Medizinische Fachangestellte: An vorderster Front

Rastatt (dm) – Auch im Kampf gegen Corona stehen sie an vorderster Front: Die Medizinischen Fachangestellten in den Arztpraxen. In der öffentlichen Wahrnehmung spielt das bislang kaum eine Rolle.

Nicht nur in Rastatt: Bundesweit fordern MFA mehr Wertschätzung ein wie hier bei einer Aktion des Verbands medizinischer Fachberufe in Berlin. Foto: G.J. Lopata

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Nicht nur in Rastatt: Bundesweit fordern MFA mehr Wertschätzung ein wie hier bei einer Aktion des Verbands medizinischer Fachberufe in Berlin. Foto: G.J. Lopata

In jeder Arztpraxis halten sie den „Laden“ zusammen, und gerade auch im Kampf gegen die Corona-Pandemie stehen sie an vorderster Front: Die Medizinischen Fachangestellten (MFA). Im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen im medizinischen- oder Pflegebereich erfahren sie indes bislang kaum entsprechende Anerkennung. Es ist, als seien sie in der Öffentlichkeit und der Politik nicht „existent“, wie drei von ihnen nun im BT-Gespräch feststellen.
„Wir sind die ersten, die Kontakt haben zum Patienten, am Telefon, per E-Mail, direkt von Angesicht zu Angesicht“, verdeutlichen sie. „Wir sind die ersten, die Entscheidungen treffen.“ Angefangen mit der Frage: Wer darf rein? Die drei, die namentlich nicht genannt werden wollen, arbeiten in einer Rastatter Corona-Schwerpunktpraxis; da gilt es, strikt zu trennen, damit sich die Patienten nicht mischen: reguläre Sprechstunde, Infektsprechstunde, Test-Abstriche. Und mit der Organisation und Logistik ist die Arbeit noch lange nicht erledigt. Die MFA nehmen Blut ab, legen Infusionen und Verbände, machen EKG, verabreichen Spritzen – und mehr. „Wir machen viel an und mit den Patienten“, betonen die drei Fachkräfte. Dazu kommen die erweiterten Hygienemaßnahmen und Desinfektionen – und dann wartet da auch noch die vielfältige Abrechnungsbürokratie. Abstriche für Patienten mit oder ohne Symptome, ohne oder mit persönlichem Kontakt zu Covid-19-Positiven, für Lehrer, für medizinisches oder Pflegepersonal, für Personen nach Warnung durch die Corona-App oder nach Rückkehr aus einem Risikogebiet: Für all diese gebe es unterschiedliche Abrechnungsverfahren (andere Laborscheine, andere Kennziffern) – und dann änderten sich auch noch alle paar Wochen die Leitlinien dafür, stets „ab sofort“.

Anlaufstelle Nummer eins

Und ganz klar: Wenn jetzt im Winter die Infektionszahlen steigen – „bin ich nur erkältet oder ist es Corona?“ – dann ist die Hausarztpraxis weiter die erste Anlaufstelle. Gedankt bekommen es die Praxisteams offenbar wenig. „Leider sind es wir, die den Frust vieler Bürger über die aktuelle Situation ungefiltert zu spüren bekommen“, wie nicht nur die Rastatter Fachkräfte feststellen. Will heißen: Trotz der Vorgaben, die andernorts gegeben werden, komme es vor Ort immer wieder zu „endlosen Diskussionen“ und Unmutsäußerungen.

Das kostet nicht nur Nerven – die bundesweit bei medizinischen Fachangestellten inzwischen blank liegen –, das stört auch die Abläufe in der ohnehin ausgelasteten Praxis. Da stehen plötzlich Patienten mit Erkältungssymptomen trotz anderslautender Aufforderung doch direkt an der Anmeldetheke, während andere, die draußen warten, von dort aus das ohnehin überlastete Praxistelefon anwählen. Andere verlangen, dass sie sofort einen Abstrich bekommen – und es komme auch zu Auseinandersetzungen zwischen Patienten, die es zu schlichten gilt. Vor Ort „ausgebadet“ werden musste zudem, dass von oben herab noch für Grippe- und Pneumokokkenimpfung geworben wurde, als der Impfstoff zwischenzeitlich gar nicht mehr vorrätig war.

Dass der „Laden“ trotzdem läuft – das schreiben sich die MFA auf die Fahnen, und darauf sind sie auch stolz. Einige Patienten erkennen das und bedanken sich dafür, berichten sie im BT-Gespräch. Und auch ihr „Chef“ würdige die Arbeit seines Teams. Dass das Thema in die Öffentlichkeit komme, sei höchste Zeit. Der Verband medizinischer Fachberufe fordert ohnehin, dass die 400000 medizinischen Fachangestellten im Bund endlich als systemrelevant wahrgenommen werden.

Säule der Versorgung

In der Politik sehen sich die Praxiskräfte indes weitgehend unbeachtet. In einer Anzeige wies das Bundesgesundheitsministerium neulich (wieder) auf die großartigen Leistungen der Pflegekräfte hin, verbunden mit der Aufforderung, diese zu unterstützen. Das wollen die MFA gar nicht in Abrede stellen. Dass von ihnen aber nicht die Rede ist, ärgert sie.

„Wenn das ambulante Gesundheitswesen weiter eine stabile Säule der Versorgung bleiben soll, müssen auch die MFA neu bewertet werden“, sagen sie. Was ein erstes Zeichen der Anerkennung ihrer besonderen Belastungen wäre: Die bislang ausgebliebene Berücksichtigung bei der Zahlung des coronabedingten Pflege-Sonderbonus.

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Erstellt:
18. Dezember 2020, 14:53 Uhr
Lesedauer:
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