Mehr Platz, aber weniger soziale Kontakte

Baden-Baden/Rastatt (for/naf) – Zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni wird auf die Situation Geflüchteter aufmerksam gemacht. Das BT hat die Situation in Mittelbaden beleuchtet.

Zu Hause auf dem Waldseeplatz: Seit dreieinhalb Jahren lebt Achmed (rechts) in der Flüchtlingsunterkunft. Foto: Florian Krekel

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Zu Hause auf dem Waldseeplatz: Seit dreieinhalb Jahren lebt Achmed (rechts) in der Flüchtlingsunterkunft. Foto: Florian Krekel

„Es ist so schön ruhig hier.“ Achmeds Augen lugen hinter seinen kurzen Dreadlocks hervor. Sie lassen ein Grinsen vermuten, das sich hinter der Maske versteckt, während er von der neuen Heimat spricht. „Baden-Baden ist wie mein Dorf“, sagt der 24-Jährige in gutem Deutsch. Gelernt hat er es in Sprachkursen und bei seiner Arbeit im Lahrer Zalando-Verteilzentrum.

Vor vier Jahren ist Achmed aus Kamerun nach Deutschland gereist, seit dreieinhalb Jahren lebt er in der Kurstadt. Dort sei es schöner als in anderen Städten, die zu laut und voll sind, sagt er. Sein Nebenmann nickt zustimmend. Beide leben in einer der Unterkünfte auf dem Waldseeplatz in Baden-Baden. Beide sind Menschen, die hinter den Zahlen stecken, die seit 2015 in aller Munde waren und während der Corona-Krise teilweise in Vergessenheit gerieten.

Vier bis fünf Geflüchtete werden dem Stadtkreis mittlerweile pro Monat zugewiesen, berichtet Peter Weingärtner, Fachgebietsleiter soziale Leistungen bei der Stadt Baden-Baden. Wenn Asylsuchende in den Ländern ankommen, werden sie nach einem bestimmten Schlüssel auf die Landeserstaufnahmen verteilt – die nächste findet sich in Karlsruhe. Diese teilen die Geflüchteten wiederum verschiedenen Kreisen zu.

Etliche Möglichkeiten für die Zukunft

„Hier werden sie dann von uns vorläufig untergebracht“, sagt Weingärtner, das Asylverfahren läuft parallel an. Wie es dann weitergeht? Da gebe es etliche Möglichkeiten, so Weingärtner weiter: Ob die Geflüchteten in den Gemeinschaftsunterkünften in den Kommunen unterkommen, sich eine eigene Wohnung suchen, WGs gründen oder in ihr Herkunftsland zurückkehren, die Wege können ganz unterschiedlich sein. Letztlich hängt ihr Schicksal aber immer davon ab, wie das Asylverfahren ausgeht. Auf Basis einer persönlichen Anhörung und der eingehenden Überprüfung von Dokumenten und Beweismitteln entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) über den Asylantrag – und somit auch über die Zukunft der Geflüchteten.

Während in der Zeit mit höheren Flüchtlingszahlen viele Doppelzimmer besetzt werden mussten, gibt es aktuell überwiegend Einzelzimmer.

Mehr Platz für jeden – im vergangenen Jahr ist das wichtiger denn je geworden. „Wir haben es auch während der Pandemie geschafft, alle Regeln zeitnah umzusetzen“, sagt Weingärtner. Wegen der gesetzlichen Vorgaben konnten seit Anfang 2020 Treffen und ehrenamtliche Begleitungen jedoch nur stark eingeschränkt stattfinden. „Jetzt sind wir dabei, das alles wieder zu aktivieren“, so Weingärtner. „Über unsere Deutschkurse, das ,Café Kontakt‘ und engagierte Ehrenamtliche sind wir sehr froh.“ Die Angebote sollen in den nächsten Wochen wieder zum alten gesellschaftlichen Leben zurückführen. „Integrationscafés sind und waren vor Ausbruch der Corona-Pandemie wichtige Begegnungsorte für Zugewanderte und Einheimische“, betont auch Benjamin Wedewart, Pressesprecher beim Landratsamt Rastatt.

Pandemie bremst Sprachlernprozesse aus


Viele Geflüchtete suchen laut Wedewart den Kontakt zu deutschen Muttersprachlern und gehen deshalb in die Cafés, treten in Fußballvereine ein und engagieren sich für andere Geflüchtete. So können sie soziale Kontakte knüpfen, finden Unterstützung im Alltag, etwa bei der Hausaufgabenbetreuung und können lernen, auf Deutsch zu kommunizieren. „Vor allem diese Sprachpraxis und die Chance, deutschsprachige Kontakte zu pflegen, fielen in Zeiten des Lockdowns weg“, so Wedewart weiter.

Das konnte auch nicht komplett durch die Kommunikationsangebote per Telefon und Whatsapp aufgefangen werden. Zumal auch Sprachkurse zeitweise gar nicht oder nur eingeschränkt stattfinden konnten. Auch der Vereinssport kam zum Erliegen: „Wie bei allem anderen auch, wurde das während der Pandemie komplett auf null gesetzt“, blickt Weingärtner zurück. Wenigstens habe der Arbeitsplatz bei vielen für einen geregelten Tagesablauf trotz Pandemiebedingungen gesorgt.

Keine großen Corona-Ausbrüche

Die gute Nachricht: In den Baden-Badener Unterkünften sei es bis heute zu keinen großen Corona-Ausbrüchen gekommen. Damit das auch so bleibt, hofft Weingärtner auf eine „möglichst baldige Durchimpfung“. Denn „trotz allem gibt es hier nun mal ein engeres Zusammenleben“. Zum einen war das mobile Impfteam bereits vor Ort – und wird das in der kommenden Woche ein weiteres Mal sein. Zum anderen konnten auch Termine im Impfzentrum wahrgenommen werden. Der Piks ist jedoch nach wie vor freiwillig, betont Weingärtner. Man achte darauf, dass alle die nötigen Informationen und Beratungen erhalten.

Ein großes und dringliches Anliegen sind laut Weingärtner fehlende Wohnungen. „Wir wären wirklich froh, wenn noch einige Menschen bereit wären, uns ihren Wohnraum für Geflüchtete zu vermieten.“ Gerade für Familien mit Kindern halte er das für sehr wichtig. „Das wäre auch im Sinne einer guten Integration.“ Einige der Kinder sind hier geboren, gehen hier in den Kindergarten und sprechen zunehmend gut Deutsch, so Weingärtner.

Der Kontakt mit Menschen, die Deutsch als Muttersprache beherrschen, kann hilfreich sein – auch für Achmed. Er und seine Freunde aus der Unterkunft sprechen meistens französisch miteinander. „Das ist schlecht“, sagt er. Der Kameruner will aber nicht nur besser Deutsch sprechen, auch ein Führerschein steht ganz oben auf seiner To-do-Liste. Nach Feierabend in Lahr muss er dann nicht mehr mit der Bahn nach Hause fahren und ist schneller in der ruhigen Stadt, die so ist wie sein Dorf.


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