Mehr Schulabbrecher durch Corona-Pandemie

Rastatt (stn) – Die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist durch die Corona-Pandemie gefährdet. Das geht aus dem Jahresbericht 2020 der Psychologischen Beratungsstelle Rastatt hervor.

Aufgrund der fehlenden Tagesstruktur verlieren viele Kinder und Jugendliche den Anschluss ans schulische Leben. Foto: Moritz Frankenberg/dpa

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Aufgrund der fehlenden Tagesstruktur verlieren viele Kinder und Jugendliche den Anschluss ans schulische Leben. Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Wie Johannes Baumann, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle Rastatt, am Montag im Jugendhilfeausschuss des Landkreises ausführte, benötigen Kinder drei Dinge, um wachsen zu können: Ihre Familie, von der sie liebevolle Fürsorge, Pflege, Ernährung, Sicherheit, Förderung und Vorbilder, aber auch Grenzen erfahren. Genauso wichtig sei das soziale Umfeld wie Schule, Kita, Vereine und andere Kinder. Diese sorgten für Tagesstruktur, Sozialkontakte, Spiel- und Lerngelegenheiten sowie Erfahrungsräume. Gleichfalls in die Entwicklung eines Kindes spielen zudem die persönlichen Ressourcen hinein. Darunter fallen Gesundheit, Sozialkompetenz, Selbstvertrauen, schulische Fertigkeiten, Ausdauer oder Problemlösefähigkeiten.

Durch die Pandemie ist die gesunde Entwicklung von jungen Menschen allerdings stark gefährdet. Seit Beginn der Corona-Krise habe die Nutzung von digitalen Medien durch Online-Gaming, soziale Netzwerke und Youtube enorm zugenommen, so Baumann. Dadurch bestehe ein erhöhtes Risiko von mediensüchtigem Verhalten. Zugleich habe der verstärkte Medienkonsum auch körperliche Auswirkungen, denn „wer mehr zockt, bewegt sich weniger und trifft sich weniger mit Freunden“. Dadurch sacke die körperliche Fitness ab, weshalb Kinder und Jugendliche dicker würden.

Telefonberatungen mehr als verdoppelt

„Die Folgen der Pandemie sind im Alltagsleben von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich spürbar“, resümiert Baumann im Jahresbericht 2020. Deutlich zeigen sich die Auswirkungen auch im schulischen Bereich. Durch den Distanzunterricht gebe es drastisch verringerte Lernzeiten. „Homeschooling und pandemiebedingte Unterrichtsausfälle führen zu weniger Unterstützung und Leistungsabfall insbesondere bei schwächeren Schülern aus sozial benachteiligten Familien. Viele Kinder und Jugendliche verlieren wegen fehlender Tagesstruktur und ausbleibender sozialer Motivation den Anschluss ans schulische Leben. Schulpsychologische Dienste beobachten in der Folge einen Anstieg von schulverweigerndem Verhalten“, ist im Jahresbericht zu lesen. Jugendliche hätten wegen des Ausfalls von Praktika außerdem eingeschränkte Möglichkeiten der Berufsorientierung.

In den Familien sorgten in vielen Fällen Homeoffice oder Kurzarbeit in Verbindung mit Schul- und Kitaschließungen für räumliche Enge, bisweilen psychische Probleme wie Ängste oder Depressionen und insgesamt für familiären Stress. Nicht zuletzt sei der Nachwuchs einer emotionalen und psychischen Belastung ausgesetzt, da er die Sorgen der Eltern übernimmt, was zu einem erhöhten Risiko psychischer Auffälligkeiten führe.

Im vergangenen Jahr nutzten rund 3,7 Prozent der unter 21-Jährigen im Landkreis die Beratungsstelle. Nach einem weitgehend pandemiebedingten Einbruch der Anmeldezahlen in den ersten Monaten des Jahres 2020 bewegen sich die Fallzahlen seit Juni aber wieder weitgehend auf dem Niveau der Vorjahre, heißt es im Bericht. Die Psychologische Beratungsstelle konnte vor allem bei der Anzahl der Telefonberatungen einen deutlichen Pandemie-Effekt erkennen: Diese haben sich mit 1.696 Gesprächen im Jahr 2020 im Vergleich zu 705 im Jahr 2019 mehr als verdoppelt.


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