Mehr Sicherheit am Helbingfelsen

Baden-Baden (nof) – Blaue Streifen rütteln Motorradfahrer auf: Mit dieser optischen Bremse soll für mehr Sicherheit am Helbingfelsen auf der B500 gesorgt werden.

Bitte abbremsen: Fünf blaue und leicht erhabene Querstreifen sollen vor der Kurve am Helbingfelsen dazu animieren, die Geschwindigkeit noch weiter zu drosseln. Foto: Nico Fricke

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Bitte abbremsen: Fünf blaue und leicht erhabene Querstreifen sollen vor der Kurve am Helbingfelsen dazu animieren, die Geschwindigkeit noch weiter zu drosseln. Foto: Nico Fricke

Poser-Hotspot und Unfallschwerpunkt: Mit je fünf Rüttelstreifen an den beiden Kurveneingängen am Helbingfelsen wollen Polizei und Stadtverwaltung die Sicherheit von Motorradfahrern erhöhen. Acht schwere Unfälle haben sich vergangenes Jahr auf dem kurzen Teilstück der B500 zugetragen.

Helbingfelsen: Treffpunkt der Poser-Szene

An sieben dieser Crashs waren Motorradfahrer beteiligt, sagt Peter Westermann, Leiter der Verkehrspolizeiinspektion Baden-Baden, bei der Vorstellung des neuen Sicherheitskonzepts. Und das kommt nicht von ungefähr: Im vergangenen Jahr habe sich der Rastplatz am markanten Helbingfelsen auf der Schwarzwaldhochstraße zu einem Treffpunkt der Poser-Szene entwickelt. Mit waghalsigen Manövern gelte es, die Kurve möglichst schnell zu durchfahren, fasst Westermann zusammen, was nicht nur verboten, sondern vor allem auch lebensgefährlich ist, bei den jungen Leuten aber wohl einen Kick auslöst. „Freunde filmen diese Raserei und stellen sie in die sozialen Medien“, weiß Westermann. „Manche sind sogar mit Schleifkappen an den Knien ausgerüstet, damit bei einer Bodenberührung in der Kurve die Funken fliegen.“ Bewacht werde die Strecke von zwei Observanten, die vor der Polizei warnen. „Ob wir diese Klientel mit den neuen Sicherheitsstreifen zur Vernunft bringen, ist sicher fraglich“, sagt Westermann. „Gegen Unvernunft ist kein Kraut gewachsen.“ Gemeinsames Ziel von Polizei und Stadtverwaltung sei es vielmehr, „die normalen und ortsunkundigen Kradfahrer zu schützen. Mit den blauen Streifen wollen wir darauf aufmerksam machen, die scharfe Kurve nicht zu unterschätzen“, erklärt Westermann.

Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer

Die Einschätzung von Eigen- und Fremdgefährdung habe an dieser Stelle eine große Rolle gespielt, sagt Bürgermeister Roland Kaiser. „Schnell gerät man in der engen Kurve auf die Gegenfahrbahn und gefährdet entgegenkommende Verkehrsteilnehmer.“ Deshalb sei überlegt worden, wie man die Sicherheit auf der Strecke noch weiter erhöhen könne. Entschieden habe man sich schließlich für die blauen Rüttelstreifen. „Vorbild ist ein Modellprojekt auf der B14 im Rems-Murr-Kreis. Dort sind die Unfallzahlen zurückgegangen“, sagt Kaiser. „Einen ähnlichen Effekt erhoffen wir uns hier natürlich auch.“

Die fünf quer zur Fahrbahn verlaufenden blauen Rüttelstreifen schütteln den Fahrer nicht durch, sondern lösen nur eine „leichte Vibration“ aus, erklärt Dirk Nesselhauf vom städtischen Tiefbauamt. Sie sollen den Fahrer auf die Gefahrenstelle aufmerksam machen und dazu bringen, die Geschwindigkeit zu drosseln. „Sie wirken als optische Bremse.“ Eine entsprechende Beschilderung – für internationale Kradfahrer auch auf Englisch – kündigt die Rüttelstreifen vor der Kurve an.

Dass sich die Verkehrsbehörden nur für einen „moderaten“ Rüttelstreifen entschieden habe, hat zwei Gründe: „Ein richtiger Rüttelstreifen würde die Radfahrer gefährden, die hier ebenfalls unterwegs sind. Und eine durchgezogene Abtrennung in der Straßenmitte würde wiederum den Lastwagen Probleme bereiten, erläutert Verkehrsexperte Westermann.

Rastplatzsperrung ist eine Option

Das Problem der Poser-Szene am Aussichtsfelsen ist damit aber nicht gelöst. „Mit normalen Kontrollen kommen wir der nicht bei“, räumt der Polizeidirektor ein. Allenfalls mit Beamten in Zivil könne man dort etwas ausrichten. Die Polizei werde den Hotspot im Blick behalten. Vergangenes Jahr sei man gezwungen gewesen, den Rastplatz zu sperren. „Es wäre schade, wenn wir das dieses Jahr wieder machen müssten“, so Westermann. Bürgermeister Kaiser sieht das zwar als „eine Option. Aber eine dauerhafte Schließung über den ganzen Sommer wird es nicht geben“, kündigt er an.

Polizei und Ordnungsamt kontrollieren vorbeifahrende Motorradfahrer auf dem beliebten Rastplatz an der Schwarzwaldhochstraße am Helbingfelsen. Foto: Nico Fricke

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Polizei und Ordnungsamt kontrollieren vorbeifahrende Motorradfahrer auf dem beliebten Rastplatz an der Schwarzwaldhochstraße am Helbingfelsen. Foto: Nico Fricke

Die Vorstellung der neuen Rüttelstreifen nutzten Polizei und Ordnungsamt am gestrigen „Tag gegen Lärm“ auch, um Motorradfahrer zu kontrollieren. Und es zeigt sich: Die noch ungewohnten Streifen lassen auch Auto- und Lkw-Fahrer auf die Bremse treten.

Einfach nur dumm

BT-Redakteur Nico Fricke kommentiert: „Es klingt fast unglaublich, was Polizei und Verwaltung berichten, doch wer (auch unter der Woche) auf der Schwarzwaldhochstraße unterwegs ist, kann sich manches Mal selbst ein Bild davon machen. Motorradverrückte verabreden sich nach Feierabend auf sozialen Netzwerken, um die Schwarzwaldhochstraße zur illegalen Rennstrecke umzufunktionieren. Ganz besonders beliebt ist dafür seit geraumer Zeit der Helbingfelsen an der B500 mit seiner „Applauskurve“ geworden. Der ohrenbetäubende Höllenritt wird per Helmkamera oder von an der Strecke positionierten Bekannten gefilmt und dann stolz ins Netz gestellt. Das eigene Leben wird dabei aufs Spiel gesetzt – aber vor allem das anderer Verkehrsteilnehmer gefährdet. Das ist kriminell. Auf öffentlichen Straßen hat so jemand bestimmt nichts mehr verloren. Und dann gibt es da noch einen zweiten Aspekt. Ein paar wenige Poser bringen mit ihrem asozialen Verhalten auch jene Motorradfahrer in Misskredit, die sich brav an die Straßenverkehrsordnung halten, aber dennoch unter den Vorurteilen gegenüber Bikern zu leiden haben. Und das ist einfach nur dumm.“

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Erstellt:
29. April 2021, 09:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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