Mehr und mehr erhalten ein Angebot

Baden-Baden (kli) – Die Ankündigung des Landesgesundheitsministeriums, ab Montag die Impfermine für über 60-Jährige freizugeben, sorgt für Dynamik. Für die Impfzentren in Mittelbaden hat das Folgen.

Die Empfehlung, Astrazeneca für die Personengruppe über 60 zu verwenden, hat Bewegung ins Impf-Management gebracht.     Foto: Owen Humphreys/dpa

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Die Empfehlung, Astrazeneca für die Personengruppe über 60 zu verwenden, hat Bewegung ins Impf-Management gebracht. Foto: Owen Humphreys/dpa

Ab kommendem Montag können sich auch alle Menschen über 60 Jahre gegen das Coronavirus impfen lassen. Was bedeutet das genau? Fragen und Antworten dazu:

Wie ist es bisher in den Impfzentren des Landes Baden-Württemberg geregelt?
Bislang sind die über 70- und über 80-Jährigen impfberechtigt. Das hat man im Landessozialministerium, das für das Impfmanagement zuständig ist, damit begründet, dass diese Altersgrenze ein besonders großes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf hat. Diese Personen sollten somit schneller an einen Impftermin kommen.

Unter welchen Bedingungen konnten bisher schon über 60-Jährige einen Impftermin erhalten?
Bislang waren über 60-Jährige nur bei bestimmten Vorerkrankungen oder aufgrund des Berufs impfberechtigt, zum Beispiel Lehrer oder medizinisches und Pflegepersonal. Möglich waren Impfungen aber auch für enge Kontaktpersonen von über 70-jährigen Pflegebedürftigen, die nicht in einer Einrichtung leben. Diese Einschränkungen fallen ab Montag weg.

Was ändert sich ab dem kommenden Montag genau?
Ab Montagvormittag, 19. April, öffnet das Land die Vergabe von Impfterminen für alle Menschen über 60 Jahre.

Warum wird das Impfen nun für die Über-60-Jährigen möglich?
Das hat mit der neuen Empfehlung der Ständigen Impfkommission zum Impfstoff Astrazeneca zu tun. Der Impfstoff wird nun in erster Linie für Menschen über 60 Jahren empfohlen.

Haben in der Zwischenzeit genug über 80-Jährige eine Impfung erhalten?
Aus Sicht des Landes ja. Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) sagt: „Täglich nehmen nur noch rund 20 bis 40 Menschen die Warteliste für die über 80-Jährigen in Anspruch. Von dieser Altersgruppe haben bereits deutlich über 70 Prozent eine Erstimpfung erhalten. Deshalb gehen wir jetzt den nächsten Schritt und öffnen ab Montag für alle Menschen über 60 Jahren.“

Wie kommt man an einen Impftermin?
Die Terminvergabe läuft in Baden-Württemberg weiter unter der Telefonnummer 116117 für Impftermine oder online über www.impfterminservice.de. Seit dem 7. April können auch die Hausärzte impfen.

Was bedeutet die Neuregelung für die über 70-Jährigen?
Das Sozialministerium ruft alle über 70-Jährigen dazu auf, in den kommenden Tagen Impftermine zu buchen. „Durch die weitere Öffnung ab Montag ist wieder mit einem starken Andrang über die Website und bei der Hotline zu rechnen“, sagt Lucha. „Deshalb sollten Menschen über 70 Jahren in dieser Woche noch die Chance nutzen. Eine Terminvereinbarung bleibt aber natürlich auch für sie über den Montag hinaus weiter möglich.“

Wie wirkt sich die Änderung jetzt schon aus?
Durch einen spürbaren Zuspruch im Buchungsverhalten. „Von vornehmer Zurückhaltung ging es am Dienstag steil nach oben“, sagt der Leiter des Baden-Badener Kreisimpfzentrums, Jürgen Jung, dem BT. Nach der Ankündigung, die Impfungen ab Montag für über 60-Jährige zu öffnen, sei die allgemeine Nachfrage enorm gestiegen. „Bis kommenden Montag sind von möglichen 3.375 Terminen bis auf 30 alle restlos gebucht“, sagt Jung.

Ist die Terminvergabe das logistische Hauptproblem?
Anders als noch vor ein paar Wochen sind inzwischen mehr Termine freigeschaltet. „Die Terminvergabe funktioniert, es gibt aber einfach zu wenig Impfstoff. Das ist das Hauptproblem – und nicht die Terminvergabe“, sagt der Pressesprecher des Sozialministeriums, Pascal Murmann. „Das ganze System ist auf die massenweise Vergabe von Terminen ausgerichtet, was die Lieferungen aber in der Vergangenheit leider nicht hergaben. Die Nachfrage ist weiterhin größer als das Angebot.“ Die hohe Nachfrage gilt allerdings nur für den Impfstoff Biontech. Bei Astrazeneca gibt es nach wie vor Zurückhaltung.

Was bedeutet das in konkreten Zahlen?
In den Impfzentren in Baden-Württemberg wären laut Sozialministerium 60.000 bis 80.000 Impfungen pro Tag möglich. In Baden-Baden sind es etwa 700. „Eine Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg hat kürzlich ergeben, dass es in den Arztpraxen pro Tag auch noch einmal in der Theorie 70.000 bis 80.000 Impfungen wären“, so Ministeriumssprecher Murmann. Derzeit würden in den Impfzentren aber „nur“ 43.000 Impfungen pro Tag durchgeführt. „Es können nur Termine vergeben werden, wenn auch der Impfstoff da ist.“

Ist Abhilfe in Sicht?
Dass die Hausärzte seit dem Dienstag nach Ostern impfen können, entlastet die Situation (nur nicht für die Hausärzte). Besserung verspricht sich Minister Lucha auch von einem Impfgipfel, zu dem er morgen virtuell einlädt. Er will in einer Videoschalte mit Kommunalpolitikern sowie Vertretern etwa von Ärztekammer, Apothekerverband und Krankenhausgesellschaft sprechen.

Wie sieht es vor Ort aus?
In Baden-Baden befürchtet Kreisimpfzentrumsleiter Jung, dass das Angebot spätestens in der übernächsten Woche nicht mit der Nachfrage mithalten kann. Bisher habe man keine weitere Ankündigung erhalten, dass weitere Astrazeneca-Dosen geliefert würden. Mit Biontech werde man ohnehin nur knapp beliefert. „Wir müssen wohl noch drei bis vier Wochen von der Hand in den Mund leben. Wir sind bereit. Unsere Mannschaft steht. Wir würden am liebsten rund um die Uhr impfen, wenn der Impfstoff da wäre.“

Und wie sieht es in Bühl aus?
Im Kreisimpfzentrum (KIZ) in Bühl gibt es für Freitag und Samstag für Impfberechtigte noch insgesamt 500 freie Termine. „Wir werben dafür, diese Termine wahrzunehmen“, sagt der Pressesprecher des Landratsamts, Benjamin Wedewart. Biontech-Termine seien ausgebucht, von Astrazeneca aber seien noch 3,500 Impfdosen vorrätig. Wedewart spricht von der mangelnden Akzeptanz von Astrazeneca. Das Problem: Die über 70-Jährigen konkurrierten mit den Jüngeren um Biontech.

Wie äußert sich das Misstrauen in Astrazeneca?
„Teilweise werden Termine nach der Buchung wieder storniert, sobald die Menschen erfahren, um welchen Impfstoff es geht“, berichtet Wedewart. „Wer jetzt als Impfberechtigter einen freien Termin will, hat gute Chancen, einen zu kriegen“, sagt er. Auch Minister Lucha wirbt für Astrazeneca. „In einzelnen Zentren bleiben aktuell Astrazeneca-Termine frei. Das ist zwar verständlich, aber in der Sache unbegründet. Der Impfstoff ist hochwirksam und ungefährlich.“

Wie reagiert man in Bühl darauf?
Damit der vorhandene Astrazeneca-Impftstoff nicht ungenutzt im Kühlschrank liegen bleibt, sind die über 60-Jährigen auch jetzt schon aufgerufen, sich einen Termin für Astrazeneca im KIZ Bühl zu besorgen – obwohl die Personengruppe offiziell erst ab Montag dafür freigegeben würde.

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Erstellt:
14. April 2021, 19:03 Uhr
Lesedauer:
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