Mehr Orientierung am Gemeinwohl?

Karlsruhe (patz) – Was wird sich durch Corona alles verändern? Beim KIT erstellen Wissenschaftler eine Studie über die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie. Erste Ergebnisse liegen nun vor.

„Die Wissenschaft wird mehr wahrgenommen“: KIT-Studienleiter Oliver Parodi.   Foto: Markus Breig/KIT

© KIT

„Die Wissenschaft wird mehr wahrgenommen“: KIT-Studienleiter Oliver Parodi. Foto: Markus Breig/KIT

Wie wird die Zukunft aussehen? Wie wird vor allem diese Pandemie unser Leben verändern? Wird es besser, wird es schlechter werden? Schon jetzt sieht man nicht nur Demokratiegegner, die sich formieren, sondern erlebt auch eine Welle an Mitgefühl und freiwilligem Engagement für die Schwächeren in unserem Land. Aber wie wird es weitergehen, was wird sich durchsetzen?

Um das gründlich zu erforschen, hat das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher KIT eine Studie mit dem Titel „Gesellschaftliche Folgen der Corona-Krise“ erstellt. Mehr als 250 Wissenschaftler, die sich berufsbedingt und zum Teil schon seit 20 Jahren mit der Entwicklung der Gesellschaft beschäftigen, wurden online nach ihren Meinungen über die Zukunft befragt, Techniker, Ingenieure, Naturwissenschaftler, aber auch Gesellschafts- und Politikwissenschaftler.

Sie wurden mit 21 Thesen konfrontiert, zu denen sie sagen sollten, ob sie sie unwahrscheinlich, eher unwahrscheinlich, eher wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich finden. Alle Bereiche möglicher Entwicklungen wurden dabei abgedeckt: Der zukünftige Wert „von Gesundheit und Wohlbefinden und des guten Lebens“ und der Achtsamkeit ebenso wie die „tragende Bedeutung der digitalen Infrastruktur in vielen gesellschaftlichen Bereichen (insbesondere Bildung)“.

„Abkehr vom Individualismus“

Eine eher psychologische These lautet: „Wir werden infolge der Corona-Krise eine Abkehr vom Individualismus und eine nachhaltige Hinwendung zu mehr Solidarität und Altruismus erleben.“ Die Rolle des Staates wurde ebenso hinterfragt wie der Stellenwert der Systemrelevanz.

Die Forschungsgruppe „Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Transformation“ führte diese Studie durch und wertet sie jetzt auch nach und nach aus. Ihr Leiter, Oliver Parodi, benennt klar das Ziel: „Uns geht es nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, sondern es geht darum, uns jetzt mit möglichen zukünftigen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Auch um sagen zu können: Was müssen wir jetzt tun, wissenschaftlich und gesellschaftlich, um eine bessere Welt zu schaffen.“

Die ersten Ergebnisse sind jetzt als statistische Auswertung veröffentlicht. Da halten es viele Wissenschaftler für sehr wahrscheinlich, dass die transdisziplinäre Forschung zwischen den Instituten und Ländern zunehmen wird, dass auch die weitere Vernetzung und die mediale Kommunikation zunehmen werden.

Die körperlose Gesellschaft?

Und auch der These, dass die „verstärkt praktizierte digitale Kommunikation und virtuelle Arbeitsweise“ auch langfristig „zu einer (graduell) vermehrt distanzierten, technisch vermittelten und ‚körperlosen‘ Gesellschaft“ führe, stimmten sehr viele Zukunftsforscher zu. Und dass Länder und Unternehmen, die sich mittelfristig dem Klimaschutz zuwenden, erfolgreicher als andere sein werden, halten einige von ihnen für sehr wahrscheinlich.

Auch bei der Frage nach der Relevanz für die Politik und der Dauer der Entwicklungen ergeben die Meinungen ein interessantes Bild. Dass Achtsamkeit zum Beispiel als gesellschaftlicher Wert gewinnen würde, halten die meisten eher für unwahrscheinlich. Erstaunlicherweise erwarten die Forscher allerdings, dass im Gesundheitswesen, der Wissenschaft oder Kinderbetreuung die „Profitoptimierung in diesen Bereichen zunehmend durch Ideen des Gemeinwohls herausgefordert“ werden wird. Und viele stimmen überein, dass alle Teile der Gesellschaft mitgenommen werden müssen. Noch ausgewertet werden müssen die freien Kommentare, die die Wissenschaftler zusätzlich gemacht haben.

Parodi hat zudem „den Ruf der Politik wahrgenommen, mehr wissenschaftlichen Input für Entscheidungen zu bekommen. Ich habe das Gefühl, dass die Wissenschaft jetzt aufgewertet und mehr wahrgenommen wird, auch abseits der medialen Aufmerksamkeit, die Virologen zur Zeit haben.“ Können diese und weitere Studien also einen Beitrag zu einer besseren Gesellschaft leisten? „Wir werden auf die politischen Entscheider aktiv zugehen.“

Zum Artikel

Erstellt:
19. Januar 2021, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 42sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.