Mehraufwand durch verschärfte Corona-Verordnung

Baden-Baden/Bühl (for) – Die neuen Besucherregeln für Pflegeheime und die Antigen-Testpflicht stellen für die Einrichtungen eine zusätzliche Belastung dar. Bundeswehrsoldaten sollen Abhilfe schaffen.

Pflegeheime sind laut der neuen Corona-Verordnung dazu verpflichtet, vor Ort Antigen-Schnelltests für Besucher und Externe anzubieten. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

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Pflegeheime sind laut der neuen Corona-Verordnung dazu verpflichtet, vor Ort Antigen-Schnelltests für Besucher und Externe anzubieten. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Vorsichtig führt Siegfried Wühle den Löffel zum Mund einer demenzkranken Dame, um sie zu füttern. Zwischendurch hält er inne und streichelt ihre Hand. Sie lächelt. Oft sind es kleine Gesten wie diese, die ihr Freude bereiten. Wühle weiß das, schließlich besucht er die Dame seit Jahren im Pflegeheim. Doch die Corona-Pandemie hat vieles verändert – Körperkontakt sollte eigentlich besser vermieden werden. Für Besucher von Pflegeheimen gelten immer schärfere Vorschriften. In der Praxis bringt das viele Probleme mit sich – insbesondere für das Pflegepersonal.

Negativer Antigentest und FFP2-Maske

Laut der aktuellen Corona-Verordnung des Landes haben Besucher von Pflegeheimen nur noch nach einem negativen Antigentest und mit einer FFP2-Maske Zutritt in die Einrichtungen. Mit dieser Maßnahme sollen die Heimbewohner geschützt werden. Wühle, amtlich bestellter Betreuer einer schwer demenzkranken Frau, die seit einigen Jahren in einem Baden-Badener Pflegeheim untergebracht ist, kann das durchaus nachvollziehen. „Auch für mich hat der Schutz der Pflegebedürftigen oberste Priorität“, sagt er. Aber dennoch befürchtet er, dass durch die verschärften Regelungen eine neue Hürde für Besucher und Pflegepersonal geschaffen wurde – mit teils schlimmen Folgen für die Heimbewohner.

Motorische Fähigkeiten verschlechtert

„Ich besuche die alleinstehende Dame regelmäßig dreimal die Woche und bin quasi ihre einzige Bezugsperson“, schildert er die Situation. „Vor der Corona-Pandemie war sie noch in der Lage, eigenständig aufzustehen und sich im Zimmer und dem Flur der Station frei zu bewegen.“ Allerdings hätten sich ihre motorischen Fähigkeiten durch die Besuchsverbote im Frühjahr so stark verschlechtert, dass sie dazu nun nicht mehr fähig sei. „Ein Grund dafür ist sicherlich, dass unsere regelmäßigen gemeinsamen Spaziergänge über Wochen nicht stattfinden konnten“, vermutet Wühle. Hinzu komme, dass das Pflegepersonal nicht immer die Zeit habe, sich so intensiv um die Dame zu kümmern, wie er es tut. „Und das soll kein Vorwurf sein, das zeigt nur, wie viel Arbeit auf den Schultern der Pfleger lastet“, betont er.

„Besuchsverbot durch die Hintertür“

Ein striktes Besuchsverbot aufgrund der Pandemie wie im Frühjahr dürfe es aus seiner Sicht deshalb nicht mehr geben. Zwar teilten auch viele Politiker diese Meinung, sagt Wühle. Die aktuelle Verordnung, die Besuchern nur noch mit negativem Corona-Test und FFP2-Maske Zutritt zu den Pflegeeinrichtungen erlaubt, sieht er aber als eine Art „Besuchsverbot durch die Hintertür“ an.

Viele Pflegeheime haben in der vergangenen Woche laut Wühle Angehörige und Besucher dazu aufgerufen, sich die notwendigen Tests eigenständig zu besorgen – entweder in der Apotheke oder beim Hausarzt – und dann den schriftlichen Nachweis beim Besuch vorzuzeigen. „Wenn man das mal hochrechnet, kann das mitunter ziemlich teuer werden“, sagt Wühle. Das könne in der Folge dazu führen, dass Angehörige aus finanziellen Gründen nicht mehr die Möglichkeit haben, ihre pflegebedürftigen Familienmitglieder regelmäßig in den Heimen zu besuchen.

Pflegeheime zu Schnelltests vor Ort verpflichtet

Hansjürgen Schnurr, Kaufmännischer Leiter des Hospiz beim Klinikum Mittelbaden (KMB), ist zuständig für die Koordination der Pflegeeinrichtungen des KMB. Er kann die Sorge von Wühle nachvollziehen. „Ein Test in der Apotheke kostet im Schnitt zwischen 40 und 50 Euro. Da kommt man als Besucher im Monat schnell mal auf 600 Euro, die man alleine für die Tests ausgeben müsste. Hinzu kommen die FFP2-Masken. Das kann man den Leuten meiner Meinung nach nicht zumuten“, betont er.

Mittlerweile hat das auch die Landesregierung erkannt. Zunächst waren die Pflegeeinrichtungen laut der Verordnung nämlich nicht offiziell dazu verpflichtet, vor Ort Schnelltests für Besucher anzubieten, schildert Schnurr die Situation. Das hat sich jetzt allerdings geändert: Seit vergangenem Montag müssen Pflegeeinrichtungen den Besuchern und externen Personen die Durchführung der Testung anbieten.

Das KMB hatte sich schon im Vorfeld selbst dazu entschlossen, Besuchern der Pflegeheime die Möglichkeit zu geben, sich vor Ort testen zu lassen. „Andernfalls wäre die Regelung meiner Meinung nach tatsächlich ähnlich wie ein Besuchsverbot“, sagt Schnurr.

Kaum Zeit für Organisation

Auch in den Einrichtungen des Paul-Gerhardt-Werks mit Hauptsitz in Offenburg sollen Besucher künftig vor Ort getestet werden. Das sei für Besucher aus Kostengründen zwar ein Vorteil, es mache die Gesamtsituation aber nicht einfacher, weiß Wühle. „Die Tests zu organisieren und durchzuführen, ist für die Pflegemitarbeiter ein erheblicher Mehraufwand“, weiß er. Das Personal, das für die Durchführung der Tests benötigt wird, fehle in der Folge auf den Stationen. Silke Boschert, Vorsitzende des Paul-Gerhardt-Werks, kann das bestätigen. Hinzu komme, dass die Einrichtungen erst am Wochenende über die Pflicht, Besuchern Schnelltests vor Ort anzubieten, informiert worden seien. „Und am Montag sollte es dann schon losgehen, viel Zeit, das alles zu organisieren, hatten wir also nicht“, klagt sie.

„Man schiebt der Pflege jede Verantwortung zu“

„Zum Glück haben wir schon in der vorherigen Woche aus eigenen Beweggründen alles dafür getan, um unseren Besuchern Schnelltests vor Ort zu ermöglichen. Es ist ja auch unser Wunsch, dass sie ihre Angehörigen weiterhin sehen können“, betont Michaela Hilberer, Leiterin Qualitätsmanagement. Aus diesem Grund habe das Paul-Gerhart-Werk schon im Vorfeld ausreichend Schnelltests bestellt, sagt Einrichtungsleiterin Julia Uhl.

Ein bisschen mehr Zeit, um sich auf die neue Situation und den zusätzlichen Arbeitsaufwand vorzubereiten, wäre aber dennoch wichtig gewesen. „Ständig werden Regeln aufgestellt oder kurzfristig verändert und wir sollen dann von heute auf morgen darauf reagieren“, schildert sie die Situation. „Man schiebt der Pflege jede Verantwortung zu und während im Frühjahr noch für uns applaudiert wurde, werden wir mittlerweile als ,schwarzer Peter‘ dargestellt“, fügt Boschert hinzu. „Es entsteht der Eindruck, dass die Pflegeheime schuld daran sind, dass die Corona-Infektionszahlen nicht sinken, aber das ist Unsinn. Die Pfleger hier machen einen großartigen Job und wachsen täglich über sich hinaus.“ Aber es sei eben so, dass viel zu wenig Personal in der Pflege vorhanden sei. Gleichzeitig kämen für die Pflegekräfte aber immer mehr Aufgaben zusätzlich zu ihrer eigentlichen Arbeit hinzu – die Durchführung der Schnelltests sei nur eine davon.

Viel formelle Arbeit

Auch Schnurr kennt dieses Problem. Schließlich müssten ja nicht nur Besucher getestet werden, sondern auch die Bewohner selbst und alle Mitarbeiter – letztere aufgrund der Ausweitung der Testpflicht nun sogar dreimal anstatt wie bislang nur zweimal pro Woche. Hinzu komme eine Menge an formeller Arbeit. „Wir müssen alles dokumentieren und uns im Vorfeld die Zustimmung der Bewohner oder deren Angehöriger einholen, dass wir diese überhaupt testen dürfen“, erklärt Schnurr. „Und das alles neben der ganzen Organisation rund um die Impfkampagne“, fügt er hinzu.

Das kann schnell dazu führen, dass dafür benötigtes Personal an anderer Stelle fehle. Um diese personellen Engpässe auszugleichen, sollen nun Bundeswehrsoldaten bei der Durchführung der Schnelltests in den Einrichtungen helfen, die laut Boschert 20 Euro pro Stunde plus eine Unterkunft und Verpflegung bekommen sollen. Wann die Soldaten tatsächlich zur Verfügung stehen und wer dann letztlich für die Kosten aufkommt, dazu hat Boschert noch keine näheren Informationen. „Wir haben aber im Vorfeld bereits aus eigenem Antrieb eine Stellenausschreibung gestartet, woraufhin uns auch einige ehemalige Fachkräfte, die mittlerweile in Rente sind, ihre Unterstützung bei der Durchführung der Tests zugesagt haben“, so Uhl.

„Politisch muss sich etwas ändern“

Das KMB habe ähnlich gehandelt und intern einen Aufruf gestartet, um unter den eigenen Mitarbeitern Leute zu finden, die den Kollegen in Pflegeeinrichtungen unter die Arme greifen. „Insgesamt konnten wir so 25 freiwillige Mitarbeiter auf unsere Einrichtungen verteilen, das sind zum Beispiel Teilzeitkräfte aus dem Hospiz, dem Labor oder der Kinderstation“, sagt Schnurr und fügt hinzu: „Wir profitieren hier wirklich von der Größe unseres Unternehmens und des ganzen Verbunds KMB.“ In einer kleinen Einrichtung mit weniger verfügbarem Personal sei der große Aufwand kaum zu stemmen, meint er.

Ob Soldaten da tatsächlich das richtige Mittel sind, um die Personalengpässe in der Pflege jetzt auf die Schnelle zu kompensieren, bezweifelt Boschert. Viel mehr müsse sich politisch etwas ändern, um nach der Krise nicht auch noch die letzten verbliebenen Pflegekräfte zu verlieren.

„Uns fehlen die Hände dazu“

„Wir können die Verordnung nicht umsetzen. Uns fehlen ganz einfach die Hände dazu.“ So reagiert SWB-Geschäftsführer Hubertus Seidler auf die verschärfte Coronaschutz-Verordnung des Landes Baden-Württemberg. Laut der ab dieser Woche geltenden Verordnung müssen stationäre Pflegeeinrichtungen Antigentests für Besucher und externe Personen anbieten. Werden diese sogenannten PoC-Tests abgelehnt oder die Getesteten sind infiziert, wird der Zutritt ins Heim untersagt. „Das führt dazu, dass Besucher lieber nicht zu ihren Angehörigen kommen“, beobachtet Seidler. „Diese vereinsamen dann.“

Seidler betreibt mit seiner SWB Wohnstift Betriebs-GmbH allein in Baden-Württemberg 18 Pflegeeinrichtungen mit knapp 2.000 hochbetagten Bewohnern. Bereits vor der jetzigen Verschärfung hatte er darauf hingewiesen, dass die Heime in der angespannten Situation dringend helfende Hände brauchen.

„Soldaten sind nicht die Lösung für unsere Personalengpässe“

Die Engpässe seien laut dem SWB-Chef auch nicht dadurch zu kompensieren, dass die Bundeskanzlerin den Senioren-Einrichtungen jetzt Bundeswehrsoldaten zur Unterstützung schickt. „Soldaten sind nicht die Lösung unserer Personalengpässe“, betont Seidler. Stattdessen würden Soldaten-Uniformen Senioren eher erschrecken und an die schwere Kriegszeit erinnern.

Außerdem würden die Soldaten dann ungeschult vor den Heimen stehen, um notwendige Kontrollen und Tests bei Besuchern und Personal durchzuführen. Auch Silke Boschert, Vorsitzende des Paul-Gerhardt-Werks, ist skeptisch. „Am Anfang hieß es noch, nur medizinisches Fachpersonal darf die Tests durchführen, das scheint jetzt nicht mehr der Fall zu sein.“

Als besseren Lösungsweg schlägt Seidler vor, den Heimen den medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) zur Seite zu stellen: „Damit wäre uns tatsächlich geholfen.“ Bis zu diesem Zeitpunkt, so Seidler, sähen sich viele Einrichtungen in Baden-Württemberg außerstande, die Verordnung umzusetzen. (red)


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