Mehr Inklusion für psychisch Kranke

Rastatt (galu) – Rund 8.400 Menschen im Landkreis Rastatt gelten als seelisch behindert, so das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit am Freitag. Die geplante Aktionswoche fällt coronabedingt aus.

Psychische Krankheiten in der Gesellschaft nehmen zu, werden jedoch immer noch stark stigmatisiert. Foto: Sina Schuldt/dpa

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Psychische Krankheiten in der Gesellschaft nehmen zu, werden jedoch immer noch stark stigmatisiert. Foto: Sina Schuldt/dpa

Die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher. Um auf die Belange dieser Menschen aufmerksam zu machen, wurde am 10. Oktober 1992 der jährliche Welttag der seelischen Gesundheit ins Leben gerufen. Auch der Landkreis Rastatt beteiligt sich jährlich mit einer ganzen Aktionswoche – diese muss in diesem Jahr jedoch coronabedingt ausfallen. Auch der als Ersatz geplante Aktionstag am kommenden Samstag musste nun abgesagt werden. Schweren Herzens, wie Petra Mumbach, die Behindertenbeauftragte für den Landkreis Rastatt, bekennt: „Wir haben versucht, ein Konzept zu finden, das möglichst allen Zugang gewährt zu unserer Aktion – aber ein Restrisiko bleibt natürlich. Viele hätten dann gar nicht teilnehmen können.“ Aber, so Mumbach, man wolle den Tag definitiv nachholen. Angepeilt habe man dafür das zweite Quartal 2021. Denn die generelle Botschaft sei zu wichtig, um die Aktion komplett ausfallen zu lassen. Als Ersatz für den Ersatz fand nun am Freitag ein Gespräch mit Vertretern des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit und psychisch Erkrankten statt. Denn das Statement bleibe das gleiche: Psychisch Erkrankte brauchen Unterstützung.

Seelisch behinderte Menschen werden stigmatisiert

Noch immer werden seelisch behinderte Menschen stigmatisiert – egal, ob im Alltag, bei der Wohnungs- oder Jobsuche, selbst von ärztlicher Seite. Unter Betreuern war gerade zu Beginn der Corona-Krise die Befürchtung groß, dass die Fallzahlen psychischer Erkrankungen rapide steigen würden. Zumindest im Landkreis Rastatt war das nur bedingt der Fall. Paul Hnas, Ressortleiter des gemeindepsychiatrischen Dienstes des Caritasverbands Rastatt, spricht von einem Anstieg an Anfragen von rund fünf Prozent. Anders bei Mumbach: Vor allem ganze Familien hätten sich an ihre Stelle gewandt, vereinzelt jedoch auch Einzelpersonen mit einer Vielzahl an psychischen Problemen. Rachel Fritsch, ihres Zeichens Mutter eines psychisch kranken Sohnes und Leiterin der Selbsthilfegruppe Angehörige psychisch erkrankter Menschen (APK) in und um Rastatt, berichtet vor allem von Anfragen von Angehörigen „Neuerkrankter“, also Menschen, bei denen sich in der Corona-Krise erstmals eine psychische Erkrankung bemerkbar gemacht hat. Gleichzeitig spricht sie aber auch von der Resilienz der Betroffenen, die ihnen oft abgesprochen wird.

Inklusion für psychisch Erkrankte gefordert

Generell habe sich in den letzten Jahren vieles verändert, sind sich sowohl die anwesenden Betroffenen als auch die Vertreter des Aktionsbündnisses einig. Michael Balzer, pädagogischer Leiter der Murgtal-Werktstätten und Wohngemeinschaften der Lebenshilfe, begrüßt die Tatsache, dass in den Lebenshilfeeinrichtungen auch vermehrt psychisch Erkrankte betreut werden und betreut werden können. Während beispielsweise Depressionen eine immer größere Verbreitung und damit einhergehend auch Akzeptanz in der Gesellschaft erfahren, werden andere psychische Erkrankungen dennoch weiter totgeschwiegen. Ärgerlich sei vor allem, dass nur die „richtig krassen Fälle“ wie psychotische Mörder Aufmerksamkeit erregen würden, sagt Sonja Eckert – sie selbst ist psychisch krank und arbeitet in den Werkstätten der Lebenshilfe Rastatt. Um an diesem Öffentlichkeitsbild zu rütteln, um Barrieren und Berührungsängste in den Köpfen der Menschen abzubauen, dafür werben Petra Mumbach und die über 30 Parteien des Aktionsbündnisses. „Wir haben auch Betroffene miteinbezogen, um aus erster Hand über die Bedürfnisse seelisch Behinderter zu lernen und unser Angebot dementsprechend auszuweiten“, sagt Mumbach. Damit wolle man vor allem als gutes Beispiel für andere Stadt- und Landkreise vorangehen, aber auch Angehörige und Nicht-Betroffene erreichen. Denn, so Mumbach, Inklusion sei auch und gerade für psychisch erkrankte Menschen wichtig und notwendig.

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Erstellt:
9. Oktober 2020, 11:00 Uhr
Lesedauer:
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