Schüler. Andrea Seiler ergänzt: „Wir erfahren bei Elterngesprächen auch manchmal, dass sie den Kindern einen unbegrenzten Konsum erlauben. Wir hatten sogar einmal einen Fall, bei dem ein acht Monate altes Baby ein eigenes Smartphone bekam, weil es immer das der Mutter haben wollte.“

Die Pädagogin schildert den Fall eines vierjährigen Kindes mit Migrationshintergrund, das auch nach zwei Jahren im Kindergarten noch kein Deutsch sprechen konnte. „Wir haben mit den Eltern gesprochen, die daraufhin den Medienkonsum des Kindes reduzierten und sich mehr mit ihm befassten. Dies hat sich merklich auf die Deutschkenntnisse ausgewirkt.“

Lern-Apps für Kinder unter drei Jahren nicht geeignet

Wenn Eltern ihren Kindern freie Hand beim Spielen auf dem Handy lassen, dann hat das nicht nur mit Bequemlichkeit zu tun, viele seien auch der Auffassung, dass sie mit Lern-Apps den Kleinen etwas Gutes tun, erläutert Seiler. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: „Es ist nachgewiesen, dass Lern-Apps bei Kindern unter drei Jahren überhaupt keinen pädagogischen Nutzen haben. Bei älteren Kindern ist es pädagogisch wesentlich wertvoller, wenn sich die Eltern mit ihnen beschäftigen“, betont Johannes Baumann von der Psychologischen Beratungsstelle. Er zitiert eine britische Studie, der zufolge bereits 75 Prozent der Kinder zwischen sechs und 36 Monaten täglich mindestens 15 Minuten Kontakt mit einer Touch Screen haben. „Je kleiner die Kinder, desto wichtiger sind haptische Erfahrungen und soziale Interaktion“, verdeutlicht Baumann. Es gebe mittlerweile relativ gute Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen frühkindlichem Medienkonsum und Konzentrationsproblemen sowie kognitiven Entwicklungsverzögerungen belegten. Weitere negative Auswirkungen von übermäßigem Medienkonsum sind Schlafstörungen und zunehmend mehr fettleibige Kinder, beklagt Schüler. „Etwa die Hälfte aller Kinder konsumiert zuviel Medien. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass die Drei- bis Sechsjährigen maximal eine halbe Stunde am Tag digitale Medien konsumieren sollten. Wir stellen hier fest, dass der Schnitt in dieser Altersgruppe zwischen einer halben Stunde und zwei Stunden liegt.“

Hoher Medienkonsum führt bei Kindern zu Kurzsichtigkeit

Aber auch ein weiteres Thema bereitet dem Kinderarzt Sorgen: Kurzsichtigkeit. „Wenn sich das Auge eines Kindes über einen längeren Zeitraum auf etwas in der Nähe fokussiert, dann führt das zu Kurzsichtigkeit und eine Brille ist erforderlich“, warnt der Mediziner. Täglich zwei Stunden draußen zu spielen sei am besten fürs Auge.

Andrea Seiler ergänzt: „Kinder, die sehr viel Zeit mit Medienkonsum verbringen, werden passiv und entwickeln keine eigenen Ideen, sondern warten ab, bis sie bespaßt werden.“

Vor diesem Hintergrund entschloss sich der Frühförderverbund, gemeinsam mit dem Gesundheitsamt und Jugendamt zwei Flyer herauszugeben, um Eltern über die Gefahren des Medienkonsums aufzuklären. Seit Ende vergangenen Jahres liegen sie in den Kindergärten und Kinderarztpraxen in den Kreisen Rastatt und Baden-Baden aus. Johannes Baumann betont zum Schluss: „Das Medienverhalten der Eltern ist entscheidend dafür, wie die Kinder damit umgehen.“


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